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Ein “neues Haus” für die kleine Mitra

Kategorie: Gesellschaft, Gute Nachrichten am Montag, 26. Oktober 2009 von Christina Maria GraweKommentieren Sie diesen Eintrag als Erster
Die kleine Mitra

Die kleine Mitra

Mittagszeit im indonesischen Dorf Sikabu Bukit. Die Sonne brennt erbarmungslos, nur die großen Palmen und Bananenstauden bieten etwas Schatten. Die kleine Mitra wartet schon ungeduldig mit ihren Freundinnen. Heute kommt ein neues Zuhause, hatte ihre Mutter ihr am Morgen gesagt. Und nun sitzt die Neunjährige auf dem Dorfplatz und wartet. Etwas anderes kann sie sowieso nicht tun. Das Erdbeben vom 30. September hat ihrer Familie das wenige, was sie besaßen, genommen. Die Schule ist auch zerstört, genauso wie alle Wohnhäuser in Sukabu Bukit. Spielsachen haben die Mädchen keine, hatten sie auch vor dem Erdbeben nicht. Und so sitzen Mitra und ihre Freundinnen nun seit Stunden schon gelangweilt auf dem staubigen Platz.

Deutsche Spendengelder am Ziel ihrer Reise

Hektik kommt auf, als endlich zwei große Trucks mitten auf der Dorfstraße halten. Caritas-Zelte aus Deutschland sind in der Ladung. Deutsche Spendengelder am Ziel ihrer Reise.

In Windeseile wird ein klappriger Tisch organisiert, Zettel mit Nummern sind bereits vorbereitet. Die Menschen drängeln sich um den Tisch, aber der Bürgermeister versucht, alle zur Ruhe zu bewegen.

Nach 10 Tagen im Freien erscheint so ein Zelt den Menschen hier wie eine Luxusvilla.

Nach 10 Tagen im Freien erscheint so ein Zelt den Menschen hier wie eine Luxusvilla.

Nur drei Menschen sind in Sikabu Bukit ums Leben gekommen. Aber ein Zuhause hat keiner der Überlebenden mehr. „Wir schlafen alle draußen.“ erzählt die kleine Mitra, die sich voller Interesse an den fremden weißen Menschen in die erste Reihe gedrängelt hat. Aber nachts kühlt es ab hier im Regenwald. „Wir frieren alle, weil man keine Tür zum zumachen hat.“ sagt sie in kindlicher Sprache. Auch ihre Familie bekommt ein Zelt. Ein wasserfestes 16-qm-Zelt, ein Schutz vor dem Wetter und vor allem auch ein Stück Privatsphäre für die Familie. Mitras Familie besteht aus fünf Menschen: Ihre Eltern, ein älterer Bruder und die Oma.

Ein neues Zuhause

Mitras Vater wird von der Liste aufgerufen. Er muss seinen Ausweis zeigen, den Empfang des Zeltes unterschreiben. Ein Stempelkissen steht bereit für die, die nicht schreiben können. Mitras Vater setzt seinen Daumenabdruck auf die Liste. Das Zelt lädt er auf ein klappriges Fahrrad. Mühsam schiebt er es über den Waldweg dorthin, wo sein Haus stand. Vor dem Haus hat die Familie gestapelt, was sie unter den Trümmern retten konnte.

Blonde Haare sind hier wirklich etwas Besonderes.

Blonde Haare sind hier wirklich etwas Besonderes.

Mitra bleibt erst einmal auf dem Dorfplatz. Zu spannend findet sie, was dort passiert. Weiße Ausländer hat sie noch nie von nahem gesehen. Sie nimmt all ihren Mut zusammen und fragt mich, ob sie meine blonde Haare einmal berühren darf. Sie darf. Ihre kleinen Freundinnen kichern. Aber Mitra ist das egal. Sie weicht mir die nächsten Stunden nicht von der Seite.

Die Verteilung dauert lange. Eine Frau wird laut, sie glaubt, man habe sie vergessen. Man beruhigt sie. Alle der Reihe nach. Nach und nach tragen die einzelnen Familien die Zeltrolle zu ihren Grundstücken. Hämmern ist aus dem Wald zu hören. Die Aufbau-Anleitung ist bebildert, einfach zu verstehen.

Die Mühe hat sich gelohnt.

Kurz darauf stehen tatsächlich schon erste Zelte. Direkt neben den Trümmern. Eine Übergangslösung, bis die richtigen Häuser wieder aufgebaut sind. Nach 10 Tagen im Freien erscheint so ein Zelt den Menschen hier wie eine Luxusvilla. Zwei Frauen sitzen lächelnd unter der neuen Plane und essen Reis. „Der Boden ist sogar wasserdicht““ rufen sie.

Mitra mit ihren Freundinnen

Mitra mit ihren Freundinnen

Mitra ist plötzlich verschwunden. Als wir am Abend, nachdem alle Zelte verteilt sind, noch einmal am Grundstück ihrer Familie vorbeikommen, ertönt das Gequietsche der kleinen Mädchen aus dem bereits aufgebauten Zelt. „Jippieh, wiiiir haaaben ein neues Hauuus! Yeah!“. Mitra springt mit ihren Freundinnen im Kreis und klatscht in die Hände. „Eeeeiiin neues Haus haben wir, juchhee!“ singen die Kinder. Und das ist dann einer dieser kleinen Momente, wo man als Helfer vor Ort weiß, dass alle Mühe sich gelohnt hat – dass jeder gespendete Cent sinnvoll angekommen ist.

Lebensrettender Regen in Padang

Kategorie: Gesellschaft, Gute Nachrichten am Montag, 12. Oktober 2009 von Christina Maria GraweKommentieren Sie diesen Eintrag als Erster
Junge im Erdbebengebiet von Sumatra, Indonesien

Junge im Erdbebengebiet von Sumatra, Indonesien

Vor 10 Tagen bebte die Erde mal wieder auf Sumatra, heftiger als sonst: Minutenlang hob und senkte sich die Erde heftig, Geologen maßen die Stärke 7,6.

Was blieb, sind Tränen, Angst und Not. Weit über 700 Todesopfer, mehr als 300 Menschen gelten noch als vermisst. Tausende Verletzte und rund 200.000 total zerstörte Häuser. Das ist das Leid in offiziellen Zahlen. Was es aber für jeden einzelnen bedeutet, lässt sich in Zahlen sicher nicht ausdrücken.

Ein Lichtblick

Mein Job in diesen Tagen: Ich bin als Kommunikatorin für das deutsche Hilfswerk Caritas International in Padang im Erdbebengebiet. Das heißt, ich soll den deutschen Spendern und Medien durch meine Berichte und Interviews die Katastrophe näher bringen, als es Zahlen tun können, die Geschichten der Menschen erzählen, der Not ein Gesicht geben.

Ich bin als Kommunikatorin für das deutsche Hilfswerk Caritas International in Padang im Erdbebengebiet.

Ich bin als Kommunikatorin für das deutsche Hilfswerk Caritas International in Padang im Erdbebengebiet.

Es sind traurige, oft verzweifelte Geschichten. Aber es gibt auch hoffnungsvolle Momente, Lächeln und kleine Wunder. Frohe Botschaften auch in dieser Katastrophe. Allein die Tatsache, dass über 135 Hilfsorganisationen aus aller Welt innerhalb weniger Tage, sogar Stunden hier waren, um Hilfe zu leisten, ist ein Lichtblick.

Meine frohe Botschaft von heute morgen aber:

Es hat geregnet, als die Erde zu beben begann und das hat unzähligen Kindern das Leben gerettet. “Hujan Hujanan” nennt sich das indonesische Kinderspiel: “in den Regen laufen und spielen.” Oft bringt erst der Regen nach einem heißen Tag etwas Abkühlung und die Kinder auf den Dörfern lieben es darum, im Regen rumzuspringen.

Kinder in Padang

Kinder in Padang

Am Nachmittag des 30. Septembers hat das viele vor dem Tod bewahrt. Als die Häuser in sich zusammenfielen wie Kartenhäuser und Steine, Zement, Holzbalken herunter stürzten, waren die Kinder draußen.

Mehr Informationen und Berichte auf www.caritas-international.de

Same same but different

Kategorie: Gesellschaft, Reisen am Freitag, 18. September 2009 von Christina Maria GraweKommentieren Sie diesen Eintrag als Erster

Jeder Tourist, der das erste Mal nach Thailand kommt, wird spätestens am zweiten Tag seines Aufenthaltes mit einer Situation konfrontiert werden, die er einfach nicht versteht. Beispiel: Er will ein rotes T-Shirt kaufen, fragt die Verkäuferin, ob es das vielleicht in XL gibt. Die nickt, hält ihm aber eine grüne Hose hin und sagt fröhlich – seinen erstaunt-fragenden Gesichtsausdruck ignorierend – „same same – but different!“. Ist doch genauso, nur eben anders!

Als Tourist findet man das amüsant, führt es auf mangelnde Sprachkenntnisse auf beiden Seiten zurück. Viele kaufen sich sogar die T-Shirts mit dem Schriftzug „same same but different“, die auf den Urlaubermärkten angeboten werden.

Wenn man aber hier lebt, kann eben gerade dieses „different“ schnell zu einem extremen Nervfaktor mutieren.

Sieht doch fast genauso aus!

Neulich: Ein Handwerker repariert die weißen Kacheln in meinem Bad, setzt aber eine einzige in beige ein. Same same, nur eben anders! Wo ist das Problem, scheint er mich zu fragen! Sieht doch fast genauso aus.

Same same!

Same same?

Ich gehe durch ein Kaufhaus, will schwarze hohe Schuhe kaufen. Der Verkäufer hält mir beige Wanderschuhe hin „Discount 10 percent!“ Ist doch besser, das billige Paar zu kaufen, denkt ER. ICH denke, wie zum Teufel soll ich denn Wanderschuhe unters kleine Schwarze anziehen!!

Meine Vermieter erhöhen die Miete, nachdem ICH renoviert habe. Schließlich ist das Haus nach dem Streichen und Reparieren ja mehr wert. Logisch, also mehr Miete! ICH soll mehr Miete zahlen, obwohl ICH renoviert habe?? Logisch für Thais, aber nicht logisch für mich als Deutsche.

Logik oder Unlogik, das ist hier die Frage …

Ein Autounfall: ein besoffener Thailänder auf einem Mofa ohne Helm fährt quer über die Autobahn, geradewegs ins Auto meines Mannes. Klare Schuldklärung in diesem Falle, aber man weist meinen Mann höflich darauf hin, er sei ja theoretisch mit Schuld. Schließlich wäre der Unfall ja nicht passiert, wenn er nicht gerade zu dem Zeitpunkt dort auf der Autobahn gefahren wäre. Und überhaupt, wäre er in Deutschland geblieben, wäre es nie zu diesem Zusammenstoß gekommen. Es ging nicht um Abzocke, das muss ich betonen. Selbst der Anwalt meines Mannes musste diese Logik bestätigen!

Logik oder Unlogik??

Mit viel Geduld und guten Gedanken klappt's dann auch irgendwann mit der Tapete ...

Mit viel Geduld und guten Gedanken klappt's dann auch irgendwann mit der Tapete ...

Der größte Kulturschock für mich immer wieder: Der Besuch im Baumarkt.

Ich möchte Tapete kaufen. Freundlich reicht man mir die Musterbücher und hilft mir bei der Auswahl. Ich finde eine Tapete und sage: Diese dort, 10 Rollen. Die Verkäuferin lächelt freundlich, nimmt mir das Buch (das sie mir kurz vorher gegeben hat, wohl bemerkt!) aus der Hand und sagt: Oh, diese Tapeten aus diesem Buch führen wir nicht!

Nach langjähriger Thailand-Erfahrung gebe ich aber nicht auf und frage geduldig nach einem Buch, dessen Tapeten sie führen. Ich suche also eine neue aus. Die Verkäuferin aber muss mich wieder enttäuschen: Sorry, nur noch 2 Rollen da. Sagt es, klappt das Buch zu und geht.

Baumarkt-gewieft laufe ich hinterher und frage, ob sie die Tapete denn bestellen könnte. Sie nickt freundlich: Ja, dauert eine Woche. Warum sie mir das nicht von sich aus anbietet, frage ich sie dann doch. Sie sagt, ich hätte doch nicht danach gefragt!

„Noo, no have.“

Selber Baumarkt, anderer Tag. Wir wollen eine Hochdruckreiniger kaufen. Der Verkäufer preist uns ein reduziertes Spitzenmodell an, wir entscheiden uns aber für ein anderes. „Noo, no have.“ Nein, diese Modell führen sie nicht, es sei auch nicht zu bestellen. Warum es dann überhaupt ausgestellt ist, verstehen wir nicht! Nein, auch das Ausstellungsstück sei nicht zu kaufen, das sei ja schließlich das Ausstellungsstück. Nach endlosen Diskussionen geben wir klein bei und sagen: Okay, wir nehmen das zuerst angepriesene reduzierte Gerät. Der Verkäufer schaut uns an und sagt: Oh, sorry, das ist ausverkauft! Er könne es zwar bestellen, aber nur zum doppelten Preis.

Wieso, weshalb, warum …

Das ist dann der Moment, wo man als Deutscher nur noch Fragezeichen in den Augen hat, einfach nicht verstehen kann, waaaarum und wieso und weshalb!

Immer wieder trifft man Ausländer in Thailand, die sich endlos aufregen über die faulen dummen Thais. Über die naiven blöden Asiaten usw.

Ich bemühe mich, nicht in diesen Chor einzustimmen. Denn, was wir immer wieder schnell vergessen: Auch wenn die Menschen hier die gleiche Mode tragen wie in Berlin und New York, auch wenn sie den gleichen Café Latte bei Starbucks bestellen, auch wenn sie wie überall auf der Welt The Bachelor und Grey´s Anatomy schauen und hier Sarah Connor im Radio dudelt: Wir sind hier am anderen Ende der Welt, in einem anderen Kulturkreis, leben mit Menschen, die eine andere Art der Schulbildung genossen haben, die in einer anderen Religion und Philosophie erzogen wurden, die offensichtlich wirklich einfach anders denken! Was ist denn schon Logik? Das, was wir Europäer für Logik halten??

Ein lustiges Beispiel zum Schluss:

Mein Mann möchte in eine bestimmte Werkstatt, hat die Telefonnummer bekommen, weiß aber die Adresse nicht. Er ruft an, fragt den Handwerker, ob er gleich aus dem Taxi noch einmal anrufen kann und das Handy dem Taxifahrer geben kann, so dass der die Adresse erfährt. Ja, kein Problem. Im Taxi also, mein Mann ruft wieder an, sagt: Ich sitze jetzt im Taxi und will zu deiner Werkstatt kommen, sagst du bitte dem Fahrer, wo es hingeht. Na klar. Umständlich wird alles erklärt, der Taxifahrer nickt und fährt hin. Geschlossene Rolltore an der angegebenen Adresse. Doch, sagt der Fahrer, die Adresse stimmt, schau doch, da steht das Schild besagter Werkstatt. Mein Mann ruft also wieder den Handwerker an. „Wo bist du? Warum sind die Rolltore zu?“ Der ist völlig erstaunt: „Heute ist doch Ruhetag, wir haben geschlossen!“ Wer hat den Fehler gemacht?? In der Logik des Thailänders: mein Mann. Schließlich hat er doch nur nach der Adresse und der Anfahrt gefragt, er hatte nicht gefragt „Hast du heute geöffnet?“

Mein Mann und ich, wir haben einen Weg gefunden, uns zu arrangieren. Wir setzen einfach nichts mehr voraus. Bei einem Kauf oder einer Verabredung erfragen wir alles bis ins letzte Detail. Dann wissen wir Bescheid und es entstehen keine Missverständnisse. Nur eine Art von Fragen versuchen wir zu unterdrücken: Fragen, auf die es zumindest von Thailändern keine Antworten gibt: die W-Fragen! Warum, wieso, weshalb und wann – neulich antwortete ein Thai auf die Frage „warum?“ mit „Kein warum.“ Klar und deutlich.

Die frohe Botschaft?

Warum ich diese Erlebnisse als frohe Botschaft aufschreibe – weil ich finde, es macht mir jeden Tag klar, dass ich nicht der Mittelpunkt der Welt bin, sondern dass sie groß und bunt ist. Ich lerne jeden Tag, mich aufs Neue zu arrangieren, anzupassen, aber auch mich durchzusetzen.

Oberflächlich betrachtet sind wir Großstädter Mitte bis Ende 30 eigentlich alle gleich, sind alle im Facebook, telefonieren mit dem I-Phone und wissen, welche Jeans gerade angesagt ist – aber dann wieder sind wir doch alle völlig verschieden.

Same same, aber doch different! Wie schön eigentlich!

Der schönste blaue Fleck der Welt

Kategorie: Gesellschaft am Dienstag, 25. August 2009 von Christina Maria GraweKommentieren Sie diesen Eintrag als Erster
Big vor 4 Monaten, als er noch nicht lächeln konnte.

Big vor 4 Monaten, als er noch nicht lächeln konnte.

Ich habe einen Knutschfleck. Ja, so richtig, einen blauen Fleck am Hals, deutlich sichtbar. Der Schuldige? Nicht mein Mann! ”Oho”, werden Sie denken! Aber ich bin glücklich über diesen Knutschfleck, denn er ist von einem Thailänder, in den ich ein bisschen verliebt bin! “Das wird ja immer schlimmer!” schütteln Sie jetzt sicherlich den Kopf. Na gut, die Erklärung: Besagter Thailänder ist ein noch ziemlich kleiner Mann, 10 Monate alt und den blauen Fleck hat er mir nicht erknutscht, sondern er hat einfach zu feste an meinen Hals gegrabscht. Warum ich mich so freue über diesen blauen Fleck?? Der kleine Junge heißt ”Big”, ein symbolischer Name, den man ihm gab, um ihm Kraft zu verleihen.

Man nannte ihn “Big”, um ihm Kraft zu verleihen.

Bigs Start ins Leben war nämlich alles andere als kraftvoll. Er kam mit dem HIV-Virus zur Welt. Seine Mutter – im fortgeschrittenen Stadium aidskrank – hatte ihn angesteckt. Nicht nur mit HIV, sondern auch mit TB. Die Schwangerschaft hatte sie so sehr geschwächt, dass sie nun – völlig abgemagert und apathisch – auf der Sterbestation liegt. Auch Big war ein jämmerlicher Anblick, als ich ihn vor 6 Monaten das erste Mal sah. Mutter und Baby waren durch glückliche Umstände in Bangkoks Mercycentre gelandet. Bigs Mutter wird hier immerhin würdevoll und liebevoll gepflegt ihre letzten Wochen verbringen dürfen. Auch für das Baby sah die Zukunft nicht rosig aus zu Beginn. Big konnte nicht lachen, war dünn und sah aus, als würde er den nächsten Tag nicht überleben. Ein schwerkrankes teilnahmsloses Baby, dessen Anblick mir das Herz schmerzen ließ. Die nächsten Monate verbrachte er immer wieder wochenlang im Krankenhaus, zum Glück mit einer liebevollen Pflege-Ersatzmutter an seiner Seite: Mae Gung, die seit Bigs Ankunft im Heim jede Nacht an seiner Seite lag, im Krankenhaus und im Heim.

Er lächelt …

Jedes Mal, wenn ich zum Mercycentre kam, war ich eigentlich auf eine traurige Nachricht über den kleinen Big eingestellt. Meist sagte man mir “Er schläft, er hat wieder Fieber!” oder “Er ist seit gestern wieder im Krankenhaus, braucht Infusionen.” Letztes Wochenende aber kam ich dorthin und fand eine strahlende Mae Gung und einen lächelnden Big vor. Ich erkannte ihn kaum wieder. Der Kleine ist mittlerweile 10 Monate alt, sieht zwar immer noch aus wie maximal 5 Monate, aber er hat ein bisschen Speck angesetzt. Er verträgt die neue Spezialnahrung jetzt sehr gut und auch alle anderen Medikamente sind nun offenbar richtig auf den kleinen Körper eingestellt. Und – er lächelte, zappelte und griff energisch feste an meinen Hals! Und das ist der Grund, warum dieser blaue Fleck der schönste der Welt ist.

Lachen lernen: die Geschichte der kleinen Peh, HIVpositiv.

Kategorie: Gesellschaft am Montag, 3. August 2009 von Christina Maria GraweKommentieren Sie diesen Eintrag als Erster
Peh – sie kann jetzt Eis essen, kichern und ein bisschen sprechen.

Peh – sie kann jetzt Eis essen, kichern und ein bisschen sprechen.

Wenn die 7jährige Peh besonders glücklich ist, dann quietscht sie laut und ihre kleine Zunge schiebt sich frech durch die kaputten Zähnchen, die sie beim Lachen zeigt. Noch sind es die Milchzähne, aber wahrscheinlich werden auch die neuen Zähne bald wieder faulen. Liegt nicht an mangelnder Hygiene – Nebenwirkungen der Medikamente, die sie jeden Tag nehmen muss. Auswirkungen des Virus, das ihre Mutter ihr vom ersten Tag an auf dieser Welt mitgegeben hat. HIV. Die kleine Peh hat Aids.

Ihre Geschichte ist eine von unzähligen in Asien: Papa trank oft ein bisschen zu viel, stromerte rum und steckte sich an in einem der billigen Bordelle auf dem Land. Mama erfuhr erst zwei Jahre später, als sie mit Baby Peh schwanger war, dass er auch sie angesteckt hatte. Papa starb zuerst, Mama wenige Wochen nach Pehs Geburt. Das war vor sieben Jahren.

Zunächst kümmerte sich die Oma um Peh.

Die Oma kümmerte sich zuerst um Peh, aber niemand in ihrer kleinen Hütte in den Slums kannte sich aus mit kranken Babies. Und Peh war irgendwie anders, das kapierten alle. Aber niemand hatte Zeit oder Geld oder Nerven, sich darum zu kümmern. Als die Oma sich nicht mehr kümmern konnte oder wollte, hatte eine entfernte Tante Mitleid, eine Straßenkehrerin mit schon drei Kindern und einem Motorradtaxifahrer-Ehemann. Peh war fünf, konnte weder laufen noch sprechen zu der Zeit. Die Tante ahnte von dem Virus, der Schuld daran war, traute sich aber nicht, es ihrem Mann zu sagen. Hatte Angst, der Mann würde sie dann mit den drei Kindern sitzen lassen. Tagsüber hatte niemand Zeit für Peh, so sperrte man sie in einen kleinen Raum ein, mit frischem Reis und Wasser, was blieb der Tante anderes übrig.

Ein Nachbar erzählte ihr dann von einer Art Kindertagesstätte für spezielle Kinder. Und so kam die kleine Peh ins Mercycentre, ein Kinderheim, Aidshospiz und Zuhause für Kinder wie Peh, für die niemand Zeit hat. Das war vor zwei Jahren.

Als ich Peh dort das erste Mal traf, konnte sie nicht laufen, nicht essen, nicht lachen und nicht sehen. Der Virus, zu lange nicht bekämpft, war stärker als ihr Augenlicht, stärker als ihr Nervensystem. Peh hat auch heute noch Schwierigkeiten, ihre Bewegungen zu koordinieren.

Sie kann jetzt stehen und beinahe alleine laufen.

Behutsam wurde sie in den letzten zwei Jahren in ihrem neuen Zuhause gepflegt und gestreichelt, gefüttert und auf die richtigen Medikamente eingestellt. Die ersten Wochen saß sie unbeweglich in einem kleinen Rollstuhl, weinte, als ich sie das erste Mal an ihrem Ärmchen berührte. Obwohl sie mich nicht sehen konnte – die komische weiße Frau mit gelben Haaren – hörte ich mich dennoch einfach fremd an. Viel Zeit ist seitdem vergangen. Die anderen Kinder im Heim – ebenfalls alle HIVpositiv – nahmen Peh als ihre kleine Schwester auf, wuschen sie, wickelten sie und ärgerten sie auch, so wie das ganz normale Geschwister tun. Die Hausmütter des Mercycentres pflegen sie liebevoll. Ein Physiotherapeut trainiert fast jeden Tag mit ihr, sie kann jetzt stehen und beinahe alleine laufen.

Und wenn ich heute Peh ab und zu treffe, quietscht sie laut. Sie kann jetzt Eis essen und kichern, sie kann ein bisschen sprechen und ein Händeklatschspiel beinahe perfekt, sie kann Küsschen geben und streckt mir immer ihren kleinen Kopf entgegen, damit ich ihr auf den Hals puste und sie noch viel mehr lachen muss.

Peh ist ein Glückskind.

Peh ist ein Glückskind. Klar, der Virus ist da, die meisten Nerven in ihrem Körper zerstört und auch ihr Augenlicht ist für immer weg und noch gibt es keine Langzeiterfahrungen mit den neuen Medikamenten. Aber ich denke nie daran, dass ich Peh mutmaßlich überleben werde, ich freue mich, wenn sie mich glücklich macht mit ihrem übermütigen Kichern.

Dank des Mercycentres in Bangkok haben viele Kinder wie Peh eine glückliche, liebevolle Kindheit in Sicherheit. Das Haus in den Slums von Bangkok ist auch für mich in den letzten fünf Jahren zu einem zweiten Zuhause geworden. Und so werde ich sicher noch viele der traurigen und dennoch fröhlichen Geschichten meiner kleinen Freunde dort für die Frohe Botschafterin aufschreiben.


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