Mein erstes Mal – The big M

Simone Pipek am Sonntag, 17. Januar 2010 in der Kategorie Gesellschaft, Gesundheit
Die pinkfarbene Schleife - offizielles Zeichen im Kampf gegen den Brustkrebs

Die pinkfarbene Schleife - offizielles Zeichen im Kampf gegen den Brustkrebs

Ach wie schön, selbst im hohen Alter von (fast) 40 gibt es immer noch Situationen, die ein erstes Mal darstellen. Dazu könnte gehören, dass man das erste Mal australischen Boden betritt, das erste Mal am Steuer eines Porsche 411 sitzt oder das erste Mal seit 25 Jahren das Zuhause verlässt, ohne Lippenstift aufzutragen. Alles nicht so schlimm – oder sogar sehr schön. In meinem Fall kam mein kürzlich erlebtes “erstes Mal” völlig unerwartet. Da bin ich ohne böse Hintergedanken bei meiner Frauenärztin, die Untersuchung ist vorbei, und sie fragt so nebenbei: “Haben Sie ‘mal über eine Mammografie nachgedacht?”

Bums, da ist ein erstes Mal. Habe ich darüber nachgedacht? Jaaa schon, aber nie ernsthaft, ich bin doch noch so jung, oder?! Und Brustkrebs haben wir nicht in der Familie. Da ich aber keine Spielverderberin sein will, mache ich brav einen Termin in dem Labor, das die Mammografien durchführt, und diese Untersuchung war auch wirklich nicht mehr als ein Spaziergang im Park.  Davon abgesehen natürlich, dass beide Brüste bis zur Unkenntlichkeit plattgedrückt werden, bis sie einem kleinen Pfannkuchen gleichen, passiert nicht sehr viel. Alles Routine. Das Ergebnis kommt dann mit der Post. Klar, kein Problem.

In der linken Brust wurde ein Schatten gesehen.

Oder doch? Die Resultate kommen vier Tage später, mit der Nachricht, dass in der linken Brust Schatten gesehen wurden, die weiterer Untersuchungen bedürfen. Das war unerwartet, aber immer noch ganz zuversichtlich google ich mein Ergebnis und erfahre, dass 80 % der Zusatzuntersuchungen ergeben, dass dies lediglich harmlose Verdickungen sind. Na zum Glück. Ein bischen nervös bin ich natürlich schon, als ich zum Sonogramm acht Tage später wieder im Labor bin. Ich habe keine Ahnung, was mich erwartet, bin aber ganz ergeben und mache alles, was von mir erwartet wird.

Und während ich also halbnackt auf der Liege im abgedunkelten, kalten, und wirklich nicht freundlichen Raum liege, die medizinisch-technische Assistentin mit dem Sensor auf meiner linken Brust herumfährt, packt sie mich dann doch, die Angst.

Was, wenn doch …?

Die ganze Untersuchung dauert nur eine halbe Stunde, aber mir kommt sie vor wie eine kleine Ewigkeit.

Ich versuche, mich zu beruhigen, atme tief ein und aus, konzentriere mich auf hübsche Dinge: Blumen, Sonne, Neuschnee … Aber so richtig hilft es nicht. Was, wenn doch etwas nicht stimmt? Der Gedanke schnürt mir den Hals zu, ich habe Schwierigkeiten, zu atmen und mir kullern unerwarteterweise ein paar dicke Tränen die Wangen hinunter, die die MTA entweder nicht sieht oder nicht sehen will. Auf meine Frage hin, was denn hier passiert, was sie (und auch ich, denn der Bildschirm ist mir zugewandt) auf dem Bildschirm sieht, bekomme ich die lakonische Antwort, dass sie nicht berechtigt ist, mir Auskunft zu geben. Das muss der Arzt machen. Nicht gerade beruhigend, besonders, da ich viele schwarze Flecken sehe, die sie ausmisst, die Daten aufschreibt und dabei keinerlei Gemütsbewegung zeigt.

Die ganze Untersuchung dauert nur eine halbe Stunde, aber mir kommt sie vor wie eine kleine Ewigkeit. Und die ganze Zeit wollen die Gedanken nicht stehen bleiben, sie drehen sich wie wild im Kopf herum, schneller und schneller, bis die MTA endlich die erlösenden Worte sagt, “We are done!”. Auch hier muss ich auf das Ergebnis per Post warten, was mir sehr unmenschlich vorkommt, aber so ist das eben. Auf meine Frage hin erklärt sie mir, dass ich spätestens am Ende der Woche das Ergebnis haben sollte, und heute ist Montag!  Fünf Tage Ungewissheit?

Vielleicht ist ja alles ganz harmlos …

Ich erzählte nur zwei Menschen von dem ersten Ergebnis, da ich niemanden unnötig beunruhigen mochte, und auch jetzt dachte ich “Warten wir erst einmal ab, was das Untersuchungsergebnis zeigen wird” . Ein Teil von mir weiß, dass ich diese Information unter Verschluss halte, weil ich mich schützen will, denn wenn ich die Worte zu häufig ausspreche, wird alles zu schnell zu plötzlich real, denke ich in meinem verwirrten Zustand. Vielleicht ist ja alles ganz harmlos? Trotzdem bin ich am Boden zerstört, und fühle mich plötzlich ganz krank, habe Schmerzen in der Brust, und male mir die schlimmsten Szenarien aus.

Was wäre, wenn …?

Meine Freundinnen Bettina und Martina sind genauso geschockt wie ich, leiden mit mir, und mir kommt der abgedroschene Satz in den Sinn “Geteiltes Leid ist halbes Leid”. Natürlich können sie mir die Angst nicht nehmen, aber es ist doch schön, Vertraute zu haben.

Tränen der Erleichterung

Nach einer schlaflosen Nacht gehe ich am nächsten Tag ins Büro, funktioniere mehr auf Auto-Pilot als alles andere, konfuse Gedanken finden immer ihren Weg in mein Bewusstsein. Und als ich emotional ermüdet von der Arbeit nach Hause komme, habe ich einen Brief vom Labor in meinem Briefkasten. Das ging schnell. Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Ich wiege den Brief in meinen Händen, halte ihn gegen das Licht, ohne etwas zu erkennen und brauche doch gute zwei Stunden, bis ich den Mut aufbringe, ihn zu öffnen. So, wie man ein Pflaster von der empfindlichen Stelle in der Armbeuge abreisst, öffne ich den Brief und lese nur den ersten Satz: “We are pleased to inform you that your recent digital mammogram is normal” (“Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass die Werte Ihrer letzten Mammografie sich als normal herausgestellt haben). Danach verwischen die Buchstaben, da sich Tränen der Erleichterung aus meinen Augen stehlen.

Warum schildere ich dieses Erlebnis so ausführlich?

Zum einen, weil dies das erste Mal in meinem Leben war, dass ich – wenn auch nur kurz – wirklich Angst um mein Leben hatte, und ich jedem ans Herz legen möchte, sich in solch dunklen Stunden an gute Freunde oder Familie zu wenden und das Gespräch zu suchen. Zum anderen, weil ich denke, dass Brustkrebs kein Tabuthema sein darf, dass offen darüber geredet werden muss, über die Angst und die Folgen. Egal, was meine persönliche Untersuchung ergeben hätte, fühle ich den Drang, diese kleine Episode mitzuteilen.

Brustkrebs darf kein Tabuthema sein.

Viele Leserinnen haben vielleicht dieselben Erfahrungen mit ähnlichem oder ernsthafterem Ausgang gemacht und können gut nachfühlen, was ich empfunden habe, und andere, jüngere Leserinnen, die irgendwann auf diese Untersuchung zusteuern, sollten sich gewahr sein, dass sie nicht alleine sind. Es war sicherlich ein traumatisches Erlebnis, was schlussendlich ein gutes Ende genommen hat, aber für viele andere Frauen ist dies nicht der Fall.

In meiner langjährigen journalistischen Tätigkeit in den USA bin ich häufiger mit der Susan G. Komen Gesellschaft in Kontakt gekommen, die hervorragende Aufklärungsarbeit betreibt und Hilfestellungen gibt. Bei Interesse und Fragen rund um das Thema Brustkrebs kann man sich bei http://ww5.komen.org/ informieren.

Der Busen hat einen besonderen Stellenwert für uns Frauen. Er ist Zeichen der weiblichen Sexualitaet, aber viele Frauen (auch ich) hadern mit ihren Brüsten – zu groß, zu klein, zu ungleich, das Bindegewebe zu schwach etc. Trotzdem oder gerade deshalb fühle ich mich heute sehr weiblich, und bin stolz auf meine vermeintliche Oberweite. Brust raus, Bauch rein.

Gesundheit ist ein Gut, für das wir täglich dankbar sein sollten.

Ansonsten habe ich für mich wieder einmal festgestellt, dass sich der Fels ums Herz herum gelöst hat, die Brocken nach und nach gefallen sind und ich mich leichter fühle, und ich die Welt, und alles, was sie zu bieten hat, noch stärker erleben möchte. Und ich bin froh, dass ich den Schritt Richtung Mammografie gemacht habe. Ein Reality-Check, der nun fast surreal anmutet, der mich gelehrt hat, dass Gesundheit ein Gut ist, für das wir täglich dankbar sein sollten.

Ein toughes erstes Mal.

With Healthy Wishes aus New York,
Ihre Simone

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