Moderne Guerilleros lieben Flower-Power

Christine Reichmann am Donnerstag, 30. Juli 2009 in der Kategorie Gelesen, Gesellschaft, Kultur
Ernten, was man sät ...

Ernten, was man sät ...

Stellen Sie sich vor, Sie gehen morgen früh aus dem Haus und da, wo gestern noch öde, leere Betonkübel, vereinsamte Straßenlaternen und verwahrloste Verkehrsinseln waren, entdecken Sie plötzlich liebevoll angelegte Beete mit blühenden Blumen. Eine solche Pracht ganz einfach über Nacht? Sie trauen Ihren Augen nicht? Sie glauben, das gibt’s nicht?

Gibt’s doch! Guerilla-Gärtnern nennt sich diese wundervolle Aktion. Und die kommt – wie so viele kreative Ideen – aus New York. Dort begann schon 1973 eine Gruppe New Yorker mit der eigenmächtigen Begrünung ihres verwahrlosten Stadtteils. 1990 dann zeigte Andie McDowell als schöne Guerilla-Gärtnerin im Film „Green Card“, welch wundervolle Blüten ein bisschen Phantasie gepaart mit einem grünen Daumen treiben kann. Inzwischen ist der erste Nachbarschaftsgarten in New York ein offizieller Park.

Mit steigendem Umweltbewusstsein treibt eine kleine grüne Revolution ihre Wurzeln. Und so wird das so genannte Guerilla-Gärtnern weltweit immer populärer. Denn so bekommen viele Stadtbewohner ohne eigenen Balkon oder Garten die Möglichkeit, sich zu erden und dem Urbedürfnis des Buddelns und Pflanzens nach Herzenslust nachzugeben.

Anrührende Stiefmütterchen in einem vergessenen Papierkorb

Guerilla-Gärtner gehen auf die Suche nach ungenutzten öffentlichen Flächen, vernachlässigten Pflanzcontainern und Beeten, Verkehrsinseln oder Schmuddelecken. Sie räumen auf, pflanzen oder säen neues Grün. Danach hegen und pflegen Sie „ihr Gärtchen“ und machen damit nicht nur sich selbst, sondern auch vielen anderen Menschen eine große Freude. Dabei arbeiten Guerilla-Gärtner stets im Verborgenen. Und so entstehen über Nacht blühende Landschaften: unverhoffte Blumen in der unwirtlichen Umgebung eines Häusermeeres, überraschende Hängegeranien an der Bushaltestelle, anrührende Stiefmütterchen in vergessenen Papierkörben oder aufheiternde Narzissen auf Grünstreifen.

New York – die Wurzel des Guerilla Gardenings

Erfunden wurde der Begriff des Guerilla-Gärtnerns bzw. des Guerilla Gardenings 1973 von der New Yorker Künstlerin Liz Christy. Nachdem sie entdeckt hatte, wie im Müll ihres damals ziemlich heruntergekommenen Stadtteils Bowery-Houston Tomatenpflanzen wuchsen, die aus weggeworfenen Tomaten gekeimt waren, begann sie gemeinsam mit Freunden Pflanzensamen auszusäen, wo auch immer sie einen geeigneten Platz dafür entdeckte. Liz nannte sich und ihre Freunde Green Guerillas. Und es gelang ihr im Laufe der Zeit, den daraus entstandenen Nachbarschaftsgarten zu pachten, der heute Liz Christy Garden heißt.

Grüne Welle

Die grüne Welle boomt weltweit.

Auch in europäischen Städten gibt es mittlerweile zahlreiche heimliche Gärtner. So zum Beispiel in Hamburg, Köln, Wien, London, Kopenhagen, Brüssel und Paris. Und wer schauen mag, was Guerilla-Gärtner in aller Welt zum Blühen bringen, der findet dies im Buch „Guerilla Gardening: Ein botanisches Manifest“ von Richard Reynolds und Max Annas oder auf der Webseite www.guerrillagardening.org

Ein kleines Fleckchen Erde, Blumen, Liebe und Wasser …

Wer sich nun ein Beispiel nehmen und seinen grünen Daumen als Guerilla-Gärtner unter Beweis stellen möchte, suche sich ein kleines Fleckchen Erde, befreie es von Unkraut und gestalte es neu. Was Sie dazu brauchen? Eine Kiste voller Pflanzen – z. B. Lavendel, Katzenminze, Kapuzinerkresse, Efeu, Korn- oder Sonnenblumen –, etwas fruchtbare Erde aus der Tüte und täglich etwas Aufmerksamkeit und Wasser. Wer nicht heimlich gärtnern möchte, hole sich vorher eine Genehmigung vom zuständigen Ordnungsamt – in Hamburg beispielsweise unter www.gruenpate.de. In Köln können Sie eine Patenschaft für eine Baumscheibe (das offene Erdreich rund um einen Baum) übernehmen und diese nach eigenen Wünschen bepflanzen. Weitere Informationen dazu erhalten Sie vom Kölner Grünflächenamt.

„Leben allein genügt nicht“ sagte der Schmetterling, „Sonnenschein, Freiheit und eine kleine Blume muss man auch haben.“ – das schrieb schon Hans Christian Andersen. Damit bleibt mir nur noch, Ihnen Folgendes mit auf den Weg zu geben: Genießen Sie die Freiheit und lassen Sie Blumen blühen! Dann kommen die Schmetterlinge von ganz allein.

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