Ein “neues Haus” für die kleine Mitra
Kategorie: Gesellschaft, Gute Nachrichten am Montag, 26. Oktober 2009 von Christina Maria Grawe – Kommentieren Sie diesen Eintrag als ErsterMittagszeit im indonesischen Dorf Sikabu Bukit. Die Sonne brennt erbarmungslos, nur die großen Palmen und Bananenstauden bieten etwas Schatten. Die kleine Mitra wartet schon ungeduldig mit ihren Freundinnen. Heute kommt ein neues Zuhause, hatte ihre Mutter ihr am Morgen gesagt. Und nun sitzt die Neunjährige auf dem Dorfplatz und wartet. Etwas anderes kann sie sowieso nicht tun. Das Erdbeben vom 30. September hat ihrer Familie das wenige, was sie besaßen, genommen. Die Schule ist auch zerstört, genauso wie alle Wohnhäuser in Sukabu Bukit. Spielsachen haben die Mädchen keine, hatten sie auch vor dem Erdbeben nicht. Und so sitzen Mitra und ihre Freundinnen nun seit Stunden schon gelangweilt auf dem staubigen Platz.
Deutsche Spendengelder am Ziel ihrer Reise
Hektik kommt auf, als endlich zwei große Trucks mitten auf der Dorfstraße halten. Caritas-Zelte aus Deutschland sind in der Ladung. Deutsche Spendengelder am Ziel ihrer Reise.
In Windeseile wird ein klappriger Tisch organisiert, Zettel mit Nummern sind bereits vorbereitet. Die Menschen drängeln sich um den Tisch, aber der Bürgermeister versucht, alle zur Ruhe zu bewegen.
Nur drei Menschen sind in Sikabu Bukit ums Leben gekommen. Aber ein Zuhause hat keiner der Überlebenden mehr. „Wir schlafen alle draußen.“ erzählt die kleine Mitra, die sich voller Interesse an den fremden weißen Menschen in die erste Reihe gedrängelt hat. Aber nachts kühlt es ab hier im Regenwald. „Wir frieren alle, weil man keine Tür zum zumachen hat.“ sagt sie in kindlicher Sprache. Auch ihre Familie bekommt ein Zelt. Ein wasserfestes 16-qm-Zelt, ein Schutz vor dem Wetter und vor allem auch ein Stück Privatsphäre für die Familie. Mitras Familie besteht aus fünf Menschen: Ihre Eltern, ein älterer Bruder und die Oma.
Ein neues Zuhause
Mitras Vater wird von der Liste aufgerufen. Er muss seinen Ausweis zeigen, den Empfang des Zeltes unterschreiben. Ein Stempelkissen steht bereit für die, die nicht schreiben können. Mitras Vater setzt seinen Daumenabdruck auf die Liste. Das Zelt lädt er auf ein klappriges Fahrrad. Mühsam schiebt er es über den Waldweg dorthin, wo sein Haus stand. Vor dem Haus hat die Familie gestapelt, was sie unter den Trümmern retten konnte.
Mitra bleibt erst einmal auf dem Dorfplatz. Zu spannend findet sie, was dort passiert. Weiße Ausländer hat sie noch nie von nahem gesehen. Sie nimmt all ihren Mut zusammen und fragt mich, ob sie meine blonde Haare einmal berühren darf. Sie darf. Ihre kleinen Freundinnen kichern. Aber Mitra ist das egal. Sie weicht mir die nächsten Stunden nicht von der Seite.
Die Verteilung dauert lange. Eine Frau wird laut, sie glaubt, man habe sie vergessen. Man beruhigt sie. Alle der Reihe nach. Nach und nach tragen die einzelnen Familien die Zeltrolle zu ihren Grundstücken. Hämmern ist aus dem Wald zu hören. Die Aufbau-Anleitung ist bebildert, einfach zu verstehen.
Die Mühe hat sich gelohnt.
Kurz darauf stehen tatsächlich schon erste Zelte. Direkt neben den Trümmern. Eine Übergangslösung, bis die richtigen Häuser wieder aufgebaut sind. Nach 10 Tagen im Freien erscheint so ein Zelt den Menschen hier wie eine Luxusvilla. Zwei Frauen sitzen lächelnd unter der neuen Plane und essen Reis. „Der Boden ist sogar wasserdicht““ rufen sie.
Mitra ist plötzlich verschwunden. Als wir am Abend, nachdem alle Zelte verteilt sind, noch einmal am Grundstück ihrer Familie vorbeikommen, ertönt das Gequietsche der kleinen Mädchen aus dem bereits aufgebauten Zelt. „Jippieh, wiiiir haaaben ein neues Hauuus! Yeah!“. Mitra springt mit ihren Freundinnen im Kreis und klatscht in die Hände. „Eeeeiiin neues Haus haben wir, juchhee!“ singen die Kinder. Und das ist dann einer dieser kleinen Momente, wo man als Helfer vor Ort weiß, dass alle Mühe sich gelohnt hat – dass jeder gespendete Cent sinnvoll angekommen ist.








