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Das Konzert

Kategorie: Gesehen, Kultur am Sonntag, 26. September 2010 von Christine ReichmannKommentieren Sie diesen Eintrag als Erster

Den Film wollte ich mir schon seit Wochen anschauen und bin leider nicht dazu gekommen. Und gestern habe ich ihn tatsächlich noch im Programm eines winzigen Kölner Kinos gefunden. Also schnell eine halbe Stunde vor Filmbeginn ins Auto gesprungen, losgebraust und den vorletzten Platz im Mini-Kino ergattert.

Es hat sich so gelohnt. Ein gigantisch guter Film, den ich nur jedem empfehlen kann. Entweder noch in einem Mini-Kino oder demnächst – hoffentlich ganz bald – auf DVD.

Die Story: Andreï Filipov war einst gefeierter  Dirigent des legendären Bolschoi-Orchesters. 30 Jahre später – er ist jetzt 50 Jahre alt – arbeitet er immer noch am selben Haus, aber mittlerweile als Putzmann. Denn seine Weigerung während des kommunistischen Regimes in der Sowjetunion jüdische Mitmusiker seines Ensembles zu entlassen, hatte ihn den Posten gekostet – wie auch seinen besten Freund, den Cellisten Sacha Grossman, der sich nun als Krankenwagenfahrer verdingt.

Andreï greift die Gelegenheit beim Schopf.

Wie es der Zufall will, fällt Andreï eines Tages – während er das Büro des Direktors reinigt – ein Fax des Pariser Théâtre du Châtalet in die Hände. Der dortige Direktor sucht händeringend Ersatz für die indisponierten Philharmoniker aus Los Angeles. Kurz entschlossen steckt Andreï das Fax ein und löscht die dazugehörige Mail. Es ist seine Chance: Er will das Orchester in seiner alten Besetzung wieder aufleben lassen, um anstelle des jetzigen in der französischen Metropole aufzutreten. Er schafft es, seine in alle Winde zerstreuten Ex-Kollegen aufzutreiben. Sie arbeiten inzwischen als Möbelpacker, Taxifahrer, Straßenmusiker, Handyverkäufer und Flohmarkthändler.

Währenddessen bereitet man sich an der Seine darauf vor, das legendäre Orchester zu empfangen. Dazu gehört, die französische Star-Violinistin Anne-Marie Jacquet als Solistin zu verpflichten. Denn Andreï hat ihre Teilnahme zur Bedingung für den Auftritt seine Orchesters gemacht. Derweil startet  die wilde Truppe von Moskau in den Westen. Ein turbulentes Unterfangen, welches an Irrungen und Wirrungen kaum zu überbieten ist. In Paris angekommen, offenbart sich nach und nach ein besonderes Geheimnis, das sich um die junge Violinistin dreht. Die Offenbarung dieses Geheimnisses und die Frage, ob und wie das chaotische Orchester in Paris überhaupt auftritt, ist spannend, urkomisch und traurig zugleich. Der absolute Höhepunkt des Films ist natürlich der Auftritt des Orchesters mitsamt seiner hübschen Solistin.

Berührend und wunderschön, dass der Film sich Zeit lässt und wir als Zuschauer und Zuhörer minutenlang dem Violinkonzert Opus 35 von Tschaikowski lauschen können, während im Hintergrund eine Bildcollage die Puzzlestücke der Geschichte zusammenfügt und in einem fulminanten, gefühlvollen Finale enden lässt. Am Schluss des Films bin ich zu Tränen gerührt und habe einen richtig dicken Klos im Hals. Ein unglaublicher, wundervoller Film, den ich mir bestimmt noch viele Male anschauen werde.

Achtung: “Baby fall out” – Schwangersein in Thailand

Kategorie: Gesellschaft, Gesundheit am Freitag, 10. September 2010 von Christina Maria Grawe3 Kommentare
"Viel zu enges Shirt: very bad for Baby!"

"Viel zu enges Shirt: Very bad for Baby!"

Ich darf keine schwarzen T-Shirts mehr tragen und nicht mehr mit Suppenlöffeln essen. Auf einer Treppenstufe zu sitzen, ist mir neuerdings auch strengstens verboten, genauso wie Duschen nach Einbruch der Dunkelheit. Ich bin schwanger in Thailand. Und für werdende Mütter gelten hier ganz besondere Aberglaube-Regeln, an die sich aber auch moderne Thailänderinnen in der Großstadt Bangkok meist halten. Die Farbe Schwarz sende schlechte Schwingungen zum Ungeborenen, heisst es und der Suppenlöffel verursache einen schiefen Mund beim Baby. Die Stufen stehen für eine schwierige Geburt und bei Nacht kommen Geister, die sich unter der Dusche dann mit der von den Kleidern entblößten Seele des Embryos vermischen. Oder so ähnlich.

Ich fühlte mich wie ein Alien.

Zu Beginn meiner Schwangerschaft fühlte ich mich wirklich wie ein Alien hier. Ich kannte schließlich die Schwangerschaften meiner Freundinnen aus Deutschland. Das fing schon an mit der Umstandsmode. Günstige, schicke, sportliche Kleidung für Schwangere gibt es eigentlich nicht. Thailänderinnen tragen traditionell 9 Monate lang weite, unförmige Kleider mit niedlichen Bärchen- oder Häschenmotiven, vorzugsweise in Pastellfarben. Dazu Gesundheitsschuhe mit ebenfalls putzig bedruckten Söckchen! Und ab der 4. Woche MUSS man offenbar auch watscheln und sich demonstrativ den Rücken und den noch nicht vorhandenen Babybauch halten dabei. Kein Witz, im Wartezimmer meines Frauenarztes kann ich sofort erraten, wer schon schwanger ist und wer nicht, auch wenn diejenige gerade erst den positiven Bluttest erhalten hat. Schwangere in Thailand dürfen nicht sexy sein und sind 9 Monate in Schonhaltung, essen überzuckerte Aufbaunahrung (mit kleinen Löffeln natürlich!) und tragen tatsächlich nur helle Farben. Andernfalls – das habe ich schon oft zu hören bekommen: “Baby fall out!”

Strickliesel zum allgemeinen Gebrauch im Wartezimmer des Frauenarztes!

Strickliesel zum allgemeinen Gebrauch im Wartezimmer des Frauenarztes!

Unter einem Elefanten durchgehen, um eine leichte Geburt zu haben.

Die ersten Monate einer Schwangerschaft sind ja generell für jede Frau verwirrend, aber für mich war alles doppelt wunderlich. Ich las vieles im Internet, hörte von Freundinnen aus Deutschland, sah im deutschen Fernsehen, was mir auch eigentlich normal erschien für eine Schwangerschaft: gesundes Bio-Essen, coole HM-Maternity-Klamotten, ansonsten gezielter Sport und Reisen – eben ganz normal. Normal für Deutsche! Und andererseits sah ich aber hier in den Geschäften die Bärchenumstandsmode, wie thailändische Schwangere sich Sicherheitsnadeln vor dem Bauch feststeckten, ebenfalls um das Baby symbolisch vorm Rausfallen zu schützen oder wie sie unter Elefanten durchgingen, um eine leichte Geburt zu haben.

Bärchenkleider gehen gar nicht!

Auch im eigentlich extrem modernen internationalen Krankenhaus gab es zunächst neben der vorbildlichen rein medizinischen Versorgung und Untersuchung aber kaum Hilfe für den Alltag: Mutterpass gibt es hier nicht und im ersten pränatalen Kurs des Krankenhause lernte ich, dass ich 5 mal in der Woche Fisch essen soll (!!??) und dass mein Mann gegen die kommenden Rückschmerzen eine Acht auf den unteren Rücken streicheln soll. Das war’s. Die Kleiderfrage konnte ich noch relativ einfach lösen, bei einem Deutschlandbesuch im 4. Monat (ja, ich fliege natürlich!) konnte ich einen Grundstock an europäischer Umstandsmode einkaufen und mein Mann brachte mir später von einer Dienstreise nach Hongkong das Fehlende mit, dort gibt es HM. Vorsichtshalber aber nichts in Schwarz, man muss ja die Umgebung nicht beleidigen. Bärchenkleider aber gehen einfach gar nicht!

Und dann fand ich einen “Prenatal Yoga Course”.

Etwas skeptisch ging ich hin und war aber gleich begeistert. Endlich war ich keine Ausnahme mehr: Dort traf ich Schwedinnen, Italienerinnen, Russinnen, aber auch asiatische Schwangere: Frauen aus Singapur und selbst Thailänderinnen ohne Sicherheitsnadel am Bauch! Alle schwanger, alle modern denkend. Ich gehe nun mit Begeisterung dorthin, mache endlich richtigen Sport, im normalen Fitness-Studio erntet man hier als Schwangere eher böse Blicke (wie gesagt, auch für den Stepper gilt die Thairegel: “Attention: Baby fall out!”). Ich habe eine Menge neuer Freundinnen gefunden, kann mich austauschen, wo es große Bademoden gibt und wo Massage für werdende Mütter (ohne die vorwurfsvollen auch dort immer wiederkehrenden Worte!).

Ich esse, was ich für gesund halte. Mit großen und kleinen Löffeln.

Am Anfang des Kurses soll jede immer von ihren Sorgen und Beschwerden der Woche berichten. Das ist interessant und tröstlich gleichzeitig. Die Inderin hat überraschenderweise ähnliche Probleme wie die Dänin, die Belgierin denkt manchmal genauso wie ich und plötzlich ist auch eine schwangere Thailänderin kein fremdes Wesen mehr, wenn sie ganz offen von ihren schmerzenden Krampfadern oder geheimen Ängsten vor der Geburt erzählt. Mittlerweile, fast im 7. Monat, bin ich gelassen und fühle mich ganz wohl zwischen den Welten. Wenn meine Freundinnen aus Deutschland z. B. fragen, ob ich schon eine Hebamme gefunden und besucht habe, sage ich: Nein, hab’ ich nicht. Gibt es hier nicht und dann ist es halt so. Bioprodukte sind auch rar. Ich esse, was ich für gesund halte. Mit grossen und kleinen Löffeln. Hautenge Kleidung trage ich nicht aus Respekt zu den Thais, aber eben auch keinerlei Bärchenmuster!

Bizarr sind die watschelnden stöhnenden Neu-Schwangeren im Wartezimmer.

Ich gehe regelmässig zum Arzt, geraden Schrittes, nicht watschelnd übrigens. Die medizinische Versorgung ist der Punkt, wo ich vollstes Vertrauen in Thailand habe. Mein Arzt ist international ausgebildet, immer erreichbar, auch per E-Mail, macht Ultraschall, wann immer ich will und das Krankenhaus ist luxuriöser als alle, die ich aus Deutschland kenne. Bizarr sind die watschelnden stöhnenden Neu-Schwangeren im Wartezimmer, seltsam auch, dass die Wartenden alle gemeinsam an einer pastellfarbenen Strickliesel-Decke arbeiten (ich lese lieber weiterhin klassisch deutsch Zeitschriften im Wartezimmer) und sicher auch ungewöhnlich, dass die Krankenschwestern mich gerne mal ungefragt umarmen und meinen Bauch streicheln. Aber – mal ehrlich – warum denn nicht!?! Ist doch nett!

Schwangerschaft in Thailand – mit Sicherheit anders als in Deutschland. Aber irgendwie finde ich es mittlerweile auch interessanter, internationaler, sogar lustiger. Hauptsache, das Baby ist gesund und “not fall out”! Und vielleicht gehe ich am nächsten Wochenende auch mal unter einem Elefanten durch, schadet ja nichts!

Meine kleine Freundin, das “Äffchen”

Kategorie: Gesellschaft am Mittwoch, 12. Mai 2010 von Christina Maria GraweKommentieren Sie diesen Eintrag als Erster
Nach einiger Zeit traute sie sich schon alleine ins Wasser.

Nach einiger Zeit traute sich Nan schon alleine ins Wasser.

Bangkok, 11. Mai 2010

Wenn die kleine Nan lachte, sah sie wirklich ein bisschen aus wie ein kleines Äffchen. Ihr mageres kleines braunes Gesicht zeigte dann ihre kaputten Zähnchen und wenn sie lief, erschienen auch ihre Arme manchmal irgendwie ein bisschen zu lang und ungelenk. Zu viele Wochen ihres Lebens hatte sie schon im Krankenhaus verbracht, zu viele Wochen, um richtig rennen und toben zu lernen wie andere Kinder. Mitleid aber kennen Kinder nur bedingt und so wurde Nan oft einfach nur “Äffchen” gerufen.

Nan war eine Kämpferin.

Das störte sie aber wenig. Nan war eine Kämpferin. Von Geburt an kämpfte sie gegen den HIV-Virus. Der Virus, an dem ihre Mutter starb. Nan wuchs im Kinderheim auf. Als ich sie vor 6 Jahren kennen lernte, war sie gerade mal wieder krank und schwach. Ohne Sauerstoffschlauch durch die Nase schaffte sie es damals nicht, das Bett zu verlassen. Aber sie kämpfte. Und hatte Glück, dass auch in Thailand neue Medikamente auf den Markt kamen. Sie wollte leben und sie wollte lernen. Wann immer sie konnte, schleppte sie sich auf die andere Straßenseite, dort hat das Mercycentre eine Sonderschule für Kinder wie Nan eingerichtet. Kinder, die durch Krankheit oder andere Umstände nicht dem normalen Schulalltag folgen können.

So behalte ich sie in Erinnerung.

So behalte ich sie in Erinnerung.

Ihr Lächeln überstrahlte alles.

Ein Jahr nach unserem Kennenlernen durfte sie zum erstenmal mit ihren Freundinnen übers Wochenende zu uns kommen. Klein, mager und fleckig lief sie durch unseren Garten. Im Badeanzug ein erschreckender Anblick zuerst, aber ihr Lächeln überstrahlte alles. Sie lernte, die Angst vorm Wasser zu verlieren. Ich erinnere mich, wie sie das erste Mal, festgeklammert um meinen Hals, mit 2 Schwimmärmchen und einem Reifen, mit panischer Angst in den Augen, gemeinsam mit mir in den Pool kletterte. Die anderen Kinder tobten durchs Wasser, sie blieb fest an mich geklammert. Aber am Ende des Tages planschte sie zumindest mit dem Fuß.

Ausgelassen tanzte sie durch die Küche.

Im vergangenen Dezember war sie das letzte Mal bei uns zuhause. Kaum größer, immer noch ungelenk und mager, aber jetzt traute sie sich schon, alleine ins Wasser zu springen. Zwar mit Schwimmärmchen, aber das machte ja nichts. Wir haben Weihnachtsplätzchen gebacken (im Badeanzug) und sie tanzte zu Jingle Bells ausgelassen durch die Küche. Ich habe sogar ein Video davon.

Aber dann, wieder ein Wunder!

Eine Woche später hatte der Virus ihr Hirn erreicht. Die anderen Kinder haben es mir so erklärt, die genaue medizinische Definition – was macht es für einen Unterschied?! Sie hatte von einem Tag zum anderen ihr Gedächtnis verloren. Aber dann, wieder ein Wunder! Wochen später wurde sie wieder aus dem Krankenhaus entlassen und was kein Arzt erklären konnte, sie erinnerte sich nach und nach. Nicht an das Lesen und Schreiben und an die Zahlen, aber an die Menschen, die sie liebten. Ich war gerührt, als sie auch mich erkennend umarmte. Irgendwann bald darauf aber war ihr kleiner Körper einfach zu schwach, brach zusammen. Wochenlang lag sie auf der Intensivstation im Koma.

Insgeheim wusste ich, dass ich sie das letzte Mal sah.

Am vergangenen Freitag entließ man sie nach Hause, ins Mercycentre – zum Sterben. Ich sah sie am Sonntag Nachmittag das letzte Mal. Sie dämmerte vor sich hin, zuckte komisch rhythmisch. Ein dürres armseliges Menschlein, der Körper zerschunden von der Krankheit und den Einstichen. Luftröhrenschnitt, künstliche Ernährung durch die Nase. Sie hatte 39 Grad Fieber, glühte. Insgeheim wusste ich, dass ich sie das letzte Mal sah und um nicht zu weinen dachte ich daran, wie sie durch unseren Garten tanzte.

Ich habe viel gelernt über das Leben und den Tod.

Heute Nacht um 5 Uhr dann ist meine kleine Freundin Nan, das süße “Äffchen” gestorben. Sie wäre am Freitag 13 Jahre alt geworden.

Das ist sicher keine fröhliche Geschichte, keine frohe Botschaft auf den ersten Blick. Aber durch Nan und ihre kleinen Freunde, die alle HIV positiv sind, habe ich viel gelernt in den vergangenen Jahren. Über das Leben und den Tod. Über den Umgang mit Krankheit und Tod, immer allgegenwärtig.

Sie ist jetzt glücklich bei ihrer Mutter im Himmel.

Die Kinder werden heute bei der Beerdigung sicher nicht weinen. Das tun sie nie bei Beerdigungen und sie haben schon andere kleine Freunde verabschieden müssen. “Nan hatte doch Schmerzen” sagen sie. “Und jetzt ist sie glücklich bei ihrer Mutter im Himmel.” Sie sprechen vom Himmel, obwohl Nan buddhistisch beerdigt wird. Aber das spielt keine Rolle. Die Kinder haben gelernt, dass Tod zum Leben gehört und sie haben keine Angst vorm Tod. Für sie ist es der Übergang in eine andere hoffentlich schmerzfreie Welt. Ob das nun der christliche Himmel ist oder die folgende buddhistische Wiedergeburt, für sie ist wichtig: Das “Äffchen” wird nun keine Schmerzen mehr haben!

Und die frohe Botschaft an dieser Geschichte ist: dass es Orte wie das Mercycentre in Bangkok gibt, dass Nan nach dem Tod ihrer Mutter ein neues liebevolles Zuhause fand. Sie sprach nie von Kinderheim oder Waisenhaus, sie sagte immer “Zuhause” und nannte ihre Betreuerinnen “Mae” (Mama).

Tschüss, kleines Äffchen!

Die Eleganz der Madame Michel

Kategorie: Gesehen, Kultur am Sonntag, 9. Mai 2010 von Christine ReichmannKommentieren Sie diesen Eintrag als Erster

Ein Film, der uns hinter die Fassade blicken lässt:

Madame Michel ist Concierge in einem eleganten Pariser Wohnhaus. Und auf den ersten Blick scheint sie alle für eine Concierge typischen Wesensmerkmale in sich zu vereinen: Sie ist mürrisch, ungepflegt und unscheinbar. Sie hat sich zurückgezogen in ihre eigene Welt, die sie nur mit ihrem Kater teilt. Eine Tür in ihrer kleinen Wohnung ist nicht nur die Tür in ihre Welt der Bücher, sondern sie ist auch die Tür zu Madame Michels wahrem Wesen, das zunächst jedoch unentdeckt bleiben will. Sie liest in jeder freien Minute anspruchsvolle Literatur und entflieht auf diese Weise vor sich selbst, den Menschen, der Welt.

“Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; jede unglückliche Familie jedoch ist auf ihre besondere Weise unglücklich.”*

Im selben Haus wohnt die hochbegabte 11jährige Paloma. Auch sie lebt in ihrer eigenen Welt. Sie hat mit ihren elf Jahren längst durchschaut, wie ärmlich ein Leben im Luxus sein kann. Sie sucht sich immer wieder neue Verstecke und selbst wenn sie sich nicht versteckt, wird sie von ihren Eltern und ihrer älteren Schwester nicht gesehen. Palomas beste Freundin ist ihre Videokamera. Ihr Medium, mit dem sie die äußere Welt beobachtet, kommentiert, entlarvt. Für sie ist jetzt schon klar, dass sie nicht das Leben ihrer Eltern führen möchte und beschließt, sich am Tag ihres 12ten Geburtstages das Leben zu nehmen, sollte sie nicht etwas entdecken, was das Leben lebenswert macht.

Paloma lüftet das wohl gehütete Geheimnis.

Paloma fühlt sich von dem Mysterium der Madame Michele angezogen. Mit ihrer Kamera lüftet sie das wohl gehütete Geheimnis der Concierge und es gelingt Paloma, die Tür zu Madame Micheles Herz wenigstens um einen Spalt breit zu öffnen. Hier in der “kleinen” Welt der Concierge fühlt sich Paloma das erste Mal geborgen.

Ozu weckt Madame Michele aus ihrem Winterschlaf.

Sowohl das Schicksal von Madame Michel als auch das von Paloma wandelt sich mit dem Einzug des geheimnisvollen Japaners Kakuro Ozu. Und schon bald bahnt sich zwischen ihm und der Concierge eine zarte Liebesgeschichte an. Denn auch Monsieur Ozu ahnt, dass sich hinter Madame Michels mürrischer Fassade ein liebenswertes Geheimnis verbirgt und lockt, so sanft wie beharrlich, die barsche Concierge aus ihrem Winterschlaf.

Ein Zitat aus dem großen Buch des Lebens …

Den Protagonisten scheinen die Rollen auf den Leib geschrieben. Mit unglaublichem Fingerspitzengefühl erzählt die Kamera die Geschichte um Madame Michel. Liebevolle Details wie zum Leben erweckte Tuschezeichnungen machen diesen Film zu einem besonderen Kleinod. Er ist in seiner Gesamtheit ein tragisches und zugleich bezauberndes Zitat aus dem großen Buch des Lebens. Mein Tipp: Unbedingt anschauen!

*aus “Anna Karenina” von Leo Tolstoi

Bangkok alaaf oder vom grenzübergreifenden Bützen

Kategorie: Gesellschaft am Montag, 15. Februar 2010 von Christina Maria Grawe2 Kommentare
"Jeck - we can!"

"Jeck - we can!"

Es ist Montag, Rosenmontag. Ich stehe aber nicht in Köln vorm Spiegel und schminke mich für den Karnevalszug. Ich sitze – trotz Klimaanlage schwitzend – im Büro in Bangkok. Und seufze leise! Radio Köln Webradio läuft. Die Höhner bringen Heimweh übers Internet nach Thailand. Die Wettervorhersage aber auch ein kleines bisschen Ernüchterung: “Sollte die Strecke zu verschneit sein, können keine Pferde eingesetzt werden … Zum Kamelle-fangen empfehlen wir dieses Jahr Handschuhe, maximal 1 Grad wird erwartet!” erzählt die Radiosprecherin gerade. Brrr! Plötzlich erinnere ich mich auch wieder an die kalten Füße, während man stundenlang am Straßenrand zitterte, um auf den Zooch zu warten. Ich denke ans Schwitzen in der Kneipe, gefolgt von der sicheren Kombination: “nass geschwitzt rauskommen und höllisch erkälten”. Und irgendwie hatte ich ja auch immer Halsentzündungen im Februar.

Free Flow Currywurst war auch angekündigt.

Man müsste doch Kölner Karneval und thailändische Temperaturen irgendwie kombinieren! Dieses Jahr gab es tatsächlich den ersten Versuch, denn offenbar bin ich nicht die einzige Deutsche in Bangkok mit Köln-Sehnsucht:

Mein Freund Stefan von Airberlin gemeinsam mit deutschen Networking-Partymachern hatte eine Party organisiert in der Disco “Glow”. Motto “Jeck – we can!”. Da zu diesen Networking-Events, die monatlich einmal stattfinden, auch immer viele Thais kommen, versuchten die Organisatoren im Vorfeld auf der Einladung schon die fünfte Jahreszeit konkret zu erklären. Wobei natürlich nicht bedacht wurde, dass die Thais nicht mal 4 Jahreszeiten hier kennen, aber egal. Auch mit den weiteren auf englisch verfassten Anweisungen konnten Nicht-Kölner sicher zunächst kaum etwas anfangen: “Women will be in power, Ties will be cut off, relationships have only limited relevance, kiss whoever stands next to you, repeatedly …” Free Flow Currywurst war auch angekündigt. Doch zum Bützen später.

Sebastian hatte sich sogar rote Pumps in Männergröße besorgen können.

Wir hatten unseren Mitarbeitern (Halb-Thais und Spanier, alles Karnevals-Nichtkenner) strenge Kostümierungsbefehle erteilt und waren baff: Spanier Francisco kam als Matador im kompletten Outfit. Nicht nur Glitzerjacket und rotes Tuch, auch passende Hose, Schwert, Hut … (Naja, und sogar für die berühmten “cochones” hatte er sich ein Paar Socken in die Hose gestopft! Was ihm später dann peinlich wurde beim Engtanz …). Halb-Thai Sebastian kam als Schulmädchen, hatte sich sogar rote Pumps in Männergröße besorgen können. Und Michael (auch Halb-Thai) hatte sich sogar für sein Rastaman-Kostüm extra echte Rastazöpfe anflechten lassen in einer zweistündigen Prozedur. Und mangels schwarzer Karnevalskörperfarbe hatte er sich mit Eyeliner komplett schwarz angemalt!

Ob rosa Hasenkostüm oder Engelsflügel – in Bangkok gibt’s alles.

Mein Mann und ich wollten als thailändische Parkplatzwächter gehen. Zur Erklärung: Das sind die Typen in Phantasie-Uniform, die an jeder Strassenecke in Bangkok winken und pfeifen wie die Wahnsinnigen. Die Typen, auf die man sich beim Abbiegen oder Einparken auf gar keinen Fall verlassen sollte. Die Typen, die – ganz ehrlich –  allen deutschen Autofahrern in Bangkok höllisch auf die Nerven gehen! Beim Suchen nach so einer Uniform stießen wir auf “PR-Fancy” – Kostümverleih! Unglaublicherweise gibt es mitten in Bangkok in einer kleinen Seitenstraße einen Kostümverleih. Ein winziger Laden auf den ersten Blick, der beim zweiten Hinschauen unfassbare Tiefen offenbart. Da gibt es unzählige proppenvoll gestopfte Hinterzimmer. Man findet rosa Hasenkostüme, sexy Thaitänzerkleidchen, wilde Indianeroutfits, prunkvolle Engelsflügel, Aircrew-Uniformen. Und – tatsächlich auch Parkplatzwächter-Hemden. Mit Pfeife, Schlagstock, Mütze – alles stilecht. Fand auch keiner absurd dort, als wir danach fragten. Todernstes Geschäft. Bizarrerweise war es ziemlich voll dort – auch viele Thailänder probierten gerade Pandakostüme an, suchten nach Supermananzügen. Warum und wofür? Keine Ahnung! Karneval jedenfalls kennt man hier nicht.

Thais mit vor Staunen geöffneten Mündern starrten uns an.

Am Abend also machten wir uns zu viert kostümiert auf den Weg: Vier Deutsche mit Schlagstöcken, Taschenlampen und Pfeifen, Wachmann-Mützen und gleichem Hemd. Der Taxifahrer hob nur kurz verwirrt die Augenbrauen, aber alle anderen Thailänder, die uns unterwegs sahen, starrten uns mit offenem Mund an.

Im “Glow” angekommen, empfing uns Jubel. Clowns, Funkenmariechen, Matrosen und Mafiabosse sprangen schon wild zu “Echte Fründe” durch die Disco. Heimatgefühle! Die Currywurst schmeckte auch fast wie an der Ecke Friesenstraße. Kein Kölsch, aber Bier ist Bier, da konnte man drüber hinwegsehen!

Im Toilettenvorraum traf ich später am Abend auf zwei Thailänderinnen im schicken Abendoutfit. Wir kamen ins Gespräch. Die beiden Bankberaterinnen hatten die Anweisungen auf der Party-Einladung natürlich gar nicht verstanden, dachten also, sie gingen – wie jeden Monat – zu einem relativ ernsthaften Business-Networking-Event. Und waren nun angesichts der wilden Deutschen in merkwürdigen Kostümen völlig verwirrt. Ich erklärte ihnen also in Kurzform Sinn und Verhaltensformen beim Karneval. “And today“ erklärte ich „heute ist der Frauentag.” “Da dürfen Frauen eigentlich jeden Mann küssen, wenn sie wollen.” endete ich. “Wow!” die beiden Thailänderinnen waren sprachlos und begeistert. “Wirklich?? Jeden Mann?” “Naja, zumindest jeden Deutschen hier im Club.” schränkte ich besser mal ein. Sie dankten mir überschwänglich und trauten sich nun zuversichtlich ins Partygetümmel.

Can I kiss you please?

Eine Stunde später sah ich eine von beiden wild diskutierend mit dem Vorsitzenden einer deutschen Firma: “Can I kiss you please? Ja, wirklich, deutsche Männer müssen sich küssen lassen, das habe ich eben gelernt!” Dass der Mann seine böse blickende Ehefrau neben sich hatte, schien meine thailändische Bekannte kaum zu stören. Die andere war erfolgreicher und lag bereits in den Armen eines glücklichen Siemens-Praktikanten. “Great Festival – your Kiss-Festival” rief sie mir zu.

Wie enttäuscht wird sie sein im nächsten Monat beim nächsten Networking-Treffen! Hoffentlich kommt sie dann nicht im Clownskostüm! Denn eins hatte ich bei meiner Karnevals-Kultur-Aufklärung vergessen, den Thailändern zu erklären: Am Aschermittwoch ist alles vorbei!


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