Einträge mit dem Schlagwort ‘Abenteuer’

Wanja und die wilden Hunde

Kategorie: Gelesen, Gesellschaft, Kultur, Mensch & Tier, Reisen am Sonntag, 26. Februar 2012 von Christine ReichmannKommentieren Sie diesen Eintrag als Erster

Über 10 freilebende Hunde und 86 Bauern am Ende der WeltWow! Ich habe soeben ein grandioses Buch zu Ende gelesen: “Wanja und die wilden Hunde” von Maike Maja Nowak. Wovon dieses Buch handelt? Die Autorin geht in ihrem Buch zurück in die Zeit zwischen 1991 und 1997 – in eine Zeit, die sie im russischen Dorf Lipowka verbrachte. Hier lebte sie mit den dortigen Bauern fast abgeschnitten von der Welt. Und doch tat sich dort für die Autorin ein wahres Universum auf – voll von Einfachheit, Herzenswärme und Nähe. Wanja macht den Anfang und nach und nach finden sich neun weitere Hunde an Majas Seite ein. Die Hunde ebenso wie die russischen Bauern erobern ihr Herz und werden zu wahren Lehrmeistern für ihr weiteres Leben. In faszinierender Art und Weise beschreibt Maja Nowak das wunderbare Zusammenspiel von Hunden und Menschen an einem einzigartigen Ort. Sie lebt heute in Berlin, studierte Hundepsychologie und Verhaltenstherapie für Hunde. In ihrem Dog-Institut in Berlin wendet Maja das an, was sie von Wanja und ihren anderen russischen Hunden gelernt hat. Und dabei handelt es sich nicht um herkömmliche, moderne Hundeerziehungsmethoden, sondern um eine natürliche, hund- und artgerechte Kommunikation. Maja Nowak lässt Hunde Hunde sein und bedient sich der ihnen  eigenen “Sprache”. Das Ergebnis: eine harmonische, liebevolle Beziehung zwischen Hund und Mensch. Wer dieses Buch zur Hand nimmt, wird es vermutlich  – so wie ich – nicht wieder aus der Hand legen, ehe er es zu Ende gelesen hat. Ein Lieblingsbuch für alle, die ihre Hunde und das Leben lieben, für alle, die auf der Suche nach einem spannenden Abenteuer sind und für all jene, die ihrem Hund tief in die Seele blicken wollen … Lesen Sie los!

Die Elefantenführer von Bangkok

Kategorie: Gesehen, Kultur, Mensch & Tier, Reisen am Mittwoch, 1. September 2010 von Christine ReichmannKommentieren Sie diesen Eintrag als Erster

Gestern habe ich im WDR Fernsehen eine tolle Reportage gesehen: “Thailands schweres Erbe: Die Elefantenführer von Bangkok”. Noch vor 15 Jahren arbeiteten mehr als 4.000 Elefanten und ihre Führer – die sogenannten Mahouts – in den Wäldern Thailands. Doch seitdem die thailändische Regierung den Kahlschlag der Wälder gestoppt hat, sind Elefanten und ihre Mahouts arbeitslos. So wie der 36jährige Elefantenführer Vicha Vilaithonqcam und seine Elefantendame Dern Pen. Beide zog es – wie viele andere von ihnen – in die großen Städte wie Bangkok. Hier verdingen sie sich als Touristenattraktion und verkaufen Bananen als Elefantenfutter oder bieten Ritte auf den Elefanten an.

Doch in Bangkok sind die Dickhäuter ein großes Sicherheitsrisiko im Straßenverkehr. Zudem monieren Tierschützer, dass Abgase und der zum Teil glühend heiße Asphalt die Gesundheit der Elefanten stark beeinträchtigen. Ein neues Gesetz verbannt nun diese Mahouts und ihre Arbeitselefanten aus Bangkok. Wer trotzdem bleibt und erwischt wird, hat hohe Geldstrafen zu zahlen. Darüber hinaus droht die Zwangsdeportation der Dickhäuter in ein staatliches Elefantenlager im hohen Norden des Landes.

Das “Mahout and Elephant Project”

Mahout Vicha und sein Kollege Mon haben andere Pläne. Sie haben von dem “Mahout and Elephant Project” – einem privaten Elefantencamp in Pattaya gehört. Hier können zahlende Volontäre den Elefantenführerschein machen. Ein nachahmenswertes Projekt, das den Mahouts und ihren Elefanten eine gute Alternative zum Straßenleben bietet.

Ein Kamerateam des WDR begleitet die beiden Mahouts Vicha und Mon mit ihrer Elefantendame Dern Pen auf ihrem abenteuerlichen Weg von Bangkok in die Touristenmetropole Pattaya, in der die letzten Elefantenführer von Bangkok eine neue Heimat finden …

Der Beitrag ist absolut sehenswert und wird am Montag, 06. September 2010 zwischen 14.30 und 15.00 Uhr im WDR Fernsehen wiederholt.

Die italienischen Schuhe

Kategorie: Gelesen, Kultur am Dienstag, 31. August 2010 von Christine ReichmannKommentieren Sie diesen Eintrag als Erster
"... Mankell hat eine neue Sprache gefunden ... Sie hallt wie ein Schlag auf Eis über die gefrorenen Meeresbuchten wider und tönt fort im Herzen der Menschen." Ystads Allehanda

Ein spannender Roman über die Liebe und die Einsamkeit.

“Die italienischen Schuhe” von Henning Mankell ist ein bittersüßer Roman über die Liebe und die Einsamkeit. Der ehemalige Chirurg Fredrik Welin – der Protagonist des Romans – lebt zurückgezogen auf einer kleinen Schäreninsel. Seine Gefährten sind ein Hund, eine Katze sowie ein wachsender Ameisenhaufen in seinem Wohnzimmer. Frederiks einzige zwischenmenschliche Begegnung ist die mit dem Postboten, der regelmäßig bei ihm an Land geht. Frederik glaubt, mit seinem Leben abgeschlossen zu haben. Nur, wenn er durch ein Loch, das er sich ins Eis hackt, in das bitterkalte Wasser steigt, spürt er, dass er noch lebt. Doch eines Tages entdeckt Fredrik seine einstige Jugendliebe Harriet mit ihrem Rollator auf dem Eis. Mittlerweile schwerkrank erinnert sie ihn nach 40 Jahren an ein altes Versprechen, das er nun einlösen soll. Fredrik soll mit ihr an einen kleinen Waldsee in Nordschweden fahren, an dem er als Kind oft mit seinem Vater war.

Eine Reise in die Vergangenheit und zurück zu den Menschen

Das Einlösen dieses Versprechens gestaltet sich als Reise in die Vergangenheit, voller unverhoffter Begegnungen. Fredrik lernt seine Tochter kennen, die im Wald in einem Wohnwagen haust. Er begegnet Sima, einer jungen Iranerin, die in einer Gruppe schwer erziehbarer Mädchen lebt und Gianconelli, einem alten italienischen Schuhmachermeister, der im Wald bei Härjedalen jedes Jahr genau zwei Paar Schuhe nach Maß fertigt. Und Frederik bekommt die Chance, eine alte Schuld abzutragen, einen Kunstfehler mit schwerwiegenden Folgen. Auf seiner Reise in die Vergangenheit findet Fredrik nicht nur Glück und Schmerz, sondern er findet auch zurück zu den Menschen. “Die italienischen Schuhe” ist ein Buch voll von unvergesslichen Begegnungen, voller Nachdenklichkeit und Leidenschaft. Und so wie der Winter in den Schären eiskalt und dunkel ist, so schön und herzerwärmend kann der dortige Sommer sein. Lassen Sie sich in eine außergewöhnliche Gegend und in eine spannende Geschichte voller scheinbar unvereinbarer Gegensätze entführen …

Henning Mankell: “Die italienischen Schuhe”, Paul Zsolnay Verlag, Wien 2007

„Gaukler der Lüfte“: Mitmachen beim Abenteuer Faltertage 2009!

Kategorie: Mensch & Tier am Freitag, 14. August 2009 von Christine ReichmannKommentieren Sie diesen Eintrag als Erster
Gaukler der Lüfte

"Gaukler der Lüfte"

Fotos von Silvia Orlando Akagi

An diesem Wochenende (15./16. August 2009) ist es wieder soweit. Ausgerüstet mit Stift und Zählbogen schwärmen tausende Naturfreunde in ganz Deutschland aus, um auf die Suche nach Schmetterlingen zu gehen. Sie folgen damit schon zum fünften Mal dem Aufruf des BUND im Rahmen des Abenteuers Faltertage, heimische Schmetterlinge zu zählen und Aktionen rund um die “Gaukler der Lüfte” zu starten.

Denn viele Schmetterlingsarten sind heute weltweit vom Aussterben bedroht. Allein in Deutschland stehen bereits 80 Prozent der Tagfalter auf der Roten Liste der bedrohten Arten. Dabei haben in den allermeisten Fällen wir Menschen ihre Lebensräume zerstört. Deshalb will das Abenteuer Faltertage auf die Bedrohung dieser wunderschönen Tiere aufmerksam machen und UnterstützerInnen für ihren Schutz finden.

Zählen Sie Schmetterlinge!

Der Mineraliensammler

Der Mineraliensammler

Sie wollen mitmachen? Perfekt! Schmetterlinge zählen können Sie vom 1. April bis zum 31. Oktober – egal ob nur einmal oder besser noch öfter. Halten Sie einfach Ausschau nach Schmetterlingen in Ihrem Garten, im Park oder in der freien Natur. Und lassen Sie den BUND wissen, wann und wo Sie welche Falter gesehen haben. Natürlich müssen Sie kein Fachmann sein, um sich an dieser Aktion zu beteiligen. Denn es geht um zehn leicht identifizierbare Schmetterlingsarten. Die entsprechenden Abbildungen der Falter finden Sie auf den Zählbögen, die Sie sich auf der Website des BUND downloaden können.

Ihre Zählungen können Sie dann unter www.faltertage.org direkt online eingeben. Selbstverständlich können Sie die Bögen auch von Hand ausfüllen und auf dem Postweg an den BUND schicken.

Die beim Abenteuer Faltertage gewonnenen Daten werden ausgewertet und mit anderen wissenschaftlichen Untersuchungen verglichen. Die Ergebnisse präsentiert Ihnen der BUND zum Jahresende.

Wunderschön, zart & schützenswert

Wunderschön, zart & schützenswert

Mitmachen und gewinnen!

Außerdem nehmen Sie mit Ihrem ausgefüllten Zählbogen automatisch an einer Verlosung teil. Hauptgewinn ist eine Woche Natururlaub im Bayerischen Wald für zwei Personen. Einsendeschluss ist der 7. November 2009.

Schmetterlingsterminkalender

Sie möchten mitzählen und sind auf der Suche nach Gleichgesinnten? Schauen Sie in den Schmetterlingskalender des BUND. Hier finden Sie alle Schmetterlingstermine. Sie planen selbst eine Zählaktion, eine Ausstellung, ein Schmetterlingsfest oder ein Falterkonzert. Schreiben Sie eine E-Mail an soenke.guttenberg@bund.net und Ihr Faltertagstermin wird in den Schmetterlingsterminkalender aufgenommen.

Broschüre „Schmetterlinge schützen“

Auf der Website des BUND finden Sie zudem ein Bestellformular, mit dem Sie die Broschüre „Schmetterlinge schützen“ bestellen können. Hier erhalten Sie viele weiterführende Informationen rund ums Thema „Schmetterlinge“ und zahlreiche Tipps, was Sie für die „Gaukler der Lüfte“ tun können. (Entdeckt auf www.bund.net)

Ich wünsche Ihnen ein beflügelndes Wochenende und viel Freude beim Zählen der Schmetterlinge!

Ihre Christine Reichmann

Papa, wann sind wir da?

Kategorie: Gesellschaft, Reisen am Mittwoch, 15. Juli 2009 von Gast2 Kommentare

Von Rolf Henniges; Fotos: Jörg Künstle, Markus Schmidt

Das Abenteuer des vierjährigen Paul, der mit seinem Vater per Motorrad Deutschland durchquert. Eine Roadstory.

On the road ...

On the road ...

Es ist 14 Uhr an ein Montagnachmittag im August. Der Himmel sieht aus, als sei er vom Grund eines Flusses herauf gespült worden. In die schwüle Hitze der letzten Tage schiebt sich zitroniger Regengeruch. Pauls Kopf wankt zwischen meinen Armen, nur zögerlich antwortet er auf meine Fragen. Sein Helm schlägt leicht auf den Lenker, ich lenke sofort rechts ran. Mein Traum vom grenzenlosen Abenteuer, wie es nur Vater und Sohn erleben können, scheint zu zerplatzen wie eine Seifenblase. Vier Stunden sind wir jetzt unterwegs, haben sechs Pausen gemacht, gerade mal 50 Kilometer abgespult. Und nun ist er während der Fahrt fast eingeschlafen.

„He, Paul, alles klar? Geht’s dir gut?“

„Bin müde“ kommt es schleppend aus der Gegensprechanlage, „und hab‘ Hunger.“

Ich steuere die nächste Hofeinfahrt an. Vor einer Schlosserei steht ein Arbeiter. Schwarze, schwielige Hände, blaue Latzhose, Schnürstiefel. Er schaut wie die meisten Menschen, denen wir in den letzten Stunden begegnet sind. Erstaunt und neugierig.

„Hallo, wir suchen eine Bank zum Sitzen, am besten überdacht, es wird bestimmt gleich regnen.“

„Na, wen haben wir denn da? Bist du nicht zu klein zum Motorradfahren?“

Wieder einmal weiß ich nicht wer gemeint ist, bin schließlich auch nur 1,67 Meter. Wir grinsen. Metallbauer Thomas Frühwirth leitet einen Vier-Mann-Betrieb, er hat zwei Kinder in Pauls Alter und bittet uns in seine Halle. Reicht uns Saft, Kaffee, Äpfel und einen riesigen Schokoriegel, den wir teilen. Im Gegenzug beschreiben wir unsere Reise.

Papa und Sohn

Ein Herz und eine Seele.

Die Idee zu diesem Trip kam mir im Frühjahr, als die Medien über einen Weltrekord berichteten: Ein kleines Honda-Motorrad hatte sich über 60 Millionen mal rund um die Erde verkauft und war nun auch in Deutschland zu haben. Diese kleine 125er mit dem Namen Innova kannte ich aus Asien. Sie ist wie kaum ein anderes motorisiertes Zweirad dafür prädestiniert, ein Kind zu transportieren. Die Maschine sollte unser Reisebegleiter werden. Ziel: Wir wollen bei meiner Mutter die beste Suppe der Welt essen und ein gemeinsames Wochenende verbringen. 437 Kilometer, rund vier Stunden Fahrt, sind es bis zu ihr über die Autobahn. Die scheidet jedoch aus – zu gefährlich. Wir werden ausschließlich Nebenstraßen befahren, haben dafür fünf Tage Zeit eingeplant.

„Sieht sehr professionell aus, wie ihr beide so da sitzt“, sagt Frühwirth, „runterfallen kann der Kleine jedenfalls nicht.“

Nein, kann er nicht. Paul sitzt bequem auf der Bank zwischen meinen Beinen und Armen, kann sich am Lenker abstützen, seine Füße ruhen sicher auf einer Plattform, die ich extra dafür angefertigt habe. Seitliches Wegrutschen unmöglich. Hinzu kommt, dass es ihm im Gegensatz zu Kindern, die hinter dem Fahrer sitzen würden und weiter nichts als dessen Rücken sehen, nicht langweilig wird.

„Ihr könnt hier schlafen“, offeriert Frühwirth, doch ich winke ab. Wenn wir in diesem Tempo vorankommen, brauchen wir zehn Tage. Auch Paul möchte weiter zur Oma, ist nun putzmunter, aufgeweckt und gestärkt. Fünf Minuten später sind wir wieder on the road. Ein Motorradfahrer kommt uns entgegen, grüßt. Ich erkläre Paul, dass Biker sich einander zuwinken. Keine Zehn Minuten später überholt uns ein anderes Motorrad.

„He“, ruft Paul, „der hat überhaupt nicht gegrüßt. Überhol ihn, dann schimpfen wir!“

Der Topspeed unserer Maschine liegt mit dickem Gepäck bei rund 80 km/h.

Unter dichten Wolkenbänken bahnen wir uns den Weg Richtung Norden. Am Lenker habe ich ein Navigationssystem montiert, das uns über kleinste Wege lotst. Maisfelder, Wälder und Weiden rauschen vorbei. Kühe stehen gedrängt beieinander.

„Papa, warum stehen die so dicht, machen die Kuh-Party, soll ich mal hupen?“

„Nein, erschrick sie nicht. Denen ist kalt, die drängen sich eng zusammen um sich zu wärmen.“

„Und die Kuh in der Mitte? Schwitzt die nicht zu stark und fällt dann tot um?“

Überall gibt es etwas Neues zu entdecken.

Überall gibt es etwas Neues zu entdecken.

Ich schmunzle viel an diesem ersten Reisetag. Und freue mich arg, dass wir noch eine ganze Woche miteinander verbringen können. Gegen 16 Uhr setzt starker Regen ein. Paul bleibt tapfer, nölt nicht, quengelt nicht. Ist vergnügt und freut sich darauf, mit mir ein Bett zu teilen, Kissenschlacht, Gute-Nacht-Story, Nähe. Doch es ist Montag, viele Gasthäuser haben geschlossen. Wir kämpfen uns durch schweren Regen bis Sinsheim, nehmen ein Doppelzimmer.

Wenig später liegt mein Sohn neben mir, schnarcht leise. Ich weide mich an dem Anblick. Paul ist zwar Trennungskind, doch glücklicherweise verbringen wir viel Zeit miteinander. Eine Zeit, in der er mir stets vor Augen führt, wie wertvoll Jugend ist. Die Hast des Lebens und Stress sind ihm noch fremd. Sein Hirn ist wie eine leere Festplatte, auf die man durch Taten und Weisungen ein Lebensprogramm installiert. Viel von seiner Unbedarftheit resultiert aus fehlendem Zeitgefühl. Das überträgt sich jedes Mal auf mich.

Nächster Morgen: Pauls Augen sind größer als der Hunger. Alles, was er schon mal gesehen hat, schleppt er vom riesigen Frühstücksbuffett auf seinen Teller.

„Paul, das ist viel zu viel. Das isst du nie.“

„Papa, ich esse das! Soll doch gutes Wetter werden.“

„Schaffst du nicht.“

„Doch!“

Gleich nach unserem Start regnet es in  Strömen.

„Paul, ist dir kalt?“

„Nein. Papa, wann sind wir da?“

Rund 130 Kilometer haben wir am ersten Fahrtag zurückgelegt. Heute, bei diesem Regen, auf diesen Pfaden, werden es kaum so viele werden.

„Bald, Paul. Du musst nur noch drei Mal schlafen.“

Über ein Funksystem in den Helmen können wir während der Fahrt problemlos kommunizieren. Viele Aufgaben haben wir aufgeteilt. Blinken beispielsweise. Ich mache den Blinker an, Paul ihn wieder aus. Das funktioniert prima. Vier Stunden sind vergangen – sieben Pausen, 60 Kilometer. Paul ist aufgeregt.

„Papa, der Blinker geht nicht mehr aus. Es blinkt immer noch.“

„Das ist nicht der Blinker. Das ist die Benzinkontrolle.“

„Was macht die denn?“

„Die sagt, dass wir bald kein Benzin mehr haben.“

„Und, was passiert dann?“

„Wenn wir kein Benzin mehr haben, bleiben wir liegen.“

„Das will ich nicht, Papa. Ich will nicht hinfallen.“

„Hinfallen? Wer sagt denn, dass wir fallen?“

„Aber wir müssen doch erst hinfallen, wenn wir liegenbleiben wollen, oder?“

"Papa, lass mich auch mal fahren!"

"Papa, lass mich auch mal fahren!"

Wir schlängeln uns durch den Odenwald, durchs Finsterbachtal bis Neckarhäuserhof. Weiter am Brombachstausee entlang. Durch Orte, von denen ich nie im Leben gehört habe, über Strecken, die kaum von Waldpfaden zu unterscheiden sind. Und auf denen Paul krude Ideen bekommt.

„Papa, lass mich auch mal fahren.“

Wir haben beide stets unsere Hände nebeneinander am Lenker, aber loslassen möchte ich nun wirklich nicht.

„Nein, du bist noch zu kein. Außerdem: Wenn du allein fährst, und das die Polizei sieht, dann nehmen sie mir den Führerschein weg. Und das willst du doch sicher nicht, oder?“

„Was macht denn so ein Führerschein, Papa?“

„Das ist ein Stück Papier, auf dem geschrieben steht, dass ich fahren darf.“

„Macht nichts. Dann sage ich der Stefanie aus dem Kindergarten dass sie dir ein neues schreibt.“

„Nein. Die Polizei schreibt die Erlaubnis. Und wenn man nicht artig ist, dann nehmen sie die wieder weg. Dann darf man nicht mehr fahren.“

Das beschäftigt ihn eine Weile. Wie hätte ich das anders erklären sollen?

Kurz vor Traisa bei Darmstadt kommt uns ein Polizeiwagen entgegen. Paul zuckt zusammen, ist mucksmäuschenstill. Der Wagen passiert uns, neugierig schauen die Beamten herüber.

„Die haben euch nicht angehalten, vielleicht mal gefragt, woher ihr kommt, wohin ihr fahrt?“ will mein Freund Markus wissen, bei dem wir an diesem Abend übernachten.

„Papa hat einen Führerschein dafür“, antwortet Paul. Wir lachen und ich kläre Markus auf: Die deutsche Gesetzgebung schreibt für den Motorradsozius folgende Regeln vor: Eine Altersbeschränkung existiert nicht. Er muss lediglich einen geeigneten Schutzhelm tragen, mit den Füßen festen Halt haben und motorisch in der Lage sein, den Bewegungen des Fahrzeugs zu folgen. Und das ist Paul, keine Frage. Er ist ein Bewegungstalent, beherrscht mit vier schon etliche Tricks auf dem Fahrrad. Ich bin mir sicher, wenn ich ihm den Lenker überlassen würde…

Boxenstopp

Boxenstopp

11 Uhr, dritter Reisetag. Der Himmel hat die Farbe von Paul Newmans Augen, es weht ein scharfer, eisiger Wind aus Nordwest. Seit dem ersten Fahrtag hat Paul nie wieder Anzeichen von Müdigkeit gezeigt. Wir haben die Anzahl der Zwischenstopps verdoppelt, halten praktisch alle 20 Minuten an. Pausen, in denen wir Ball spielen, die Umgebung erkunden oder schreiben und malen üben. Gerade rasten wir an einem Kindergarten im Rodgau. Paul hat das Klettergerüst gesehen und möchte unbedingt turnen. Er läuft auf den Hof, bekommt sofort Kontakt zu anderen Kindern, muss ihnen wegen unseres Motorrads Rede und Antwort stehen. Drei Erzieherinnen stehen in der Ecke und schauen misstrauisch wie Eskimos, denen man einen Witz auf lateinisch erzählt.

Eine Stunde später sind wir wieder on the road, überqueren den Main bei Hanau. Ein Frachter mit mächtig Tiefgang schleppt sich im Wasser lang. Paul will unbedingt näher ran, ihn beobachten. Wir biegen auf einen Feldweg, pressen uns an zwei Schranken vorbei und stehen direkt am Main, nur zwanzig Meter entfernt von den Schiffen, die wir beobachten. Auf dem Rückweg zur Straße stellt sich uns ein Beamter der Wasserschutzpolizei in den Weg. Wieder ist Paul mucksmäuschenstill.

„Darf ich fragen, was Sie hier machen?“

„Mein Sohn wollte die Schiffe sehen“, antworte ich wahrheitsgemäß.

„Papa hat einen Führerschein dafür“, sagt Paul.

Der Beamte schaut streng. Er lässt uns die Helme abnehmen, umkreist das Motorrad skeptisch und brummt: „Schranken ignorieren, soso! Es ist ihnen schon klar, dass dies hier Wasserschutzgebiet ist, oder?“

Ich blicke zu den Kühltürmen des Kernkraftwerks Hanau. Sie sind nur 200 Meter entfernt. Und ich blicke in die Augen des Beamten. Der dreht sich um, schaut auch auf die Kühltürme.

„Was ist ein Wasser-Schmutzgebiet?“ will Paul wissen.

„Gut“, sagt der Beamte ernst und hebt den Zeigefinger, „diesmal bleibt es bei einer mündlichen Verwarnung.“

Am Abend finden wir ein Zimmer am Rand des Vogelsbergs. Hinter den Hügeln verschwindet die Sonne, flutet den Horizont mit goldenem Licht. Paul spielt mit den Kindern des Gastwirts Verstecken, ich sitze mit zwei Gipsern aus Sachsen am Tisch. „Euer Motorrad erinnert mich an unsere Simson Schwalbe“, freut sich der dickere der beiden und schwelgt in Erinnerungen. „Damals, in der DDR, war das mit den Kindern auf den Mopeds ganz normal, es gab sogar Kindersitze als Originalzubehör. Man musste ja mobil sein.“

„Trotzdem“, fügt der andere hinzu, „das ist schon cool, was ihr beiden da macht.“

Cool? Ich erzähle von meinen Ängsten und davon, wie pedantisch ich die Reisevorbereitungen ausgeführt habe. Extrasitz, Navigation, Gegensprechanlage, Spielzeug für unterwegs, Reiseapotheke, Schutzkleidung. Letztlich vertrauen wir zwei kleinen Reifen, deren Aufstandsflächen so groß sind wie eine Briefmarke, meiner Umsicht und Erfahrung. Ein Wespenstich könnte das Ende der Reise bedeuten. Oder eine Magenverstimmung, Grippe, extremes Wetter. Ganz zu schweigen von einem Unfall.

„Wer nur hadert und deshalb nie etwas unternimmt, verharrt in seiner Angst und erlebt nichts“, sinniert der Dicke. „Meine beiden Söhne hängen ständig an ihrer Spielkonsole“, sagt sein Kollege. „Die hätten gar kein Interesse an solch einer Tour. Darüber hinaus hätte meine Frau das auch nie erlaubt.“ An der Wand der Gaststube, schräg gegenüber, hängt ein Schild: Leben ist eine Reise, kein Ziel.

Über den letzten Satz des Gipsers muss ich am Folgetag beim Fahren viel nachdenken. Zeigt er doch letztlich auf, wie viel Vertrauen mir Pauls Mutter entgegenbringt. Und meine Mutter.

„Papa, wo kommen die Flüsse her, wo fließen sie hin?“

„Sie fließen ins Meer und entstehen aus Regentropfen, die aus den Wolken fallen.“

„Und wie kommen die Tropfen in die Wolken?“

Einer von vielen unvergesslichen Augegenblicken ...

„Papa, wo kommen die Flüsse her, wo fließen sie hin?“

Henne oder Ei – die Zeit zwischen unseren Pausen, den Minuten, in denen unsere Räder stoisch dem Ziel entgegen rollen, der Auspuff sein sonores, mattes Bollern in die Weite entlässt, wird von kurzweilig Gesprächen zermahlen. Ich erlebe die Umgebung anders als sonst. Sehe sie mit den Augen eines Vierjährigen, der exakt das beobachtet und an mich weiterträgt, was ich schon lange übersehen habe. Warum bricht sich der Vogel nicht die Beine, wenn er vom Himmel auf den Acker stürzt? Warum ist die Zeit in der Uhr gefangen? Wie kommen die Fotos in die Kamera? Ist die Frau vielleicht so traurig, weil sie kein Kind hat?

Am Morgen unseres fünften und letzten Reisetages sitzt Paul im Bett und zweifelt.

„Papa, jeden Tag sagst du, wir sind bald da. Ich will jetzt endlich da sein.“

„Nur noch ein Mal tanken. Dann sind wir da“, sage ich.

Wir frühstücken, haben kaum einen Kilometer zurückgelegt, da meint er: „Halt mal, hier ist eine Tankstelle. Lass uns schnell tanken, dann sind wir bei Oma.“

Es ist Freitagmittag, als wir Kassel erreichen. Nieselregen hängt in den Häuserschluchten wie eine Decke, das Navi führt uns durch die Stadt. Seit gestern nachmittag haben wir uns gegenseitig ständig mit denselben Fragen genervt:

„Paul, ist dir kalt?“

„Papa, wann sind wir da?“

Zeichen dafür, dass diese Reise bald enden sollte. Unser Ziel ist knapp 50 Kilometer entfernt.

„Warum haben die hier Zugstrecken auf der Straße?“

„Das sind Gleise für die Bahn, damit die über die Straße fahren kann. Da müssen wir aufpassen, dass wir nicht fallen, denn die sind bei Nässe glatt.“

„Genau. Und wenn wir hinfallen, sind wir tot und kommen in eine Erdhöhle. Das will ich aber nicht. Ich muss doch die Welt noch sehen.“

„Das wirst du auch. Ich passe schon auf. Aber weißt du, es gibt Menschen, die werden die Welt nie sehen und freuen sich trotzdem. Deine Oma zum Beispiel hat fast ihr ganzes Leben in dem kleinen Dorf verbracht.“

Paul lässt sich ein Weilchen Zeit für den Kommentar, meint dann: „Das ist gut, dann hat sie da bestimmt ganz viele Freunde.“

PR Kürbisse

Das Leben ist ein Abenteuer.

Es war das größte und schönste Abenteuer meines Lebens.

Auf den letzten Kilometern überflutet mich eine emotionale Woge aus Glück und Stolz. Fünf Tage, wie wir sie intensiver noch nie miteinander verbracht haben, liegen hinter uns. Weit über 650 Kilometer ebenfalls. Wir haben der Weite gelauscht, strömendem Regen getrotzt, uns gegen Windböen gestemmt, gemeinsam geschwitzt. Und soviel gelacht. Es war das größte und schönste Abenteuer meines Lebens. Und das, obwohl ich mit dem Motorrad Afrika, Asien und Australien im Alleingang durchquert habe. An einem Feld pflücken wir Blumen, die Paul seiner Oma unbedingt überreichen möchte.

Die ist überglücklich, uns gesund in ihre Arme zu schließen. Wie gern würde ich jetzt wissen, was für ein Gefühl es ist, seinen Sohn und dessen Sohn zu umarmen. Mit Tränen in den Augen fragt sie Paul, wie es ihm gefallen hat.

„Spitze. Nächstes Mal fahre ich selber. Aber vorher muss mir die Polizei noch ein Papier dafür schreiben.“

Wir genießen eine hausgemachte Rindfleischsuppe á la Muttern, die beste Suppe der Welt. Drei Generationen. Drei Leben, wie sie unterschiedlicher nicht sein und trotzdem enger nicht miteinander verknüpft sein können.

Zwei Tage später sitze ich im ICE Richtung Süden. Drei Stunden, sieben Minuten bis Stuttgart. Paul ist geblieben, wird noch eine Woche bei seiner Oma verbringen. Draußen, an den Scheiben, rauscht die Welt vorbei. Autoschlangen wie Glühwürmchen, Nebel wie Erinnerungsfetzen. Der Sonnenaufgang bestreicht die Straßen mit einer Silberlasur, mir gegenüber starren Schlipsträger stumm in ihre Computer. Nie habe ich einen Menschen stärker vermisst, als in diesem Moment.

Das Fahrzeug

Die Honda ANF 125 Innova zählt zur Familie der Honda Cub (steht für Cheap Urban Bike) und wird derzeit in 160 Ländern der Erde verkauft. Mit über 60 Millionen Exemplaren seit 1958 ist sie weit vor dem VW Käfer das meistverkaufte Motorfahrzeug der Welt. Und zudem eins der günstigsten: Neupreis 1850 Euro, Verbrauch nur 1,7 Liter Normalbenzin auf 100 Kilometer.


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