Der verlorene Ring
Kategorie: Gelesen, Kultur am Freitag, 9. Oktober 2009 von Christine Reichmann – Kommentieren Sie diesen Eintrag als ErsterIm Moment lese ich gerade das Buch „Eine neue Erde“ von Eckhart Tolle. Über das Buch im Ganzen kann ich natürlich noch nichts sagen. Aber die folgende Geschichte aus diesem Buch – die ich gestern gelesen habe – hat mir einen nachhaltigen Denk- und Fühlanstoß gegeben. Vielleicht bewegt diese Geschichte auch etwas in Ihnen …
Vorweg: Der Autor Eckhart Tolle hat in seiner Tätigkeit als Berater und spiritueller Lehrer eine Zeit lang regelmäßig eine schwer an Krebs erkrankte Dame besucht, um die es in dieser Geschichte geht.
„Sie war Lehrerin und Mitte vierzig, und die Ärzte hatten ihr nur noch wenige Lebensmonate bescheinigt. Manchmal sprachen wir bei diesen Besuchen ein paar Worte miteinander, aber meistens blieben wir still, und dabei hatte sie ihre ersten flüchtigen Einblicke in die Stille in ihrem eigenen Innern, von deren Existenz sie während ihres hektischen Berufslebens gar nichts geahnt hatte.
Er ist mehr als nur ein Ring für mich.
Eines Tages jedoch traf ich sie in großem Ärger und Schmerz an. ‚Was ist passiert?’, fragte ich sie. Ihr Diamantring, der für sie einen ebenso hohen materiellen wie immateriellen Wert besaß, war verschwunden, und sie war sicher, dass ihn die Frau gestohlen hatte, die täglich ein paar Stunden nach ihr sah. Sie sagte, sie könne gar nicht verstehen, wie jemand so roh und herzlos sein könnte, ihr das anzutun. Sie fragte mich, ob sie zuerst die Frau ansprechen oder gleich die Polizei einschalten sollte. Ich sagte ihr, die Entscheidung könne ich ihr nicht abnehmen, und bat sie, erst einmal zu überlegen, wie wichtig ihr der Ring und andere Besitztümer zum jetzigen Zeitpunkt ihres Lebens seien. ‚Du verstehst das nicht’, sagte sie. ‚Der Ring war von meiner Großmutter. Ich habe ihn jeden Tag getragen, bis ich krank wurde und meine Hände zu sehr anschwollen. Er ist mehr als nur ein Ring für mich. Wie sollte ich mich da nicht ärgern!’ …
Wird das, was du bist, durch den Verlust beeinträchtigt?
Ich sagte: ‚Ich werde dir ein paar Fragen stellen, aber statt sie gleich zu beantworten, solltest du versuchen, sie in deinem Innern zu klären. Ich halte nach jeder Frage kurz inne. Die Antwort muss nicht unbedingt die Form von Worten haben.’ Sie sagte, dass sie bereit sei. Ich fragte: ‚Ist dir klar, dass du irgendwann, vielleicht in naher Zukunft, von dem Ring lassen musst? – Wieviel Zeit brauchst du noch um dich bereitwillig von ihm zu lösen? – Bist du nicht mehr so viel wert, wenn du dich von ihm löst? – Wird das, was du bist, durch den Verlust beeinträchtigt?’ …
Das Sein muss gefühlt werden.
Als sie zu reden begann, lag ein Lächeln auf ihrem Gesicht, und sie schien im Frieden mit sich zu sein ‚Bei der letzten Frage ist mir etwas Wichtiges aufgegangen. Zuerst habe ich in meinem Verstand nach der Antwort gescht, und der hat gesagt: >Ja, natürlich bist du dadurch beeinträchtigt.< Daraufhin habe ich mir die Frage noch einmal gestellt: >Wird das, was ich bin, dadurch beeinträchtigt?< Diesmal versuchte ich, die Antwort zu fühlen statt zu denken. Und plötzlich konnte ich das, was ich bin, fühlen. Das habe ich nie zuvor gefühlt. Wenn ich das Ich-bin so stark fühlen kann, dann ist das, was ich bin, nicht im Mindesten beeinträchtigt worden. Ich kann es immer noch spüren, etwas Friedvolles, aber sehr Lebendiges.’ ‚Das ist die Seinsfreude’, sagte ich. ‚Du kannst sie nur empfinden, wenn du aus dem Kopf rausgehst. Das Sein muss gefühlt werden. Es kann nicht gedacht werden. Das Ego weiß nichts von ihm, denn es besteht nur aus Gedanken. Der Ring war eigentlich nur ein Gedanke in deinem Kopf, den du mit dem Gefühl des Ich-bin verwechselt hast. Du hast gedacht, in dem Ring sei das Ich-bin oder ein Teil davon enthalten.’
Als leuchte ein Licht in ihr …
‚Was immer das Ego sucht und woran es sich festmacht’, fuhr ich fort, ‚ist ein Ersatz für das Sein, das es nicht spüren kann. Du kannst ruhig Interesse an etwas haben und es wertschätzen, aber wenn du daran festhältst, weißt du, dass das die Stimme des Ego ist. Dabei klammerst du dich gar nicht wirklich an den Gegenstand, sondern nur an den damit verbundenen Gedanken, in dem >ich<, >mein<, >mich< oder >mir< vorkommt. Wenn du einen Verlust voll und ganz hinnimmst, gehst du über das Ego hinaus, und dann tritt das, was du bist, das Ich-bin, das reines Bewusstsein ist, hervor.’ …
In den letzten Wochen ihres Lebens, als ihre körperliche Schwäche zunahm, wurde sie immer strahlender, als leuchte ein Licht in ihr. Sie verschenkte viele ihrer Besitztümer, einige auch an die Frau, die sie verdächtigt hatte, den Ring gestohlen zu haben, und mit jedem Gegenstand, den sie weggab, vertiefte sich ihre Freude. Irgendwann rief mich ihre Mutter an, um mir mitzuteilen, dass sie gestorben war, wobei sie noch erwähnte, dass sie den Ring im Arzneischränkchen im Badezimmer gefunden habe …“
Aus Eckhart Tolle: „Eine neue Erde“, Arkana Verlag München, 2005, S. 47 ff






