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Reise nach Thailand

Kategorie: Gelesen, Kultur, Reisen am Sonntag, 10. Januar 2010 von Christine ReichmannKommentieren Sie diesen Eintrag als Erster

Der Blick hinter die Kulissen ...

Der Blick hinter die Kulissen ...

Geschichten fürs Handgepäck

Was für eine schöne Idee – die Geschichten fürs Handgepäck, Reiseführer der anderen und ganz besonderen Art. Für meine Thailand-Reise im Dezember habe ich mir dann auch gleich den Thailand-Band ins Handgepäck gesteckt und ihn auf dem Hinflug gelesen. Darin schreiben zeitgenössische thailändische Autoren – einige von ihnen preisgekrönt – über ihr Land. Und so geht es hier nicht um herkömmliche Touristenattraktionen, die perfekt durchgeplant abgehakt werden können. Die Autoren gewähren uns vielmehr den ungleich tieferen Blick hinter die Kulissen ihres Landes. In Geschichten über Bergdörfer, Touristenzentren und das Leben in Bangkok begegnen wir in “Reise nach Thailand” Fischerfamilien, Großstädtern und buddhistischen Mönchen.

Den Stau sinnvoll nutzen …

Meine Lieblingsgeschichte ist gleich die erste in diesem Band. In ihr lerne ich ein junges bangkoker Paar kennen, das sich in seinem gut ausgestatteten Mittelklassewagen häuslich eingerichtet hat. Inklusive Kühlbox für erfrischende Getränke, jeder Menge köstlicher Snacks und der Möglichkeit, unterwegs zumindest die Blase zu erleichtern. Warum das alles? Weil es in Bangkok zu jeder Tages- und Nachtzeit sehr wahrscheinlich ist, früher oder später im Stau zu stecken. Eher früher als später und eher länger als kürzer. In diesen Fällen lernt man besser gleich, die Ruhe zu bewahren. Denn man steckt unweigerlich fest und es ist sinnvoll, sich darauf vorzubereiten, um diese Zeit “genießen” zu können. Dies macht erfinderisch und so lernen wir in ebendieser ersten Geschichte einen weiteren bangkoker Stauprofi kennen. Er denkt nicht nur an sein leibliches Wohl und Komfort, sondern auch an die Umwelt. So hat er  immer ein paar Bananensetzlinge an Bord. Und wenn er im Stau steht, steigt er eben aus und pflanzt neben der Straße seine Bananenstauden – für mehr Grün und ein besseres Klima in der quirligen Millionenmetropole.

Unglaublich, aber wahr!

Für jemanden, der noch nie in Bangkok war, mag schon die erste Geschichte völlig absurd erscheinen. Aber glauben Sie mir, diese Geschichte kann wirklich wahr sein. Auch ich hätte mir bei mancher Auto”fahrt” durch Bangkok ein kühles Getränk, etwas Leckeres zu essen und eine Toilette gewünscht. Aber zumindest war ich bisher immer in bester Gesellschaft und habe mich auch im Stau stets prächtig unterhalten. Wenn Sie nach Thailand (oder auch woanders hin reisen), stecken Sie sich die entsprechenden Geschichten fürs Handgepäck ein. Sie gibt es für die unterschiedlichsten Reiseziele und öffnen Ihnen die Augen für das jeweilige Land auf ungewöhnliche Art und Weise. Schönes Fernweh!

“Reise nach Thailand. Geschichten fürs Handgepäck”, Unionsverlag, Schweiz

Der schönste blaue Fleck der Welt

Kategorie: Gesellschaft am Dienstag, 25. August 2009 von Christina Maria GraweKommentieren Sie diesen Eintrag als Erster
Big vor 4 Monaten, als er noch nicht lächeln konnte.

Big vor 4 Monaten, als er noch nicht lächeln konnte.

Ich habe einen Knutschfleck. Ja, so richtig, einen blauen Fleck am Hals, deutlich sichtbar. Der Schuldige? Nicht mein Mann! ”Oho”, werden Sie denken! Aber ich bin glücklich über diesen Knutschfleck, denn er ist von einem Thailänder, in den ich ein bisschen verliebt bin! “Das wird ja immer schlimmer!” schütteln Sie jetzt sicherlich den Kopf. Na gut, die Erklärung: Besagter Thailänder ist ein noch ziemlich kleiner Mann, 10 Monate alt und den blauen Fleck hat er mir nicht erknutscht, sondern er hat einfach zu feste an meinen Hals gegrabscht. Warum ich mich so freue über diesen blauen Fleck?? Der kleine Junge heißt ”Big”, ein symbolischer Name, den man ihm gab, um ihm Kraft zu verleihen.

Man nannte ihn “Big”, um ihm Kraft zu verleihen.

Bigs Start ins Leben war nämlich alles andere als kraftvoll. Er kam mit dem HIV-Virus zur Welt. Seine Mutter – im fortgeschrittenen Stadium aidskrank – hatte ihn angesteckt. Nicht nur mit HIV, sondern auch mit TB. Die Schwangerschaft hatte sie so sehr geschwächt, dass sie nun – völlig abgemagert und apathisch – auf der Sterbestation liegt. Auch Big war ein jämmerlicher Anblick, als ich ihn vor 6 Monaten das erste Mal sah. Mutter und Baby waren durch glückliche Umstände in Bangkoks Mercycentre gelandet. Bigs Mutter wird hier immerhin würdevoll und liebevoll gepflegt ihre letzten Wochen verbringen dürfen. Auch für das Baby sah die Zukunft nicht rosig aus zu Beginn. Big konnte nicht lachen, war dünn und sah aus, als würde er den nächsten Tag nicht überleben. Ein schwerkrankes teilnahmsloses Baby, dessen Anblick mir das Herz schmerzen ließ. Die nächsten Monate verbrachte er immer wieder wochenlang im Krankenhaus, zum Glück mit einer liebevollen Pflege-Ersatzmutter an seiner Seite: Mae Gung, die seit Bigs Ankunft im Heim jede Nacht an seiner Seite lag, im Krankenhaus und im Heim.

Er lächelt …

Jedes Mal, wenn ich zum Mercycentre kam, war ich eigentlich auf eine traurige Nachricht über den kleinen Big eingestellt. Meist sagte man mir “Er schläft, er hat wieder Fieber!” oder “Er ist seit gestern wieder im Krankenhaus, braucht Infusionen.” Letztes Wochenende aber kam ich dorthin und fand eine strahlende Mae Gung und einen lächelnden Big vor. Ich erkannte ihn kaum wieder. Der Kleine ist mittlerweile 10 Monate alt, sieht zwar immer noch aus wie maximal 5 Monate, aber er hat ein bisschen Speck angesetzt. Er verträgt die neue Spezialnahrung jetzt sehr gut und auch alle anderen Medikamente sind nun offenbar richtig auf den kleinen Körper eingestellt. Und – er lächelte, zappelte und griff energisch feste an meinen Hals! Und das ist der Grund, warum dieser blaue Fleck der schönste der Welt ist.

Bamee moo – 12.000 Kilometer für eine Suppe

Kategorie: Genuss, Reisen am Montag, 10. August 2009 von Gast6 Kommentare

Reisebericht Thailand von Rolf Henniges

Meine große Liebe: Bamee moo

Meine große Liebe: Bamee moo

Ich habe sie alle genervt. Vom ersten Tag meiner Rückkehr aus dem Thailand-Urlaub. Und das war heute vor fast exakt einem Jahr. Jedem, der es nicht hören wollte, hab‘ ich von ihr vorgeschwärmt: Bamee Moo – eine thailändische Suppe, die ab Dämmerungsbeginn direkt an den Straßen in einer Art überdachter Schubkarre gekocht und ausgeschenkt wird. Bei 30 Grad im Schatten.

Jetzt stehe ich am Bahnhof, das Thermometer zeigt minus sieben Grad. Ich warte auf den Zug, der mich von Stuttgart zum Frankfurter Flughafen bringt. In spätestens 36 Stunden werde ich wieder an diesem Suppenstand auf der Insel Koh Samui stehen. Dann wird der Geschmack, der mich ein Jahr lang wie ein Schatten verfolgt hat, in meinen Gaumen zurückkehren. Noch ist das schwer vorstellbar. Feuchte Kälte durchdringt meine leichte Kleidung, der Schneematsch hat die Mokassins aufgeweicht. Einsteigen in den ICE, Endziel Hamburg-Altona, über Frankfurt, Kassel und Göttingen. Freies Abteil, weicher Sitz, am Fenster rast die Welt vorbei.

Liebe geht durch den Magen.

Liebe geht durch den Magen.

Exakt 358 Tage sind seit meinem Suchtbeginn vergangen.

Damals, an meinem zweiten Urlaubsabend, hat mich Neugier aus dem sterilen Urlaubsressort gelockt, und Bamee Moo mich vom ersten Löffel an gefangen genommen. Doch es war nicht nur der Geschmack. Es war ein Stück Lebensgefühl. Etwas, von dem ich in meiner Wohnwabe im Stuttgarter Osten nie gehört hatte, geschweige denn es spüren konnte: 2,5 Zimmer, 64 Quadratmeter, Bad mit WC. Fenster mit Blick auf die Stahlbetonwand des Hauses gegenüber. Umgeben vom winterlich belastenden Grau der Wolken, die bis auf den Boden zu reichen scheinen. Ein Abschied ohne Schmerz.

Mannheim, Zwischenstopp. Dreckige Lagerhallen, verrottete Schienenstränge, zerlegte Waggons, in der Ferne ein Funkturm. Noch wenige Minuten bis zum Flughafen. Wird sie wohl noch dort verkauft, am selben Ort? 50 Meter vor einer kleinen Kreuzung, Plastikstühle, Klapptische auf nacktem Boden, der sich bei Regen in glitschigen Morast verwandelt. Von derselben Köchin, mit dem gleichen, unnachahmlichen Geschmack? Ein Gaumengenuss, der scheinbar alle Sinne betört. Etwas, das sich im Unterbewusstsein verankert, mich wie ein Stahlseil umschlingt, und zurück in die Urlaubsflucht zerren möchte.

Jeder Biss ein Druck aufs Knöpfchen der Erinnerung.

Auch in Deutschland kann ich sie förmlich riechen – die Gewürze der Garküche.

Auch in Deutschland kann ich sie förmlich riechen – die Gewürze der Garküche.

Allabendlich gegen 19 Uhr, wenn meine Gedanken aus dem Büro seicht abklingen wie eine Geigensinfonie, und ich auf ein Abendessen starre, das ich mir meistens schnell zusammenmixe, schlägt Wehmut über mir zusammen wie eine riesige Welle. Jeder Biss ist da ein Druck aufs Knöpfchen der Erinnerung. Meine Kücheneinrichtung verschwimmt vor meinen Augen. Ich sehe wieder eine fremde, exotische Welt, sprudelndes Leben. Und ich fühle mich mittendrin. Auf dem kippelnden Stuhl vor einem abgegriffenen Tisch, neben einem spärlich beleuchteten Suppenstand. Ein paar Handbreit entfernt vom tosenden Verkehr, der sich im Nadelöhr des Städtchens Mae Nam automatisch verlangsamt. Es riecht nach den Gewürzen der Garküche, nach Sauna, Schweiß und Meer. Es riecht nach Leben.

Dieser Geruchsmix ist sowohl in meiner Wohnung, als auch jetzt hier im Zug schwerlich zu erahnen. Draußen verwischen Pferdekoppeln, blassgrüne Wiesen, spiegelnde Pfützen, flurbegradigte Bäche, an deren Ufern sich Weiden eingenistet haben, und graubraune Teerbänder, auf denen Autos rollen, die selbst am Tag mit Licht fahren. Hoch aufragende Betonschlote, die ihre Pest in die Luft wirbeln. Lkw-Karawanen, Stahlhallen, Containerberge. In der Ferne der Odenwald, aus der Distanz nichts weiter als eine Hügelkette, die wirkt, als wäre sie aus einen Stück Schatten geschnitzt.

Flug ins Nudelsuppenglück

Flug ins Nudelsuppenglück

Ich halte Ausschau nach Eisbären und Pinguinen.

12.38 Uhr: Ankunft am Flughafen. 13.25 Uhr: einchecken bei Emirates, Flug EK46 nach Dubai. Zweimaliges Röntgen des Handgepäcks. 14.25 Uhr: Abflug. Flughöhe 11.000 Fuß: In den ovalen Löchern des Flugzeugrumpfs wandert eine glitzernde, von der Sonne bestrahlte Wolkendecke, die aussieht wie eine Eislandschaft. Unwillkürlich halte ich Ausschau nach Eisbären und Pinguinen, kann es immer noch nicht fassen, dass mich in weniger als 18 Stunden wohlige Wärme umschließt. 5 Stunden, 20 Minuten berechnete Flugzeit bis zum Zwischenstopp in Dubai. Die zu zerstreuen, steht eine Auswahl von 600 digitalen Kanälen bereit. 200 Filme, unzählige Musikalben. Es gelingt.

Soll ich, oder soll ich nicht?

Hart setzt die Boeing auf dem International Airport Dubai auf. 3.25 Stunden Aufenthalt. Das Shoppen werde ich mir für den Rückweg sparen. Es ist ein Spaziergang unter goldenen Palmen, durch eine Welt voller Glamour. Porsche. Armani. Gucci. Chanel. Jaeger-LeCoultre. Im zweiten Stock des Shopping-Eldorados reihen sich diverse Imbisse aneinander. McDonalds, Pizza-Hut, Indian-Food, pakistanische Köstlichkeiten, französische Cuisine. Am Ende des kulinarischen Catwalks, von dem man durch eine opulente Glasfläche Blick auf einen Teil des riesigen Fluggeländes hat, auch eine Art thailändisches Fast-Food-Restaurant. Im Angebot: Nudelsuppe. Ich stehe gebannt vor dem Tresen. Starre. Warte. Kämpfe mit mir. Soll ich, oder soll ich nicht?

Airport Dubai – Zwischenstopp

Airport Dubai – Zwischenstopp

Bis heute hat es keine andere mit dem Original von der Straßenkreuzung aus Mae Nam aufnehmen können. Seit Suchtbeginn habe ich Bamee Moo in rund 30 thailändischen Restaurants in ganz Deutschland geordert und selten bekommen. Wenn, dann war es immer ein Reinfall. Fade. Bisslos. Verwürzt. Eine Flamme ohne Feuer. Selbst an meinem Geburtstag, als ich die Suppe nach einem Rezept aus dem Internet selbst zubereitet habe, hatte diese geschmacklich ungefähr so viel mit dem Original gemein, wie ein Gummibärchen mit einer Ölsardine. Dabei hatte ich mir größte Mühe gegeben. War auf der Suche nach frischen Kräutern einen Tag durch Stuttgart gehetzt, und hatte den Sud schon einen Tag zuvor angesetzt, damit er das richtige Aroma bekommt. Doch erstens sind dieselben Kräuter nicht so aromatisch wie in Thailand, zweitens ist die Nudelqualität ausschlaggebend, drittens konnte ich nirgendwo gekochtes und speziell mariniertes Fleisch bekommen, und letztlich bleibt es immer ein Geheimnis, was und wie viel in den Sud kommt, der die einzelnen Zutaten letztlich übergießt und die kulinarischen Puzzlestücke zu einem köstlichen Gesamtbild zusammenfügt.

Ich döse, sehe dampfende Suppen, die im Licht vorbei rauschender Autos aufblitzen.

Nussig. Scharf. Süß. Crisp. Salzig. Herzhaft. Herb. Fleischig. Frisch. Vital. Voll.

Nussig. Scharf. Süß. Crisp. Salzig. Herzhaft. Herb. Fleischig. Frisch. Vital. Voll.

6,5 Stunden Weiterflug bis Bangkok. Während des Fluges schielt jeder nach seinem Nachbarn, beobachtet, wie er den Joy-Stick, der den Fernsehcomputer führt, bedient. Ein stiller Wettkampf entbrennt darüber, wer sich durch das Menü aus abertausend Möglichkeiten zuerst ans Ziel manövriert. Oder sich die Mahlzeiten möglichst ohne zu kleckern oder seinem Sitznachbarn den Ellenbogen in die Nieren zu bohren, einverleiben kann. Trotz der Enge in der Economy-Class gelingt es mir, ein wenig zu relaxen. Ich döse, sehe dampfende Suppen, die im Licht vorbei rauschender Autos aufblitzen. Sehe Menschen, denen es gelingt, per Stäbchen jede Nudel einzeln zu schnappen, sie zu drehen und elegant in den Mund zu führen. Bamee Moo ist neben Pad Thai, einem im Wog gegarten Mix aus Glasnudeln, Ei, Huhn und diversen Gewürzen, das zweite Nationalgericht des Landes. Mit Preisen zwischen 20 und 35 Baht (40 bis 75 Cent) ist die Suppe darüber hinaus für jeden erschwinglich. Zum Vergleich: Eine Dose Bier kostet 40 Cent, der Liter Benzin ist für 60 Cent zu haben. Handwerker verdienen zwischen 6.000 bis 10.000 Baht (rund 130 bis 230 Euro) pro Monat. Bamee Moo gilt als Armeleuteessen. Ein Gericht, das ursprünglich aus China stammt, und weder in den Urlaubsressorts noch in den meisten thailändischen Restaurants auf der Karte steht. So ist es nur verständlich, dass mich meine Freundinnen für verrückt erklärt haben: 12.000 Flugkilometer, 13 Stunden zusammengefaltet in einer Sitzbatterie wie eine Legehenne ausharren, 24 Stunden beinah ohne Schlaf – für dünne Teigwaren, die im Wasser schwimmen. Verrückt? Vielleicht. Ansichtssache. Doch was ist daran falsch, Träume zu haben und sie zu verwirklichen?

Endlich angekommen!

Endlich angekommen!

Unter mir spannt sich die glitzernde Decke des Meeres bis zum Horizont.

Weiche Landung in Bangkok, das völlig unter einer Dunstglocke begraben ist. Aussteigen. Langer Gang. Einreisestempel. Für einen Aufenthalt bis zu vier Wochen benötigt man als Deutscher Staatsbürger kein Visum. Gepäckausgabe. Letzte Tür. Noch eine Stunde ausharren, dann wird mich eine Boeing per 50-minütigem Flug nach Koh Samui bringen. Der Flughafen der Insel galt lange als einer der kleinsten weltweit. Zumindest, wenn man davon ausgeht, dass Bangkok Airways, denen die 1.440 Meter kurze Piste gehört, ihn mit einer relativ großen Boeing anfliegt. Erst beim Durchstoßen der Dunstglocke wird mir klar, wie dicht ich meinem Traum auf den Fersen bin. Unter mir spannt sich die glitzernde Decke des Meeres bis zum Horizont. An dessen Ende mich ein zweiwöchiger Urlaub unter Palmen mit Bamee Moo erwarten. Ich möchte jubeln, einfach losschreien. Vor so viel Glück.

Eigentlich ist die Suppe ein simples Gericht.

Suppenstand in Mae Nam: Um nichts in der Welt will ich jetzt woanders sein. Oder gar etwas anderes essen.

Suppenstand in Mae Nam: Um nichts in der Welt will ich jetzt woanders sein. Oder gar etwas anderes essen.

Ein zwei- bisweilen dreigeteilter Topf wird von einer Gasflamme erhitzt. In dem einen Teil ist Wasser, das zum Erhitzen der Nudeln dient. In den anderen köchelt Sud. Diese sind je nach Garköchin verschieden und gelten als Geheimnis. Als Basis werden oft Knochen ausgekocht. Hinzu kommen zerstampftes, in Chiliöl eingelegter Knoblauch, Sojasoße, Salz, in Scheiben geschnittener Kohlrabi, zerstückelte Riesenpaprika und diverse Gewürze. Die Nudeln liegen offen aus, man kann aus bis zu sieben Sorten wählen. Sie werden in einer Schöpfkelle rund eine Minute im kochenden Wasser geschwenkt. Nebenbei werden in einer Schale die weiteren Bestandteile trocken aufgeschichtet. Grünes, geschnittenes Stangengemüse, grüner Chinakohl, gewürfelte Frühlingszwiebeln, Sojasprossen, zerkleinerte Erdnüsse, in Öl frittierter Knoblauch, Blätter der Thai-Petersilie, ein Spritzer Fischsoße als Salzersatz, eine Prise Zucker. Hinzu kommen je nach Kundenwunsch Fischbällchen, Krabbenfleisch, geronnenes Blut oder gekochtes Rindfleisch. Mein Favorit: dünne Scheiben Schweinefleisch aus einem länglichen Filetstück, das zuerst gekocht und anschließend mariniert wird. Anschließend werden die Nudeln hinzu gegeben und das Ganze mit dem Sud aufgegossen. So bleibt das Gemüse knackig, die Nudeln bissfest und das Fleisch herzhaft. Alle Zutaten behalten ihren Eigengeschmack.

Es ist 16.20 Uhr als der Stahlvogel aufsetzt. Ein kleiner bunter Wagen, einer Kindereisenbahn ähnlich, bringt mich zur Gepäckausgabe. Palmen wiegen im warmen Luftstrom, der zärtlich über meine Haut streicht. Draußen vor der Gepäckausgabe warten Taxen. Zwei Stunden später, mein Gepäck ist noch nicht ausgepackt, steht verlassen im Zimmer, sitze ich auf einem wackligen Stuhl. Es ist derselbe Stuhl. Derselbe Tisch. Dieselbe Köchin.

Und derselbe, unnachahmliche Geschmack. Nussig. Scharf. Süß. Crisp. Salzig. Herzhaft. Herb. Fleischig. Frisch. Vital. Voll. Menschengedränge. Strömender Verkehr. 32 Grad, 90 Prozent Luftfeuchtigkeit, in der Ferne ein Gewittersturm und die Brandung der Wellen. Um nichts in der Welt will ich jetzt woanders sein. Oder gar etwas anders essen.

Lachen lernen: die Geschichte der kleinen Peh, HIVpositiv.

Kategorie: Gesellschaft am Montag, 3. August 2009 von Christina Maria GraweKommentieren Sie diesen Eintrag als Erster
Peh – sie kann jetzt Eis essen, kichern und ein bisschen sprechen.

Peh – sie kann jetzt Eis essen, kichern und ein bisschen sprechen.

Wenn die 7jährige Peh besonders glücklich ist, dann quietscht sie laut und ihre kleine Zunge schiebt sich frech durch die kaputten Zähnchen, die sie beim Lachen zeigt. Noch sind es die Milchzähne, aber wahrscheinlich werden auch die neuen Zähne bald wieder faulen. Liegt nicht an mangelnder Hygiene – Nebenwirkungen der Medikamente, die sie jeden Tag nehmen muss. Auswirkungen des Virus, das ihre Mutter ihr vom ersten Tag an auf dieser Welt mitgegeben hat. HIV. Die kleine Peh hat Aids.

Ihre Geschichte ist eine von unzähligen in Asien: Papa trank oft ein bisschen zu viel, stromerte rum und steckte sich an in einem der billigen Bordelle auf dem Land. Mama erfuhr erst zwei Jahre später, als sie mit Baby Peh schwanger war, dass er auch sie angesteckt hatte. Papa starb zuerst, Mama wenige Wochen nach Pehs Geburt. Das war vor sieben Jahren.

Zunächst kümmerte sich die Oma um Peh.

Die Oma kümmerte sich zuerst um Peh, aber niemand in ihrer kleinen Hütte in den Slums kannte sich aus mit kranken Babies. Und Peh war irgendwie anders, das kapierten alle. Aber niemand hatte Zeit oder Geld oder Nerven, sich darum zu kümmern. Als die Oma sich nicht mehr kümmern konnte oder wollte, hatte eine entfernte Tante Mitleid, eine Straßenkehrerin mit schon drei Kindern und einem Motorradtaxifahrer-Ehemann. Peh war fünf, konnte weder laufen noch sprechen zu der Zeit. Die Tante ahnte von dem Virus, der Schuld daran war, traute sich aber nicht, es ihrem Mann zu sagen. Hatte Angst, der Mann würde sie dann mit den drei Kindern sitzen lassen. Tagsüber hatte niemand Zeit für Peh, so sperrte man sie in einen kleinen Raum ein, mit frischem Reis und Wasser, was blieb der Tante anderes übrig.

Ein Nachbar erzählte ihr dann von einer Art Kindertagesstätte für spezielle Kinder. Und so kam die kleine Peh ins Mercycentre, ein Kinderheim, Aidshospiz und Zuhause für Kinder wie Peh, für die niemand Zeit hat. Das war vor zwei Jahren.

Als ich Peh dort das erste Mal traf, konnte sie nicht laufen, nicht essen, nicht lachen und nicht sehen. Der Virus, zu lange nicht bekämpft, war stärker als ihr Augenlicht, stärker als ihr Nervensystem. Peh hat auch heute noch Schwierigkeiten, ihre Bewegungen zu koordinieren.

Sie kann jetzt stehen und beinahe alleine laufen.

Behutsam wurde sie in den letzten zwei Jahren in ihrem neuen Zuhause gepflegt und gestreichelt, gefüttert und auf die richtigen Medikamente eingestellt. Die ersten Wochen saß sie unbeweglich in einem kleinen Rollstuhl, weinte, als ich sie das erste Mal an ihrem Ärmchen berührte. Obwohl sie mich nicht sehen konnte – die komische weiße Frau mit gelben Haaren – hörte ich mich dennoch einfach fremd an. Viel Zeit ist seitdem vergangen. Die anderen Kinder im Heim – ebenfalls alle HIVpositiv – nahmen Peh als ihre kleine Schwester auf, wuschen sie, wickelten sie und ärgerten sie auch, so wie das ganz normale Geschwister tun. Die Hausmütter des Mercycentres pflegen sie liebevoll. Ein Physiotherapeut trainiert fast jeden Tag mit ihr, sie kann jetzt stehen und beinahe alleine laufen.

Und wenn ich heute Peh ab und zu treffe, quietscht sie laut. Sie kann jetzt Eis essen und kichern, sie kann ein bisschen sprechen und ein Händeklatschspiel beinahe perfekt, sie kann Küsschen geben und streckt mir immer ihren kleinen Kopf entgegen, damit ich ihr auf den Hals puste und sie noch viel mehr lachen muss.

Peh ist ein Glückskind.

Peh ist ein Glückskind. Klar, der Virus ist da, die meisten Nerven in ihrem Körper zerstört und auch ihr Augenlicht ist für immer weg und noch gibt es keine Langzeiterfahrungen mit den neuen Medikamenten. Aber ich denke nie daran, dass ich Peh mutmaßlich überleben werde, ich freue mich, wenn sie mich glücklich macht mit ihrem übermütigen Kichern.

Dank des Mercycentres in Bangkok haben viele Kinder wie Peh eine glückliche, liebevolle Kindheit in Sicherheit. Das Haus in den Slums von Bangkok ist auch für mich in den letzten fünf Jahren zu einem zweiten Zuhause geworden. Und so werde ich sicher noch viele der traurigen und dennoch fröhlichen Geschichten meiner kleinen Freunde dort für die Frohe Botschafterin aufschreiben.

Weihnachten, Ostern und überhaupt. Jahreszeitenjammer.

Kategorie: Gesellschaft am Mittwoch, 22. Juli 2009 von Christina Maria GraweKommentieren Sie diesen Eintrag als Erster
Stricken Sie für Bedürftige!

Stricken Sie für Bedürftige!

Ich bin verwirrt. In meiner Kindheit waren die Jahre im Ablauf klar unterteilt. Es gab Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Vier klar definierte Jahreszeiten. Die Haupt-Events waren Geburtstag, Weihnachten und Ostern. An Ostern gab es Osterhasen und traditionell durften meine Freundinnen und ich dann das erste Mal im Jahr Kniestrümpfe statt Strumpfhosen tragen. Und Weihnachten – völlig klar, immer kalt, Schnee, Christbäume. Strukturen wie „Sommer warm – Winter kalt“, die sich in ihrem Grundgerüst nie änderten.

Jetzt aber lebe ich seit fünf Jahren in den Tropen und alles ist anders. Meine Jahreszeiten hier: nur noch drei. Regenzeit, Trockenzeit, heiße Zeit. Regenzeit heißt: viel Regen, hohe Luftfeuchtigkeit und Gewitter. Trockenzeit: kühle Temperaturen („nur“ 24 Grad). Und heiße Zeit, da ist es einfach superheiß, bis zu 40 Grad. Für die Thais sind das ihre klaren Strukturen im Jahr. Für uns Deutsche heißt es aber jahreszeitlich in Thailand eigentlich: immer heiß, immer alles grün! Ob mit oder ohne Regen, de facto habe ich hier keine Jahreszeiten mehr. So kommt es mir jedenfalls vor. Ich war auch seit fünf Jahren im Winter nicht mehr in Deutschland, lebe irgendwie außerhalb jeglicher Saison. Strumpfhosen besitze ich gar nicht mehr und nicht mal Kniestrümpfe.

Okay, woran also soll ich mich durchs Jahr hangeln, fragte ich mich nach einiger Zeit hier in den Tropen. Weihnachten und Ostern – das ist doch vom Wetter unabhängig, dachte ich. Und tatsächlich, Weihnachten ist auch hier Weihnachten! Ich war im ersten Jahr regelrecht erleichtert. Die Thais sind zwar fast alle keine Christen, aber egal, es gibt bunte Glitzerdeko, Weihnachstbäume und in allen Shoppingcentern dudeln die internationalen Christmas-Songs. So wie letzte Woche bei meinem Friseur! „It´s a cold cold winter …“ wurde abgelöst von „All I want for Christmas is you“. Unwillkürlich summte ich mit – bis ich realisierte: Moment, es ist Juli!! Juuuli! Sommer, nicht Winter. Oder meinetwegen Regenzeit. Definitiv aber nicht Weihnachten.

Jahres-Abo für ein Jahr Schneeschippen in Bangkok

Jahres-Abo für ein Jahr Schneeschippen in Bangkok

„You like?“ fragte mich der Friseur. Ich konnte – aus technischen Gründen beim Haare schneiden – nicht einmal fassungslos den Kopf schütteln. Einen Tag später im Baumarkt. Ein Plakat wirbt dort für den Beginn des – tja, nennen wir es mal – Sommerschlussverkaufs oder auch meinetwegen auch des Regenzeitschlussverkaufs. Die Kampagne lautet: „Cool winter promotions!“ Das Logo: Ein Eisbär im Schnee neben einem Christbaum. Was denn nun? Winter im Sommer? Es ist doch weltweit Sommer oder etwa nicht? Und warum überhaupt ein Weihnachstbaum im Juli?

Ich begann in meinem täglichen Umfeld darauf zu achten und entdeckte gar Schreckliches: im Supermarkt meines Vertrauens fand ich nicht nur kleine goldene Osterhasen im Süßwarenregal (Verfallsdatum: August 2009), sondern auch Papierservietten und neben der Obstabteilung auf einem Extratisch: Adventskalender! Ja kein Witz, die einfachen bunten Pappkalender mit den Schokoladenfiguren drin, mit dem deutschen Schriftzug „Adventskalender“.

Eine Freundin hatte mir erzählt: in Bangkoks Chinatown gäbe es einen Laden, der das ganze Jahr über Weihnachtsdeko anbiete. Ich bin besessen und will es selber sehen. Tatsächlich: Plastikweihnachtsbäume, Nikolausmützen, Kugeln, Sterne, alles, was man so für ein Weihnachtsfest braucht. Ich frage die Inhaberin: „Wer kauft denn im Juli bei Ihnen ein?“ Sie schaut nur kurz auf und sagt: „Leute kaufen.“ „Warum aber schon im Juli?“ will ich wissen. „Irgendwo auf der Welt ist doch immer Weihnachten!“ antwortet sie im Brustton der Überzeugung und wickelt ungerührt weiter Lametta auf.

Und ich gebe auf. Ich habe eben dann zumindest in meinem Supermarkt den Gesamtvorrat der goldenen Schokohasen aufgekauft, befreit sozusagen! Heute Abend kommen Gäste. Die Hasen gibt’s zum Dessert. Als Hauptgang habe ich Rotkohl und Gänseschenkel vorbereitet. Warum eigentlich nicht?! Ist doch schließlich Regenzeit oder so …

P.S.: Heute morgen steht in der Zeitung übrigens nicht nur die Aufforderung, Patchworkdecken für Bedürftige im Winter zu stricken (Hallo???!!! Wir sprechen von Thailand, Südostasien, Tropen!!), sondern auch eine Werbung für den Bangkoker Schneeräumdienst. Für 8 Euro gibt es ein Jahresabo und Schneeschippen ist ein ganzes Jahr lang kein Problem mehr für mich. Desaster Preparedness ist dafür wohl der Fachausdruck aus dem entwicklungspolitischen Bereich. Aber irgendwie werde ich in diesen Tagen das Gefühl nicht los, dass ich irgendwas Entscheidendes verpasst habe … nur was?!


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