
Schmerzverzerrt-lächelnd Ende September 2009
Zahnweh ist schrecklich. Und unangenehm. Und tut weh. Und nebelt das Gehirn ein. Und macht müde. Ich könnte stundenlang so fortfahren, aber ich will natürlich auch niemanden langweilen … Auauauauaaaaa! Aber eine schöne Seite gibt es doch: Jeder, dem ich von meinem Schmerz erzähle, ist extrem mitleidend, kann den Schmerz nachempfinden, und war schon einmal “da”.
Und besonders frustrierend ist es, in einem Land zu leben, in dem der Zahnarzt nicht unbedingt zur Krankenversicherung dazugehört, will meinen, jegliche Arbeit an den Zähnen wird voll aus der eigenen Tasche bezahlt. Das hat mich bisher nie gestört, da ich noch nie in meinem Leben Zahnschmerzen hatte. Bis vor zwei Monaten. Agonie!
Au Backe!
Au Backe, im wahrsten Sinne des Wortes. Schlimme Entzündung, und natürlich lasse ich meine Umwelt gern daran teilhaben. Alle, die sich nicht schnell genug verstecken, bekommen ‘was mit. Vier lange Wochen lang. Und besonders meine armen Eltern. Meine größten Fans, die liebsten, selbstlosesten und mitleidensten Menschen, die ich je kennengelernt habe, müssen sich mein Gejammer anhören. Und ich fühle mich beizeiten doch schlecht, weil “das Kind” (also ich, die Tochter) so weit weg ist und sie mir nicht wirklich helfen können. Und alles, was sie tun können, ist mir ein Ohr (oder zwei) zu leihen, will heißen, sich anzuhören, was der Zahnarzt getan oder nicht getan hat, dass der Schmerz wandert, von oben nach unten, von rechts nach links, dass keiner wirklich weiß, was mit meiner “Mundflora” los ist etc pepe. Sicherlich nicht einfach.
Alles wird wieder gut.
Und doch sind es diese eher einseitigen Gespräche (ich jammere, sie hören zu), die mich gesunden lassen, die mir die Sicherheit geben, dass der Schmerz irgendwann wieder weggehen wird, die mir Kraft geben. Die Gewissheit meiner Eltern, die mit Lebensjahren und Lebensweisheit kommt, dass alles wieder gut wird, die Erlaubnis, auch einmal schwach (krank) sein zu dürfen, ohne das Gesicht zu verlieren – ein wunderschönes Gefühl. Sich fallenlassen zu können und sich dem dem Schmerz voll und ganz hinzugeben, sogar ein paar Tränen aus Selbstmitleid zu verdrücken – während dieser Gespräche darf ich das. Ich bin dann wieder ganz “Kind”, obwohl ich eigentlich immer großen Wert darauf lege, groß und stark zu sein.
Du sollst Vater und Mutter ehren.
Ich bin nicht sehr religiös, ganz zum Leidwesen meiner Mutter, aber meine Familie stand und steht immer an erster Stelle. Wir haben nicht die amerikanische Attitüde adoptiert, in der nach jedem Telefonat ein “I love you” in den Hörer gehaucht wird. Dies ist meiner Meinung nach eher oberflächlich und verliert an Stärke, je häufiger man diese Phrase verwendet. Es sind viel eher die Taten, die zählen, kleine und größere Gesten, die mir zeigen, dass ich geliebt und vermisst werde.
Dafür haben sie einen kleinen-herzgroßen Orden verdient.
Meine in Köln lebende, liebe Freundin Sonja hat mich kürzlich in New York besucht, und meine Eltern haben ihr einen Umschlag für mich mitgegegben … Meine Eltern schicken mir keine Päckchen zum Geburtstag oder Weihnachten (Hmpf!) – und vergessen manchmal sogar, mich anzurufen, aber in Krisensituationen sind sie für mich da. In dem dem Umschlag befand sich ein großer Teil des Geldes, den ich für meine Zahnbehandlung benötige. Ich habe es nicht erwartet oder erfragt, es war für sie eine natürliche Reaktion, genauso wie auch ich nicht zögern würde, mein letztes Hemd zu geben, wenn sie jegliche monetäre oder emotionale Hilfe benotigen würden. Der Betrag ist gar nicht wichtig, der Gedanke zählt tausendmal mehr. Diesen kleinen Umschlag in meiner Hand zu halten, lässt mein Herz schneller schlagen, nicht wegen des zu erwartenden Geldregens, sondern wegen der Gedanken, die diesen Umschlag begleitet haben. Wie kann man sich dafür bedanken? Für bedingungslose Liebe und Hilfe? The beauty of it – man muss es nicht. Das ist mit dem kleinen Wörtchen “bedingungslos” abgetan. Und doch finde ich, sie haben einen kleinen-herzgroßen Orden verdient! Und ich kann es nicht erwarten, sie bald einmal wieder in meine Arme zu schließen – ob in New York oder in Köln.
Eine Ode an die Eltern.