
"Viel zu enges Shirt: Very bad for Baby!"
Ich darf keine schwarzen T-Shirts mehr tragen und nicht mehr mit Suppenlöffeln essen. Auf einer Treppenstufe zu sitzen, ist mir neuerdings auch strengstens verboten, genauso wie Duschen nach Einbruch der Dunkelheit. Ich bin schwanger in Thailand. Und für werdende Mütter gelten hier ganz besondere Aberglaube-Regeln, an die sich aber auch moderne Thailänderinnen in der Großstadt Bangkok meist halten. Die Farbe Schwarz sende schlechte Schwingungen zum Ungeborenen, heisst es und der Suppenlöffel verursache einen schiefen Mund beim Baby. Die Stufen stehen für eine schwierige Geburt und bei Nacht kommen Geister, die sich unter der Dusche dann mit der von den Kleidern entblößten Seele des Embryos vermischen. Oder so ähnlich.
Ich fühlte mich wie ein Alien.
Zu Beginn meiner Schwangerschaft fühlte ich mich wirklich wie ein Alien hier. Ich kannte schließlich die Schwangerschaften meiner Freundinnen aus Deutschland. Das fing schon an mit der Umstandsmode. Günstige, schicke, sportliche Kleidung für Schwangere gibt es eigentlich nicht. Thailänderinnen tragen traditionell 9 Monate lang weite, unförmige Kleider mit niedlichen Bärchen- oder Häschenmotiven, vorzugsweise in Pastellfarben. Dazu Gesundheitsschuhe mit ebenfalls putzig bedruckten Söckchen! Und ab der 4. Woche MUSS man offenbar auch watscheln und sich demonstrativ den Rücken und den noch nicht vorhandenen Babybauch halten dabei. Kein Witz, im Wartezimmer meines Frauenarztes kann ich sofort erraten, wer schon schwanger ist und wer nicht, auch wenn diejenige gerade erst den positiven Bluttest erhalten hat. Schwangere in Thailand dürfen nicht sexy sein und sind 9 Monate in Schonhaltung, essen überzuckerte Aufbaunahrung (mit kleinen Löffeln natürlich!) und tragen tatsächlich nur helle Farben. Andernfalls – das habe ich schon oft zu hören bekommen: “Baby fall out!”

Strickliesel zum allgemeinen Gebrauch im Wartezimmer des Frauenarztes!
Unter einem Elefanten durchgehen, um eine leichte Geburt zu haben.
Die ersten Monate einer Schwangerschaft sind ja generell für jede Frau verwirrend, aber für mich war alles doppelt wunderlich. Ich las vieles im Internet, hörte von Freundinnen aus Deutschland, sah im deutschen Fernsehen, was mir auch eigentlich normal erschien für eine Schwangerschaft: gesundes Bio-Essen, coole HM-Maternity-Klamotten, ansonsten gezielter Sport und Reisen – eben ganz normal. Normal für Deutsche! Und andererseits sah ich aber hier in den Geschäften die Bärchenumstandsmode, wie thailändische Schwangere sich Sicherheitsnadeln vor dem Bauch feststeckten, ebenfalls um das Baby symbolisch vorm Rausfallen zu schützen oder wie sie unter Elefanten durchgingen, um eine leichte Geburt zu haben.
Bärchenkleider gehen gar nicht!
Auch im eigentlich extrem modernen internationalen Krankenhaus gab es zunächst neben der vorbildlichen rein medizinischen Versorgung und Untersuchung aber kaum Hilfe für den Alltag: Mutterpass gibt es hier nicht und im ersten pränatalen Kurs des Krankenhause lernte ich, dass ich 5 mal in der Woche Fisch essen soll (!!??) und dass mein Mann gegen die kommenden Rückschmerzen eine Acht auf den unteren Rücken streicheln soll. Das war’s. Die Kleiderfrage konnte ich noch relativ einfach lösen, bei einem Deutschlandbesuch im 4. Monat (ja, ich fliege natürlich!) konnte ich einen Grundstock an europäischer Umstandsmode einkaufen und mein Mann brachte mir später von einer Dienstreise nach Hongkong das Fehlende mit, dort gibt es HM. Vorsichtshalber aber nichts in Schwarz, man muss ja die Umgebung nicht beleidigen. Bärchenkleider aber gehen einfach gar nicht!
Und dann fand ich einen “Prenatal Yoga Course”.
Etwas skeptisch ging ich hin und war aber gleich begeistert. Endlich war ich keine Ausnahme mehr: Dort traf ich Schwedinnen, Italienerinnen, Russinnen, aber auch asiatische Schwangere: Frauen aus Singapur und selbst Thailänderinnen ohne Sicherheitsnadel am Bauch! Alle schwanger, alle modern denkend. Ich gehe nun mit Begeisterung dorthin, mache endlich richtigen Sport, im normalen Fitness-Studio erntet man hier als Schwangere eher böse Blicke (wie gesagt, auch für den Stepper gilt die Thairegel: “Attention: Baby fall out!”). Ich habe eine Menge neuer Freundinnen gefunden, kann mich austauschen, wo es große Bademoden gibt und wo Massage für werdende Mütter (ohne die vorwurfsvollen auch dort immer wiederkehrenden Worte!).
Ich esse, was ich für gesund halte. Mit großen und kleinen Löffeln.
Am Anfang des Kurses soll jede immer von ihren Sorgen und Beschwerden der Woche berichten. Das ist interessant und tröstlich gleichzeitig. Die Inderin hat überraschenderweise ähnliche Probleme wie die Dänin, die Belgierin denkt manchmal genauso wie ich und plötzlich ist auch eine schwangere Thailänderin kein fremdes Wesen mehr, wenn sie ganz offen von ihren schmerzenden Krampfadern oder geheimen Ängsten vor der Geburt erzählt. Mittlerweile, fast im 7. Monat, bin ich gelassen und fühle mich ganz wohl zwischen den Welten. Wenn meine Freundinnen aus Deutschland z. B. fragen, ob ich schon eine Hebamme gefunden und besucht habe, sage ich: Nein, hab’ ich nicht. Gibt es hier nicht und dann ist es halt so. Bioprodukte sind auch rar. Ich esse, was ich für gesund halte. Mit grossen und kleinen Löffeln. Hautenge Kleidung trage ich nicht aus Respekt zu den Thais, aber eben auch keinerlei Bärchenmuster!
Bizarr sind die watschelnden stöhnenden Neu-Schwangeren im Wartezimmer.
Ich gehe regelmässig zum Arzt, geraden Schrittes, nicht watschelnd übrigens. Die medizinische Versorgung ist der Punkt, wo ich vollstes Vertrauen in Thailand habe. Mein Arzt ist international ausgebildet, immer erreichbar, auch per E-Mail, macht Ultraschall, wann immer ich will und das Krankenhaus ist luxuriöser als alle, die ich aus Deutschland kenne. Bizarr sind die watschelnden stöhnenden Neu-Schwangeren im Wartezimmer, seltsam auch, dass die Wartenden alle gemeinsam an einer pastellfarbenen Strickliesel-Decke arbeiten (ich lese lieber weiterhin klassisch deutsch Zeitschriften im Wartezimmer) und sicher auch ungewöhnlich, dass die Krankenschwestern mich gerne mal ungefragt umarmen und meinen Bauch streicheln. Aber – mal ehrlich – warum denn nicht!?! Ist doch nett!
Schwangerschaft in Thailand – mit Sicherheit anders als in Deutschland. Aber irgendwie finde ich es mittlerweile auch interessanter, internationaler, sogar lustiger. Hauptsache, das Baby ist gesund und “not fall out”! Und vielleicht gehe ich am nächsten Wochenende auch mal unter einem Elefanten durch, schadet ja nichts!