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Achtung: “Baby fall out” – Schwangersein in Thailand

Kategorie: Gesellschaft, Gesundheit am Freitag, 10. September 2010 von Christina Maria Grawe3 Kommentare
"Viel zu enges Shirt: very bad for Baby!"

"Viel zu enges Shirt: Very bad for Baby!"

Ich darf keine schwarzen T-Shirts mehr tragen und nicht mehr mit Suppenlöffeln essen. Auf einer Treppenstufe zu sitzen, ist mir neuerdings auch strengstens verboten, genauso wie Duschen nach Einbruch der Dunkelheit. Ich bin schwanger in Thailand. Und für werdende Mütter gelten hier ganz besondere Aberglaube-Regeln, an die sich aber auch moderne Thailänderinnen in der Großstadt Bangkok meist halten. Die Farbe Schwarz sende schlechte Schwingungen zum Ungeborenen, heisst es und der Suppenlöffel verursache einen schiefen Mund beim Baby. Die Stufen stehen für eine schwierige Geburt und bei Nacht kommen Geister, die sich unter der Dusche dann mit der von den Kleidern entblößten Seele des Embryos vermischen. Oder so ähnlich.

Ich fühlte mich wie ein Alien.

Zu Beginn meiner Schwangerschaft fühlte ich mich wirklich wie ein Alien hier. Ich kannte schließlich die Schwangerschaften meiner Freundinnen aus Deutschland. Das fing schon an mit der Umstandsmode. Günstige, schicke, sportliche Kleidung für Schwangere gibt es eigentlich nicht. Thailänderinnen tragen traditionell 9 Monate lang weite, unförmige Kleider mit niedlichen Bärchen- oder Häschenmotiven, vorzugsweise in Pastellfarben. Dazu Gesundheitsschuhe mit ebenfalls putzig bedruckten Söckchen! Und ab der 4. Woche MUSS man offenbar auch watscheln und sich demonstrativ den Rücken und den noch nicht vorhandenen Babybauch halten dabei. Kein Witz, im Wartezimmer meines Frauenarztes kann ich sofort erraten, wer schon schwanger ist und wer nicht, auch wenn diejenige gerade erst den positiven Bluttest erhalten hat. Schwangere in Thailand dürfen nicht sexy sein und sind 9 Monate in Schonhaltung, essen überzuckerte Aufbaunahrung (mit kleinen Löffeln natürlich!) und tragen tatsächlich nur helle Farben. Andernfalls – das habe ich schon oft zu hören bekommen: “Baby fall out!”

Strickliesel zum allgemeinen Gebrauch im Wartezimmer des Frauenarztes!

Strickliesel zum allgemeinen Gebrauch im Wartezimmer des Frauenarztes!

Unter einem Elefanten durchgehen, um eine leichte Geburt zu haben.

Die ersten Monate einer Schwangerschaft sind ja generell für jede Frau verwirrend, aber für mich war alles doppelt wunderlich. Ich las vieles im Internet, hörte von Freundinnen aus Deutschland, sah im deutschen Fernsehen, was mir auch eigentlich normal erschien für eine Schwangerschaft: gesundes Bio-Essen, coole HM-Maternity-Klamotten, ansonsten gezielter Sport und Reisen – eben ganz normal. Normal für Deutsche! Und andererseits sah ich aber hier in den Geschäften die Bärchenumstandsmode, wie thailändische Schwangere sich Sicherheitsnadeln vor dem Bauch feststeckten, ebenfalls um das Baby symbolisch vorm Rausfallen zu schützen oder wie sie unter Elefanten durchgingen, um eine leichte Geburt zu haben.

Bärchenkleider gehen gar nicht!

Auch im eigentlich extrem modernen internationalen Krankenhaus gab es zunächst neben der vorbildlichen rein medizinischen Versorgung und Untersuchung aber kaum Hilfe für den Alltag: Mutterpass gibt es hier nicht und im ersten pränatalen Kurs des Krankenhause lernte ich, dass ich 5 mal in der Woche Fisch essen soll (!!??) und dass mein Mann gegen die kommenden Rückschmerzen eine Acht auf den unteren Rücken streicheln soll. Das war’s. Die Kleiderfrage konnte ich noch relativ einfach lösen, bei einem Deutschlandbesuch im 4. Monat (ja, ich fliege natürlich!) konnte ich einen Grundstock an europäischer Umstandsmode einkaufen und mein Mann brachte mir später von einer Dienstreise nach Hongkong das Fehlende mit, dort gibt es HM. Vorsichtshalber aber nichts in Schwarz, man muss ja die Umgebung nicht beleidigen. Bärchenkleider aber gehen einfach gar nicht!

Und dann fand ich einen “Prenatal Yoga Course”.

Etwas skeptisch ging ich hin und war aber gleich begeistert. Endlich war ich keine Ausnahme mehr: Dort traf ich Schwedinnen, Italienerinnen, Russinnen, aber auch asiatische Schwangere: Frauen aus Singapur und selbst Thailänderinnen ohne Sicherheitsnadel am Bauch! Alle schwanger, alle modern denkend. Ich gehe nun mit Begeisterung dorthin, mache endlich richtigen Sport, im normalen Fitness-Studio erntet man hier als Schwangere eher böse Blicke (wie gesagt, auch für den Stepper gilt die Thairegel: “Attention: Baby fall out!”). Ich habe eine Menge neuer Freundinnen gefunden, kann mich austauschen, wo es große Bademoden gibt und wo Massage für werdende Mütter (ohne die vorwurfsvollen auch dort immer wiederkehrenden Worte!).

Ich esse, was ich für gesund halte. Mit großen und kleinen Löffeln.

Am Anfang des Kurses soll jede immer von ihren Sorgen und Beschwerden der Woche berichten. Das ist interessant und tröstlich gleichzeitig. Die Inderin hat überraschenderweise ähnliche Probleme wie die Dänin, die Belgierin denkt manchmal genauso wie ich und plötzlich ist auch eine schwangere Thailänderin kein fremdes Wesen mehr, wenn sie ganz offen von ihren schmerzenden Krampfadern oder geheimen Ängsten vor der Geburt erzählt. Mittlerweile, fast im 7. Monat, bin ich gelassen und fühle mich ganz wohl zwischen den Welten. Wenn meine Freundinnen aus Deutschland z. B. fragen, ob ich schon eine Hebamme gefunden und besucht habe, sage ich: Nein, hab’ ich nicht. Gibt es hier nicht und dann ist es halt so. Bioprodukte sind auch rar. Ich esse, was ich für gesund halte. Mit grossen und kleinen Löffeln. Hautenge Kleidung trage ich nicht aus Respekt zu den Thais, aber eben auch keinerlei Bärchenmuster!

Bizarr sind die watschelnden stöhnenden Neu-Schwangeren im Wartezimmer.

Ich gehe regelmässig zum Arzt, geraden Schrittes, nicht watschelnd übrigens. Die medizinische Versorgung ist der Punkt, wo ich vollstes Vertrauen in Thailand habe. Mein Arzt ist international ausgebildet, immer erreichbar, auch per E-Mail, macht Ultraschall, wann immer ich will und das Krankenhaus ist luxuriöser als alle, die ich aus Deutschland kenne. Bizarr sind die watschelnden stöhnenden Neu-Schwangeren im Wartezimmer, seltsam auch, dass die Wartenden alle gemeinsam an einer pastellfarbenen Strickliesel-Decke arbeiten (ich lese lieber weiterhin klassisch deutsch Zeitschriften im Wartezimmer) und sicher auch ungewöhnlich, dass die Krankenschwestern mich gerne mal ungefragt umarmen und meinen Bauch streicheln. Aber – mal ehrlich – warum denn nicht!?! Ist doch nett!

Schwangerschaft in Thailand – mit Sicherheit anders als in Deutschland. Aber irgendwie finde ich es mittlerweile auch interessanter, internationaler, sogar lustiger. Hauptsache, das Baby ist gesund und “not fall out”! Und vielleicht gehe ich am nächsten Wochenende auch mal unter einem Elefanten durch, schadet ja nichts!

Die Elefantenführer von Bangkok

Kategorie: Gesehen, Kultur, Mensch & Tier, Reisen am Mittwoch, 1. September 2010 von Christine ReichmannKommentieren Sie diesen Eintrag als Erster

Gestern habe ich im WDR Fernsehen eine tolle Reportage gesehen: “Thailands schweres Erbe: Die Elefantenführer von Bangkok”. Noch vor 15 Jahren arbeiteten mehr als 4.000 Elefanten und ihre Führer – die sogenannten Mahouts – in den Wäldern Thailands. Doch seitdem die thailändische Regierung den Kahlschlag der Wälder gestoppt hat, sind Elefanten und ihre Mahouts arbeitslos. So wie der 36jährige Elefantenführer Vicha Vilaithonqcam und seine Elefantendame Dern Pen. Beide zog es – wie viele andere von ihnen – in die großen Städte wie Bangkok. Hier verdingen sie sich als Touristenattraktion und verkaufen Bananen als Elefantenfutter oder bieten Ritte auf den Elefanten an.

Doch in Bangkok sind die Dickhäuter ein großes Sicherheitsrisiko im Straßenverkehr. Zudem monieren Tierschützer, dass Abgase und der zum Teil glühend heiße Asphalt die Gesundheit der Elefanten stark beeinträchtigen. Ein neues Gesetz verbannt nun diese Mahouts und ihre Arbeitselefanten aus Bangkok. Wer trotzdem bleibt und erwischt wird, hat hohe Geldstrafen zu zahlen. Darüber hinaus droht die Zwangsdeportation der Dickhäuter in ein staatliches Elefantenlager im hohen Norden des Landes.

Das “Mahout and Elephant Project”

Mahout Vicha und sein Kollege Mon haben andere Pläne. Sie haben von dem “Mahout and Elephant Project” – einem privaten Elefantencamp in Pattaya gehört. Hier können zahlende Volontäre den Elefantenführerschein machen. Ein nachahmenswertes Projekt, das den Mahouts und ihren Elefanten eine gute Alternative zum Straßenleben bietet.

Ein Kamerateam des WDR begleitet die beiden Mahouts Vicha und Mon mit ihrer Elefantendame Dern Pen auf ihrem abenteuerlichen Weg von Bangkok in die Touristenmetropole Pattaya, in der die letzten Elefantenführer von Bangkok eine neue Heimat finden …

Der Beitrag ist absolut sehenswert und wird am Montag, 06. September 2010 zwischen 14.30 und 15.00 Uhr im WDR Fernsehen wiederholt.

Meine kleine Freundin, das “Äffchen”

Kategorie: Gesellschaft am Mittwoch, 12. Mai 2010 von Christina Maria GraweKommentieren Sie diesen Eintrag als Erster
Nach einiger Zeit traute sie sich schon alleine ins Wasser.

Nach einiger Zeit traute sich Nan schon alleine ins Wasser.

Bangkok, 11. Mai 2010

Wenn die kleine Nan lachte, sah sie wirklich ein bisschen aus wie ein kleines Äffchen. Ihr mageres kleines braunes Gesicht zeigte dann ihre kaputten Zähnchen und wenn sie lief, erschienen auch ihre Arme manchmal irgendwie ein bisschen zu lang und ungelenk. Zu viele Wochen ihres Lebens hatte sie schon im Krankenhaus verbracht, zu viele Wochen, um richtig rennen und toben zu lernen wie andere Kinder. Mitleid aber kennen Kinder nur bedingt und so wurde Nan oft einfach nur “Äffchen” gerufen.

Nan war eine Kämpferin.

Das störte sie aber wenig. Nan war eine Kämpferin. Von Geburt an kämpfte sie gegen den HIV-Virus. Der Virus, an dem ihre Mutter starb. Nan wuchs im Kinderheim auf. Als ich sie vor 6 Jahren kennen lernte, war sie gerade mal wieder krank und schwach. Ohne Sauerstoffschlauch durch die Nase schaffte sie es damals nicht, das Bett zu verlassen. Aber sie kämpfte. Und hatte Glück, dass auch in Thailand neue Medikamente auf den Markt kamen. Sie wollte leben und sie wollte lernen. Wann immer sie konnte, schleppte sie sich auf die andere Straßenseite, dort hat das Mercycentre eine Sonderschule für Kinder wie Nan eingerichtet. Kinder, die durch Krankheit oder andere Umstände nicht dem normalen Schulalltag folgen können.

So behalte ich sie in Erinnerung.

So behalte ich sie in Erinnerung.

Ihr Lächeln überstrahlte alles.

Ein Jahr nach unserem Kennenlernen durfte sie zum erstenmal mit ihren Freundinnen übers Wochenende zu uns kommen. Klein, mager und fleckig lief sie durch unseren Garten. Im Badeanzug ein erschreckender Anblick zuerst, aber ihr Lächeln überstrahlte alles. Sie lernte, die Angst vorm Wasser zu verlieren. Ich erinnere mich, wie sie das erste Mal, festgeklammert um meinen Hals, mit 2 Schwimmärmchen und einem Reifen, mit panischer Angst in den Augen, gemeinsam mit mir in den Pool kletterte. Die anderen Kinder tobten durchs Wasser, sie blieb fest an mich geklammert. Aber am Ende des Tages planschte sie zumindest mit dem Fuß.

Ausgelassen tanzte sie durch die Küche.

Im vergangenen Dezember war sie das letzte Mal bei uns zuhause. Kaum größer, immer noch ungelenk und mager, aber jetzt traute sie sich schon, alleine ins Wasser zu springen. Zwar mit Schwimmärmchen, aber das machte ja nichts. Wir haben Weihnachtsplätzchen gebacken (im Badeanzug) und sie tanzte zu Jingle Bells ausgelassen durch die Küche. Ich habe sogar ein Video davon.

Aber dann, wieder ein Wunder!

Eine Woche später hatte der Virus ihr Hirn erreicht. Die anderen Kinder haben es mir so erklärt, die genaue medizinische Definition – was macht es für einen Unterschied?! Sie hatte von einem Tag zum anderen ihr Gedächtnis verloren. Aber dann, wieder ein Wunder! Wochen später wurde sie wieder aus dem Krankenhaus entlassen und was kein Arzt erklären konnte, sie erinnerte sich nach und nach. Nicht an das Lesen und Schreiben und an die Zahlen, aber an die Menschen, die sie liebten. Ich war gerührt, als sie auch mich erkennend umarmte. Irgendwann bald darauf aber war ihr kleiner Körper einfach zu schwach, brach zusammen. Wochenlang lag sie auf der Intensivstation im Koma.

Insgeheim wusste ich, dass ich sie das letzte Mal sah.

Am vergangenen Freitag entließ man sie nach Hause, ins Mercycentre – zum Sterben. Ich sah sie am Sonntag Nachmittag das letzte Mal. Sie dämmerte vor sich hin, zuckte komisch rhythmisch. Ein dürres armseliges Menschlein, der Körper zerschunden von der Krankheit und den Einstichen. Luftröhrenschnitt, künstliche Ernährung durch die Nase. Sie hatte 39 Grad Fieber, glühte. Insgeheim wusste ich, dass ich sie das letzte Mal sah und um nicht zu weinen dachte ich daran, wie sie durch unseren Garten tanzte.

Ich habe viel gelernt über das Leben und den Tod.

Heute Nacht um 5 Uhr dann ist meine kleine Freundin Nan, das süße “Äffchen” gestorben. Sie wäre am Freitag 13 Jahre alt geworden.

Das ist sicher keine fröhliche Geschichte, keine frohe Botschaft auf den ersten Blick. Aber durch Nan und ihre kleinen Freunde, die alle HIV positiv sind, habe ich viel gelernt in den vergangenen Jahren. Über das Leben und den Tod. Über den Umgang mit Krankheit und Tod, immer allgegenwärtig.

Sie ist jetzt glücklich bei ihrer Mutter im Himmel.

Die Kinder werden heute bei der Beerdigung sicher nicht weinen. Das tun sie nie bei Beerdigungen und sie haben schon andere kleine Freunde verabschieden müssen. “Nan hatte doch Schmerzen” sagen sie. “Und jetzt ist sie glücklich bei ihrer Mutter im Himmel.” Sie sprechen vom Himmel, obwohl Nan buddhistisch beerdigt wird. Aber das spielt keine Rolle. Die Kinder haben gelernt, dass Tod zum Leben gehört und sie haben keine Angst vorm Tod. Für sie ist es der Übergang in eine andere hoffentlich schmerzfreie Welt. Ob das nun der christliche Himmel ist oder die folgende buddhistische Wiedergeburt, für sie ist wichtig: Das “Äffchen” wird nun keine Schmerzen mehr haben!

Und die frohe Botschaft an dieser Geschichte ist: dass es Orte wie das Mercycentre in Bangkok gibt, dass Nan nach dem Tod ihrer Mutter ein neues liebevolles Zuhause fand. Sie sprach nie von Kinderheim oder Waisenhaus, sie sagte immer “Zuhause” und nannte ihre Betreuerinnen “Mae” (Mama).

Tschüss, kleines Äffchen!

Osterhase verzweifelt gesucht!

Kategorie: Gesellschaft, Mensch & Tier, Reisen am Freitag, 2. April 2010 von Christina Maria GraweKommentieren Sie diesen Eintrag als Erster
So eine Art asiatischer Osterhase

So eine Art asiatischer Osterhase

In zwei Tagen ist Ostern. Hallo – Ostern! Easter?! Schon mal gehört? „Nein!“, werden wahrscheinlich die meisten befragten Thailänder verblüfft antworten. Vielleicht kennen sie den Namen des Festes, aber bei den folgenden Begriffen werden sie dann mit ziemlicher Sicherheit den Kopf schütteln: Osterei, Osterhase, Osterfeuer, Osterlamm, Osterkerze – christliches Brauchtum, das in Thailand gänzlich unbekannt zu sein scheint. Ostern ist das höchste Fest der Christen und davon gibt es doch immerhin über 2 Milliarden weltweit.

Thailänder lieben eigentlich alle Feste.

Die Thailänder lieben ja eigentlich alle Feste und sie lieben vor allem die dazugehörige kitschige Dekoration: An Weihnachten zum Beispiel explodiert Bangkok beinahe vor glitzernden Lichterketten, „Hohoho“-brummenden Weihnachtsmännern und mit bunten Kugeln schwer beladenen Christbäumen. Dazu „Jingle Bells“ und „Rudolph, the rednoised rendeer“ in der 24 Stunden Dauerberieselung! Und das alles, obwohl nur 4 Prozent der Bevölkerung Thailands ja überhaupt christlich sind. D. h. das alles, obwohl 96 % aller Thailänder Weihnachten als eigentliches Fest gar nicht feiern!!

Absurd, aber angenehm für den westeuropäischen Auswanderer. Adventskalender, Stollen oder Mistelzweige – ich habe nichts vermisst. Dass die Christbäume aus Plastik sind und die heißen Temperaturen Glühweinabende unmöglich machen – nun gut, schließlich sind wir ja in Asien, dann schaltet man eben die Klimaanlage an.

Nur Echsen im Garten, kein Osterhase weit und breit!

Nur Echsen im Garten, kein Osterhase weit und breit!

Es musste doch Osterhasen in Bangkok geben!

Jetzt aber Ostern. Ich denke mit Schrecken an das erste Ostern in Thailand: Damals schaute ich mich schon Wochen zuvor intensiv um nach vertrauter Hasendeko und buntem Eierwahn in den Geschäften. Vergeblich! In den Zeitungen inserierten einige große internationale Hotels mit österlichen Lammbuffets, aber man musste schon wirklich danach suchen. Kein einziger Osterhase weit und breit, einige Supermärkte hatten in diesen Wochen den italienischen Osterkuchen Panettone im Angebot – sonstige Osterdekoration: Fehlanzeige!

Ich träumte von bunten Eiern und Schokoladen.

Ich konnte und wollte es einfach nicht glauben: Es musste doch Osterhasen geben in Bangkok! In der Nacht zum Ostersonntag träumte ich von kuscheligen großen Osterhasen mit großen Körben voller bunter Eier und Schokoladen. Von Blätterkrokantfüllungen, lila Nougateiern, Gelee-Eiern, rasselnden Smarties-Osterhasen, dem extragroßen Oster-Kinderüberraschungsei, von After-Eight-Hasen, Marzipan in Zartbitter-Eiern und von den Aldi-Waffeleiern (das beste an Ostern in Deutschland überhaupt!). Ich träumte von weiß-gelben klebrigen Zuckereierhälfen, von zartschmelzenden Vollmilchschoko-Küken und von den berühmten goldumhüllten Hasen aus massiver Lindtschokolade mit Glöckchen … schmatzend wachte ich auf. Noch halb im Traum inspizierte ich verstohlen das ganze Haus und den Garten. Was ich fand, war ein toter Gecko im Briefkasten, meine schläfrige Katze im Schatten des Bougainvillea-Busches und 2 blöde Frösche. Keine Spur von langen Ohren oder Eiern!

Die einzigen gefärbten Eier in Thailand sind die ekligen fermentierten 100jährigen Eier.

Die einzigen gefärbten Eier in Thailand sind die ekligen fermentierten 100jährigen Eier.

In Thailand legen Hühner die Eier, nicht die Hasen!

In einem Anfall von Heimweh versuchte ich unserer thailändischen Putzfrau den Zauber eines deutschen Osterfestes zu vermitteln. „You know, Ostern, Easter, same same Christmas, but different!“ Thailändische Worte gibt es ja für keins der Feste, und sie schaute mich verständnislos an. Schokolade in der Sonne draußen? Nein, in Deutschland ist es doch kalt! Und Eier?? Die legen in Thailand die Hühner, nicht die Hasen! Ja, ich weiß, aber dennoch, nur an Ostern eben bringt der Hase die Eier! Mit einem mitleidigen Lächeln und einem anteilnehmenden „Chok dii kha!“ (Alles Gute!) flüchtete sie wieder an die Arbeit! Mein Mann war beruflich unterwegs, die Rettung schien in Person meiner Freundin Ute zu nahen: auch sie Deutsche in Bangkok. „Was machst du? Wollen wir mit Luka in den Zoo gehen?“ Luka ist ihr damals zweieinhalbjähriger Sohn. Sie hatte in einem ähnlichen Sehnsuchtsgefühl die Osterstimmung hervorrufen wollen, aber die Eier im Garten lockten nur die Schlangen heran und überhaupt, das Färben war trotz echt deutscher Eierfarbe gründlich schiefgelaufen … vielleicht braucht man einfach deutschen Essig dafür, mutmaßte sie. Nagut, Ablenkung – Zoo!

Zur Begrüßung bekam ich ein selbst gefärbtes Ei.

Zur Begrüßung überreichte Klein-Luka mir eins der selbst gefärbten Eier. Es war in der Tat misslungen, bräunlich-grünlich … ehrlich gesagt: hässlich! Aber meine Stimmung stieg etwas. Und dann sahen wir es: das Schild „Children´s zoo“, das Streichelgehege für Kinder! Darauf abgebildet ein niedlicher kleiner Hase, den die Kinder dort offenbar anfassen dürfen! Und wir vielleicht auch? Ein Hase!!! Endlich, ein echter Osterhase! Schnurstracks schoben wir ab Richtung Streichelgehege! Luka protestierte heftig, er wollte eigentlich erstmal lieber zu den „Trööröös“, den Elefanten, aber Mama Ute und Tante Tina kannten kein Pardon. „Luka, wir gehen zum Osterhasen! Der echte Osterhase!“ Angesichts der wilden Entschlossenheit und des Wahnsinns in unseren Augen verstummte der Kleine augenblicklich. Aber dann die herbe Enttäuschung: wegen Renovierung geschlossen!! Kein Streichelzoo heute!! 3 stinkende Ziegen grasten nebenan, das war´s! „Come back next month!“ riet uns die nette Angestellte. Aber nein, HEUTE ist doch Ostern! Keine einziges Karnickel weit und breit im ganzen Zoo!

Eine echte Osterdepression …

Missmutig glotzten wir noch ein paar Giraffen und Bären in jämmerlich kleinen Gehegen an. Luka interessierte sich dann doch eher für die Kirmeskarussels. Und während er wenigstens selig im Polizeiauto hin- und herwackelte, brach es aus Ute heraus – die Frage, die unseren Osterfrust bündelte: „Denkst du eigentlich manchmal daran, wieder nach Deutschland zurückzugehen?“ Erschrocken blickten wir uns an! So tief hatte uns die Osterdepression schon runtergezogen: Da stellten wir unser paradiesisches Leben hier in Frage wegen eines Osterhasens! Bzw. wegen keines Osterhasens! Frustriert knabberten wir Lukas Kinderkekse in Tierform, pickten natürlich nur die Hasen heraus!

Dann gibt’s eben Eiersalat.

Auf dem Nachhauseweg stoppte ich im Emporium Einkaufszentrum. Im Luxusgeschäft Oriental Shop sah ich einen kleinen Tisch mit Hasen und Eiern: Oh, erleichtert wollte ich gerade zugreifen, dann sah ich die Preise. Das kleinste Schokoei für 8 Euro! Frechheit! Ich kaufte schließlich einen Eiersalat im Supermarkt und machte mich auf den Weg nach Hause. Am Fuße der Treppe des Skytrains versperrte mir ein Baby-Elefant den Weg. Sein Begleiter wedelte mir mit Gurken und Bohnen im Gesicht herum „Want to feed Elephant?!“ Ich fauchte den ahnungslosen Mann auf deutsch an: „Mann, heute ist Ostern! Da will ich keinen Elefanten!“ Erschrocken zog er den kleinen Dickhäuter zur Seite und machte mir den Weg frei.

Ein Prost auf den Osterhasen!

Zuhause aß ich frustriert meinen Eiersalat und trank ein Glas Wein dazu. Ein Prost auf den Osterhasen! Hach, wer hätte gedacht, dass man den alten Freund aus Kindertagen in der Ferne so sehr vermissen wird! Das war vor 4 Jahren, aber Ostern wird auch dieses Jahr immer noch nicht gefeiert in Thailand. Nur ich bin mittlerweile viel besser vorbereitet. Noch einmal wird mich die Osterdepression nicht kalt erwischen: Längst habe ich einen beachtlichen Vorrat an Eierfarben aus Deutschland angesammelt, beim nächsten Thailand-Besucher habe ich schon lila Krokanteier bestellt und meine Mutter hat mir vor wenigen Tagen herrlich kitschige Handtücher mit bunten Hasen geschickt. Und vielleicht schaue ich in den nächsten Tagen auch mal wieder im Zoo vorbei, der Streichelpark sei wieder offen, heisst es.

Meine Freundin Ute lebt übrigens wieder in Deutschland. Nicht ausschließlich wegen des Osterhasens übrigens. Aber sie, sie vermisst jetzt die Elefanten und die Geckos …

Bangkok alaaf oder vom grenzübergreifenden Bützen

Kategorie: Gesellschaft am Montag, 15. Februar 2010 von Christina Maria Grawe2 Kommentare
"Jeck - we can!"

"Jeck - we can!"

Es ist Montag, Rosenmontag. Ich stehe aber nicht in Köln vorm Spiegel und schminke mich für den Karnevalszug. Ich sitze – trotz Klimaanlage schwitzend – im Büro in Bangkok. Und seufze leise! Radio Köln Webradio läuft. Die Höhner bringen Heimweh übers Internet nach Thailand. Die Wettervorhersage aber auch ein kleines bisschen Ernüchterung: “Sollte die Strecke zu verschneit sein, können keine Pferde eingesetzt werden … Zum Kamelle-fangen empfehlen wir dieses Jahr Handschuhe, maximal 1 Grad wird erwartet!” erzählt die Radiosprecherin gerade. Brrr! Plötzlich erinnere ich mich auch wieder an die kalten Füße, während man stundenlang am Straßenrand zitterte, um auf den Zooch zu warten. Ich denke ans Schwitzen in der Kneipe, gefolgt von der sicheren Kombination: “nass geschwitzt rauskommen und höllisch erkälten”. Und irgendwie hatte ich ja auch immer Halsentzündungen im Februar.

Free Flow Currywurst war auch angekündigt.

Man müsste doch Kölner Karneval und thailändische Temperaturen irgendwie kombinieren! Dieses Jahr gab es tatsächlich den ersten Versuch, denn offenbar bin ich nicht die einzige Deutsche in Bangkok mit Köln-Sehnsucht:

Mein Freund Stefan von Airberlin gemeinsam mit deutschen Networking-Partymachern hatte eine Party organisiert in der Disco “Glow”. Motto “Jeck – we can!”. Da zu diesen Networking-Events, die monatlich einmal stattfinden, auch immer viele Thais kommen, versuchten die Organisatoren im Vorfeld auf der Einladung schon die fünfte Jahreszeit konkret zu erklären. Wobei natürlich nicht bedacht wurde, dass die Thais nicht mal 4 Jahreszeiten hier kennen, aber egal. Auch mit den weiteren auf englisch verfassten Anweisungen konnten Nicht-Kölner sicher zunächst kaum etwas anfangen: “Women will be in power, Ties will be cut off, relationships have only limited relevance, kiss whoever stands next to you, repeatedly …” Free Flow Currywurst war auch angekündigt. Doch zum Bützen später.

Sebastian hatte sich sogar rote Pumps in Männergröße besorgen können.

Wir hatten unseren Mitarbeitern (Halb-Thais und Spanier, alles Karnevals-Nichtkenner) strenge Kostümierungsbefehle erteilt und waren baff: Spanier Francisco kam als Matador im kompletten Outfit. Nicht nur Glitzerjacket und rotes Tuch, auch passende Hose, Schwert, Hut … (Naja, und sogar für die berühmten “cochones” hatte er sich ein Paar Socken in die Hose gestopft! Was ihm später dann peinlich wurde beim Engtanz …). Halb-Thai Sebastian kam als Schulmädchen, hatte sich sogar rote Pumps in Männergröße besorgen können. Und Michael (auch Halb-Thai) hatte sich sogar für sein Rastaman-Kostüm extra echte Rastazöpfe anflechten lassen in einer zweistündigen Prozedur. Und mangels schwarzer Karnevalskörperfarbe hatte er sich mit Eyeliner komplett schwarz angemalt!

Ob rosa Hasenkostüm oder Engelsflügel – in Bangkok gibt’s alles.

Mein Mann und ich wollten als thailändische Parkplatzwächter gehen. Zur Erklärung: Das sind die Typen in Phantasie-Uniform, die an jeder Strassenecke in Bangkok winken und pfeifen wie die Wahnsinnigen. Die Typen, auf die man sich beim Abbiegen oder Einparken auf gar keinen Fall verlassen sollte. Die Typen, die – ganz ehrlich –  allen deutschen Autofahrern in Bangkok höllisch auf die Nerven gehen! Beim Suchen nach so einer Uniform stießen wir auf “PR-Fancy” – Kostümverleih! Unglaublicherweise gibt es mitten in Bangkok in einer kleinen Seitenstraße einen Kostümverleih. Ein winziger Laden auf den ersten Blick, der beim zweiten Hinschauen unfassbare Tiefen offenbart. Da gibt es unzählige proppenvoll gestopfte Hinterzimmer. Man findet rosa Hasenkostüme, sexy Thaitänzerkleidchen, wilde Indianeroutfits, prunkvolle Engelsflügel, Aircrew-Uniformen. Und – tatsächlich auch Parkplatzwächter-Hemden. Mit Pfeife, Schlagstock, Mütze – alles stilecht. Fand auch keiner absurd dort, als wir danach fragten. Todernstes Geschäft. Bizarrerweise war es ziemlich voll dort – auch viele Thailänder probierten gerade Pandakostüme an, suchten nach Supermananzügen. Warum und wofür? Keine Ahnung! Karneval jedenfalls kennt man hier nicht.

Thais mit vor Staunen geöffneten Mündern starrten uns an.

Am Abend also machten wir uns zu viert kostümiert auf den Weg: Vier Deutsche mit Schlagstöcken, Taschenlampen und Pfeifen, Wachmann-Mützen und gleichem Hemd. Der Taxifahrer hob nur kurz verwirrt die Augenbrauen, aber alle anderen Thailänder, die uns unterwegs sahen, starrten uns mit offenem Mund an.

Im “Glow” angekommen, empfing uns Jubel. Clowns, Funkenmariechen, Matrosen und Mafiabosse sprangen schon wild zu “Echte Fründe” durch die Disco. Heimatgefühle! Die Currywurst schmeckte auch fast wie an der Ecke Friesenstraße. Kein Kölsch, aber Bier ist Bier, da konnte man drüber hinwegsehen!

Im Toilettenvorraum traf ich später am Abend auf zwei Thailänderinnen im schicken Abendoutfit. Wir kamen ins Gespräch. Die beiden Bankberaterinnen hatten die Anweisungen auf der Party-Einladung natürlich gar nicht verstanden, dachten also, sie gingen – wie jeden Monat – zu einem relativ ernsthaften Business-Networking-Event. Und waren nun angesichts der wilden Deutschen in merkwürdigen Kostümen völlig verwirrt. Ich erklärte ihnen also in Kurzform Sinn und Verhaltensformen beim Karneval. “And today“ erklärte ich „heute ist der Frauentag.” “Da dürfen Frauen eigentlich jeden Mann küssen, wenn sie wollen.” endete ich. “Wow!” die beiden Thailänderinnen waren sprachlos und begeistert. “Wirklich?? Jeden Mann?” “Naja, zumindest jeden Deutschen hier im Club.” schränkte ich besser mal ein. Sie dankten mir überschwänglich und trauten sich nun zuversichtlich ins Partygetümmel.

Can I kiss you please?

Eine Stunde später sah ich eine von beiden wild diskutierend mit dem Vorsitzenden einer deutschen Firma: “Can I kiss you please? Ja, wirklich, deutsche Männer müssen sich küssen lassen, das habe ich eben gelernt!” Dass der Mann seine böse blickende Ehefrau neben sich hatte, schien meine thailändische Bekannte kaum zu stören. Die andere war erfolgreicher und lag bereits in den Armen eines glücklichen Siemens-Praktikanten. “Great Festival – your Kiss-Festival” rief sie mir zu.

Wie enttäuscht wird sie sein im nächsten Monat beim nächsten Networking-Treffen! Hoffentlich kommt sie dann nicht im Clownskostüm! Denn eins hatte ich bei meiner Karnevals-Kultur-Aufklärung vergessen, den Thailändern zu erklären: Am Aschermittwoch ist alles vorbei!


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