Zurück ins Zeitalter des Nicht-Computers

Simone Pipek am Dienstag, 30. Juni 2009 in der Kategorie Gesellschaft
Die Wider-Entdeckung der Langsamkeit

Die Wieder-Entdeckung der Langsamkeit.

Vor zwei Wochen ist’s passiert. Das Unvorstellbare. Oweia. Ohne jegliche Vorwarnung, Altersbeschwerden, rotes Lämpchen oder unerklärlicher Schluckauf – gab mein Laptop zu Hause plötzlich seinen Geist auf. Festgefroren. Rien ne va plus! Die Gefühle, die mir durch den Kopf gingen, waren vielerlei und nicht alle waren freundlicher Natur. Mein erster Impuls natürlich: Re-booten. Klar, kein Problem. Knöpfchen drücken und halten, bis dann dieser schöne theatralische Orchestersound erklingt, der den Ladeprozess eines jeden Rechners (und damit auch seine Gesundheit – dachte ich) ankündigt. Und dann sollte das schöne bunte Windows-Fähnchen erscheinen, gell? So wie es dies auch schon hunderte – ach was sag’ ich – tausende Male vorher gemacht hat. Und passiert ist … nichts. Stille, bis auf meine innere Stimme, die da ruft “Neineineineinein!” Panik macht sich in mir langsam breit, weil die Synapsen, die von meinen Augen zu meinem Gehirn führen, nun zögernd bekanntgeben: “Gehirn, da stimmt was nicht! Nur schwarzer Hintergrund mit weißen Hieroglyphen, das kann nicht richtig sein!” Wie sollte ich denn nun überleben, weitermachen, so abgeschnitten von der Welt, ohne Kontakt zu anderen Menschen, ohne Informationen, ohne Freude, und vor allem ohne Backup (Wer macht schon Backups, pfff?)?

Herrlich schrecklich oder schrecklich herrlich?

Dazu muss ich erwähnen, dass ich sehr wohl Besitzerin eines Blackberry bin, das mich telefonisch wie auch online mit dem Rest der Welt verbindet, und natürlich, wie die meisten Journalisten, fast den ganzen Arbeitstag lang am Computer sitzend verbringe, der per DSL mit dem Internet verbunden ist. Dennoch, ich fühlte mich abgekapselt, einsam, hysterisch, obwohl ich von meinen Freunden mitleidende Anrufe und Kondolenzbekundungen per Textmessage erhielt. Keiner wollte in meiner Haut stecken, nicht einmal ich selbst. Wilde Beschimpfungen wie auch zärtliche, einschmeichelnde Versuche, den I-Mac wieder zum Funktionieren zu bringen, schlugen leider fehl. Naja, ich habe nie an Zuckerbrot und Peitsche geglaubt. Aber ich glaube an Zeichen, und wenn dies keines war, was dann? Aufgrund meiner Gehirnumnebelung, basierend auf dem Schock und des Traumas, dem ich gerade erlegen war, habe ich das Zeichen aber nicht als solches erkennen können, sondern fühlte mich vom Schicksal einfach nur ungerecht behandelt. Ein Experte gab mir die niederschmetternde Diagnose: Festplatte total im Eimer. PANIK! Ruck-zuck musste ein anderer Computer her. Der alte war sowieso schon in Computerjahren ein Großvater, also her mit dem MacbookPro 17”. Nice! Alles funktionierte hervorragend, nur die WLAN-Verbindung wollte nicht so recht … Bis sie dann gänzlich den Geist aufgab. Herrlich schrecklich oder schrecklich herrlich? Ich habe mich für schrecklich herrlich entschieden, denn da hat es plötzlich “klick” gemacht. Relax! Bleib stehen! Wenn du die E-Mail erst am Morgen beantwortest, geht die Welt nicht unter! Du musst nicht immer machen, machen, machen. Und wer hätte das gedacht, eine Woche später bereits fühlte ich mich pudelwohl, so mit ohne Computer. Ich fahre nicht mehr zweigleisig (Hörer am Ohr und Augen auf dem Bildschirm), sondern konzentriere mich voll auf meinen Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung. Und das ist schön und richtig so. Wenn ich dringend etwas nachgucken muss, rufe ich einfach einen meiner verkabelten Freunde an, die freuen sich immer, von mir zu hören. Und für einen netten Plausch ist nun auch viel mehr Zeit, komischerweise. Ich danke also der Computerindustrie, dass sie Computer immer kurzlebiger baut, denn sonst hätte ich wohl nie (un)freiwillig eine Auszeit vom Computerzeitalter zurück in die Steinzeit genommen. Und auch meine Freunde sind mittlerweile ganz neidisch, weil ich so ausgeglichen und froh wirke. Ich glaube, ich werde mir mit der Reparatur noch ein wenig Zeit lassen.

– ENDE – oder doch noch nicht? …

Das Wunder von Manhattan.

Das Wunder von Manhattan.

Nachdem ich diese kleine Geschichte niedergeschrieben hatte, machte ich mich gleich daran, ein Foto von dem dahingegangenen Computer zu schießen. Zu diesem Zweck habe ich den “kaputten” Desktop fotografieren wollen. Und siehe da, der Rechner fährt hoch, macht keine Mätzchen und mit einem Plop zeigt er mir sein schönes, gesundes Gesicht. Nun beherberge ich zwei Computer, beide im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte (der andere hat dann doch auch ein Einsehen gehabt und mich ins Internet gehen lassen), aber ich halte mich trotzdem an das, was mich diese kleine Episode gelehrt hat: Ab und zu einen Gang herunterschalten, alles langsamer und mit größerer Geduld angehen. Schaun wir mal, dann seh’n wir schon!

  1. Hallo Simone,

    deine Geschichte erinnert mich an folgende Begebenheit: Vor ein paar Monaten fuhr ein Lastwagen den Stromkasten vor unserem Haus um. Was schön war? Dass die Servicefirma sofort kam, um den Schaden zu beheben. Was zunächst nicht schön war? Wir hatten für Stunden keinen Strom und das ist für Selbständige, die ihr Büro zu Hause haben, eine “kleine” Katastrophe: Kein Telefon, kein Internet, keine E-Mails … Wir – mein Mann und ich – haben an jenem besagten Tag bald entschieden, uns “frei zu nehmen” und den Tag zu genießen. Denn arbeiten konnten wir ja nicht wirklich … Schade war nur, dass natürlich auch die Kaffeemaschine nicht funktionierte. So fuhr ich zur nächsten Bude, um für mich und meinen Gatten einen Kaffee zu kaufen, kam wieder nach Hause und … der Strom war wieder da. Schade … ;o) Auch wir haben unsere (un)freiwillige Auszeit sehr genossen. Du hast vollkommen recht damit, ab und zu inne zu halten, “Stopp” zum inneren Antreiber zu sagen und das Leben in Langsamkeit zu genießen. Hast du nicht auch schon festgestellt, dass gerade in diesen Situationen alles wie von selbst zu laufen scheint? Dass du gar nicht mehr soviel Energie aufwenden musst? Ich liebe diese Erkenntnis und versuche jeden Tag – so gut ich es kann – im Hier und Jetzt zu sein. Den Moment zu leben und mich auf das voll und ganz zu konzentrieren, was ich tue. Und das Schöne daran? Die Zeit vergeht wieder fast so langsam wie in unserer Kindheit.

    In diesem Sinne wünsche ich dir einen herrlich langsamen Tag!
    Deine Christine

  2. Heike Horst sagt:

    Liebe Frau Pipek, liebe Leser,

    ich kann diesen Beitrag so gut nachempfinden. Auch die Unruhe, die einen befällt, wenn man mal nicht erreichbar ist, kenne ich gut. Doch dann die Erfahrung, wenn mal nichts funktioniert und die daraus entstehenden Freiräume. Ich bin umgezogen und habe es genau eine Woche sehr gut ohne PC und Internet ausgehalten. Ich hätte es auch gut ohne Telefon ausgehalten, doch die Telekom hat pflichtbewusst am Umzugstag umgestellt. Dann die Feststellung, dass ich so viel anderes erledigen kann und mich viel freier fühle. Immer wieder denke ich jetzt daran und erinnere mich so: nicht erreichbar zu sein, bringt mich mir selbst näher. Und: E-Mail ist ein Reaktionsmedium, wo keiner feststellt, wann man liest und so setze ich mich gar nicht unter Druck. Denn wie der Kölner gern sagt: et hätt noch emmer joot jejange.

    Viele Grüße

    Heike Horst

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