Bücher der Erinnerung
Wir kennen sie alle, die Poesie-Alben unserer Kindheit. Fröhlich, bunt, mit leichten, positiven Sprüchlein und Glanzbildchen bestückt. Für mich eine Erinnerung, die sich nicht mit Gold aufwiegen lässt. Die Sprüche wiederholen sich beizeiten, und ich bin mir sicher, dass ich die gleichen auch in den Alben meiner FreundInnen wiederfinden würde, zum Beispiel:
“In allen vier Ecken soll Liebe d’rin stecken” ca. 8-mal
“Zwei Täubchen die sich küssen/Und nichts von Falschheit wissen
So liebevoll und rein/Soll unsre Freundschaft sein” ca. 3-mal
“Marmor, Stein und Eisen bricht,/aber unsere Freundschaft nicht.” ca. 6-mal
In den Augen eines Erwachsenen nicht immer auf dem höchsten Stand literarischen Ausdrucks, erzählen diese Sprüche doch die Geschichte einer unbschwerten Kindheit, aufgeschlagener Knie, Hausaufgaben und Versteck-Spielen mit Freunden. Eine Zeit, in der wir uns über Politik, das Ozonloch oder den Job noch keine Gedanken machen mussten.
Geteilte Erinnerungen
Wenn ich mein grelles, geblümtes (echt 70er Jahre) und mittlerweile recht abgegriffenes Poesie-Album zur Hand nehme, drängen sich mir mit jeder umgeschlagenen Seite, und damit mit dem jeweiligen Kindergartenfreund oder Schulkameraden, der sich hier verewigt hat, Bilder auf, die nicht gefilmt oder fotografiert sind, sondern “nur” in meinem Kopf, meiner Erinnerung und meinem Herzen bestehen. Und das Schöne daran: Es gehören immer mindestens zwei Menschen dazu, denn diese Erinnerungen sind geteilte Erinnerungen, und ich weiß, dass irgendwo auf dieser Welt jemand ist, der dabei war, als wir diese Erinnerungen tatsächlich gelebt haben. Viele dieser alten Freunde sind nicht mehr Teil meines heutigen Lebens, nehmen aber doch einen großen Platz ein, wenn ich gelegentlich eine Reise Richtung Memory Lane antrete.
Mein Gästebuch
Im gestandenen Alter von 39 Jahren laufe ich nun natürlich nicht mehr mit einem Poesie-Album herum, das wäre ja peinlich, oder?! Ich habe mir aber, dadurch, dass ich Zimmer in New York vermiete und damit mit so vielen verschiedenen, lieben, aufgeregten und enthusiastischen Menschen in Berührung komme, etwas ähnlich Schönes aufbauen können. Mein Gästebuch.
Darin darf/kann/mag sich jeder verewigen, den seine Urlaubseise durch meine schönen vier Wände führt, und wie auch beim Poesie-Album werden hier Erinnerungen zu Papier gebracht, die mich für immer mit diesen Menschen verbinden. Ich helfe ihnen ein Stück weit, den Aufenthalt in dieser schönen Stadt zu einem besonderen Erlebnis zu machen. Im Gegenzug dazu darf ich einen kleinen Einblick in deren Leben nehmen – und was könnte spannender und bereichernder sein? Es gibt keinen Maßtab, manchmal findet sich hier ein simples “Dankeschön”, ein andermal ein Kunstwerk, immer in echter Handschrift – eine Seltenheit in unserer Zeit, die von E-Mails und Textnachrichten geprägt ist. Einfach schön.
Vielleicht ist dieser Artikel ein kleiner Anreiz für Sie, liebe Leserin, auch einmal wieder das alte Poesie-Album herauszukramen und darin zu schmökern. Darin findet sich vieles, was uns zu der Person gemacht hat, die wir heute sind, und der immer währende Einfluss der Vergangenheit hilft, den Blick nach vorne, in die Zukunft gerichtet zu halten und zu reflektieren.
In diesem Sinne: “Lebe heiter, lebe froh, wie der Mops im Haferstroh!”
Ihre Simone




Und ich war immer neidisch auf meine beste Freundin Sandra, denn die schrieb immer den in meinen (Kinder)augen tollsten Spruch in alle Poesiealben “Nie verlerne so zu lachen wie du heut lachst froh und frei, denn ein Leben ohne Lachen ist ein Frühling ohne Mai.” Den Spruch fand ich damals beeindruckend. Aber Sandra war immer schneller!
Hast du auch “Ich hab mich hinten angewurzelt, damit dir niemand aus dem Album purzelt.” ?? (-:
Liebe Grüße nach New York, Christina