Bangkok alaaf oder vom grenzübergreifenden Bützen
Kategorie: Gesellschaft am Montag, 15. Februar 2010 von Christina Maria Grawe – 2 KommentareEs ist Montag, Rosenmontag. Ich stehe aber nicht in Köln vorm Spiegel und schminke mich für den Karnevalszug. Ich sitze – trotz Klimaanlage schwitzend – im Büro in Bangkok. Und seufze leise! Radio Köln Webradio läuft. Die Höhner bringen Heimweh übers Internet nach Thailand. Die Wettervorhersage aber auch ein kleines bisschen Ernüchterung: “Sollte die Strecke zu verschneit sein, können keine Pferde eingesetzt werden … Zum Kamelle-fangen empfehlen wir dieses Jahr Handschuhe, maximal 1 Grad wird erwartet!” erzählt die Radiosprecherin gerade. Brrr! Plötzlich erinnere ich mich auch wieder an die kalten Füße, während man stundenlang am Straßenrand zitterte, um auf den Zooch zu warten. Ich denke ans Schwitzen in der Kneipe, gefolgt von der sicheren Kombination: “nass geschwitzt rauskommen und höllisch erkälten”. Und irgendwie hatte ich ja auch immer Halsentzündungen im Februar.
Free Flow Currywurst war auch angekündigt.
Man müsste doch Kölner Karneval und thailändische Temperaturen irgendwie kombinieren! Dieses Jahr gab es tatsächlich den ersten Versuch, denn offenbar bin ich nicht die einzige Deutsche in Bangkok mit Köln-Sehnsucht:
Mein Freund Stefan von Airberlin gemeinsam mit deutschen Networking-Partymachern hatte eine Party organisiert in der Disco “Glow”. Motto “Jeck – we can!”. Da zu diesen Networking-Events, die monatlich einmal stattfinden, auch immer viele Thais kommen, versuchten die Organisatoren im Vorfeld auf der Einladung schon die fünfte Jahreszeit konkret zu erklären. Wobei natürlich nicht bedacht wurde, dass die Thais nicht mal 4 Jahreszeiten hier kennen, aber egal. Auch mit den weiteren auf englisch verfassten Anweisungen konnten Nicht-Kölner sicher zunächst kaum etwas anfangen: “Women will be in power, Ties will be cut off, relationships have only limited relevance, kiss whoever stands next to you, repeatedly …” Free Flow Currywurst war auch angekündigt. Doch zum Bützen später.
Sebastian hatte sich sogar rote Pumps in Männergröße besorgen können.
Wir hatten unseren Mitarbeitern (Halb-Thais und Spanier, alles Karnevals-Nichtkenner) strenge Kostümierungsbefehle erteilt und waren baff: Spanier Francisco kam als Matador im kompletten Outfit. Nicht nur Glitzerjacket und rotes Tuch, auch passende Hose, Schwert, Hut … (Naja, und sogar für die berühmten “cochones” hatte er sich ein Paar Socken in die Hose gestopft! Was ihm später dann peinlich wurde beim Engtanz …). Halb-Thai Sebastian kam als Schulmädchen, hatte sich sogar rote Pumps in Männergröße besorgen können. Und Michael (auch Halb-Thai) hatte sich sogar für sein Rastaman-Kostüm extra echte Rastazöpfe anflechten lassen in einer zweistündigen Prozedur. Und mangels schwarzer Karnevalskörperfarbe hatte er sich mit Eyeliner komplett schwarz angemalt!
Ob rosa Hasenkostüm oder Engelsflügel – in Bangkok gibt’s alles.
Mein Mann und ich wollten als thailändische Parkplatzwächter gehen. Zur Erklärung: Das sind die Typen in Phantasie-Uniform, die an jeder Strassenecke in Bangkok winken und pfeifen wie die Wahnsinnigen. Die Typen, auf die man sich beim Abbiegen oder Einparken auf gar keinen Fall verlassen sollte. Die Typen, die – ganz ehrlich – allen deutschen Autofahrern in Bangkok höllisch auf die Nerven gehen! Beim Suchen nach so einer Uniform stießen wir auf “PR-Fancy” – Kostümverleih! Unglaublicherweise gibt es mitten in Bangkok in einer kleinen Seitenstraße einen Kostümverleih. Ein winziger Laden auf den ersten Blick, der beim zweiten Hinschauen unfassbare Tiefen offenbart. Da gibt es unzählige proppenvoll gestopfte Hinterzimmer. Man findet rosa Hasenkostüme, sexy Thaitänzerkleidchen, wilde Indianeroutfits, prunkvolle Engelsflügel, Aircrew-Uniformen. Und – tatsächlich auch Parkplatzwächter-Hemden. Mit Pfeife, Schlagstock, Mütze – alles stilecht. Fand auch keiner absurd dort, als wir danach fragten. Todernstes Geschäft. Bizarrerweise war es ziemlich voll dort – auch viele Thailänder probierten gerade Pandakostüme an, suchten nach Supermananzügen. Warum und wofür? Keine Ahnung! Karneval jedenfalls kennt man hier nicht.
Thais mit vor Staunen geöffneten Mündern starrten uns an.
Am Abend also machten wir uns zu viert kostümiert auf den Weg: Vier Deutsche mit Schlagstöcken, Taschenlampen und Pfeifen, Wachmann-Mützen und gleichem Hemd. Der Taxifahrer hob nur kurz verwirrt die Augenbrauen, aber alle anderen Thailänder, die uns unterwegs sahen, starrten uns mit offenem Mund an.
Im “Glow” angekommen, empfing uns Jubel. Clowns, Funkenmariechen, Matrosen und Mafiabosse sprangen schon wild zu “Echte Fründe” durch die Disco. Heimatgefühle! Die Currywurst schmeckte auch fast wie an der Ecke Friesenstraße. Kein Kölsch, aber Bier ist Bier, da konnte man drüber hinwegsehen!
Im Toilettenvorraum traf ich später am Abend auf zwei Thailänderinnen im schicken Abendoutfit. Wir kamen ins Gespräch. Die beiden Bankberaterinnen hatten die Anweisungen auf der Party-Einladung natürlich gar nicht verstanden, dachten also, sie gingen – wie jeden Monat – zu einem relativ ernsthaften Business-Networking-Event. Und waren nun angesichts der wilden Deutschen in merkwürdigen Kostümen völlig verwirrt. Ich erklärte ihnen also in Kurzform Sinn und Verhaltensformen beim Karneval. “And today“ erklärte ich „heute ist der Frauentag.” “Da dürfen Frauen eigentlich jeden Mann küssen, wenn sie wollen.” endete ich. “Wow!” die beiden Thailänderinnen waren sprachlos und begeistert. “Wirklich?? Jeden Mann?” “Naja, zumindest jeden Deutschen hier im Club.” schränkte ich besser mal ein. Sie dankten mir überschwänglich und trauten sich nun zuversichtlich ins Partygetümmel.
Can I kiss you please?
Eine Stunde später sah ich eine von beiden wild diskutierend mit dem Vorsitzenden einer deutschen Firma: “Can I kiss you please? Ja, wirklich, deutsche Männer müssen sich küssen lassen, das habe ich eben gelernt!” Dass der Mann seine böse blickende Ehefrau neben sich hatte, schien meine thailändische Bekannte kaum zu stören. Die andere war erfolgreicher und lag bereits in den Armen eines glücklichen Siemens-Praktikanten. “Great Festival – your Kiss-Festival” rief sie mir zu.
Wie enttäuscht wird sie sein im nächsten Monat beim nächsten Networking-Treffen! Hoffentlich kommt sie dann nicht im Clownskostüm! Denn eins hatte ich bei meiner Karnevals-Kultur-Aufklärung vergessen, den Thailändern zu erklären: Am Aschermittwoch ist alles vorbei!






