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Meine kleine Freundin, das “Äffchen”

Kategorie: Gesellschaft am Mittwoch, 12. Mai 2010 von Christina Maria GraweKommentieren Sie diesen Eintrag als Erster
Nach einiger Zeit traute sie sich schon alleine ins Wasser.

Nach einiger Zeit traute sich Nan schon alleine ins Wasser.

Bangkok, 11. Mai 2010

Wenn die kleine Nan lachte, sah sie wirklich ein bisschen aus wie ein kleines Äffchen. Ihr mageres kleines braunes Gesicht zeigte dann ihre kaputten Zähnchen und wenn sie lief, erschienen auch ihre Arme manchmal irgendwie ein bisschen zu lang und ungelenk. Zu viele Wochen ihres Lebens hatte sie schon im Krankenhaus verbracht, zu viele Wochen, um richtig rennen und toben zu lernen wie andere Kinder. Mitleid aber kennen Kinder nur bedingt und so wurde Nan oft einfach nur “Äffchen” gerufen.

Nan war eine Kämpferin.

Das störte sie aber wenig. Nan war eine Kämpferin. Von Geburt an kämpfte sie gegen den HIV-Virus. Der Virus, an dem ihre Mutter starb. Nan wuchs im Kinderheim auf. Als ich sie vor 6 Jahren kennen lernte, war sie gerade mal wieder krank und schwach. Ohne Sauerstoffschlauch durch die Nase schaffte sie es damals nicht, das Bett zu verlassen. Aber sie kämpfte. Und hatte Glück, dass auch in Thailand neue Medikamente auf den Markt kamen. Sie wollte leben und sie wollte lernen. Wann immer sie konnte, schleppte sie sich auf die andere Straßenseite, dort hat das Mercycentre eine Sonderschule für Kinder wie Nan eingerichtet. Kinder, die durch Krankheit oder andere Umstände nicht dem normalen Schulalltag folgen können.

So behalte ich sie in Erinnerung.

So behalte ich sie in Erinnerung.

Ihr Lächeln überstrahlte alles.

Ein Jahr nach unserem Kennenlernen durfte sie zum erstenmal mit ihren Freundinnen übers Wochenende zu uns kommen. Klein, mager und fleckig lief sie durch unseren Garten. Im Badeanzug ein erschreckender Anblick zuerst, aber ihr Lächeln überstrahlte alles. Sie lernte, die Angst vorm Wasser zu verlieren. Ich erinnere mich, wie sie das erste Mal, festgeklammert um meinen Hals, mit 2 Schwimmärmchen und einem Reifen, mit panischer Angst in den Augen, gemeinsam mit mir in den Pool kletterte. Die anderen Kinder tobten durchs Wasser, sie blieb fest an mich geklammert. Aber am Ende des Tages planschte sie zumindest mit dem Fuß.

Ausgelassen tanzte sie durch die Küche.

Im vergangenen Dezember war sie das letzte Mal bei uns zuhause. Kaum größer, immer noch ungelenk und mager, aber jetzt traute sie sich schon, alleine ins Wasser zu springen. Zwar mit Schwimmärmchen, aber das machte ja nichts. Wir haben Weihnachtsplätzchen gebacken (im Badeanzug) und sie tanzte zu Jingle Bells ausgelassen durch die Küche. Ich habe sogar ein Video davon.

Aber dann, wieder ein Wunder!

Eine Woche später hatte der Virus ihr Hirn erreicht. Die anderen Kinder haben es mir so erklärt, die genaue medizinische Definition – was macht es für einen Unterschied?! Sie hatte von einem Tag zum anderen ihr Gedächtnis verloren. Aber dann, wieder ein Wunder! Wochen später wurde sie wieder aus dem Krankenhaus entlassen und was kein Arzt erklären konnte, sie erinnerte sich nach und nach. Nicht an das Lesen und Schreiben und an die Zahlen, aber an die Menschen, die sie liebten. Ich war gerührt, als sie auch mich erkennend umarmte. Irgendwann bald darauf aber war ihr kleiner Körper einfach zu schwach, brach zusammen. Wochenlang lag sie auf der Intensivstation im Koma.

Insgeheim wusste ich, dass ich sie das letzte Mal sah.

Am vergangenen Freitag entließ man sie nach Hause, ins Mercycentre – zum Sterben. Ich sah sie am Sonntag Nachmittag das letzte Mal. Sie dämmerte vor sich hin, zuckte komisch rhythmisch. Ein dürres armseliges Menschlein, der Körper zerschunden von der Krankheit und den Einstichen. Luftröhrenschnitt, künstliche Ernährung durch die Nase. Sie hatte 39 Grad Fieber, glühte. Insgeheim wusste ich, dass ich sie das letzte Mal sah und um nicht zu weinen dachte ich daran, wie sie durch unseren Garten tanzte.

Ich habe viel gelernt über das Leben und den Tod.

Heute Nacht um 5 Uhr dann ist meine kleine Freundin Nan, das süße “Äffchen” gestorben. Sie wäre am Freitag 13 Jahre alt geworden.

Das ist sicher keine fröhliche Geschichte, keine frohe Botschaft auf den ersten Blick. Aber durch Nan und ihre kleinen Freunde, die alle HIV positiv sind, habe ich viel gelernt in den vergangenen Jahren. Über das Leben und den Tod. Über den Umgang mit Krankheit und Tod, immer allgegenwärtig.

Sie ist jetzt glücklich bei ihrer Mutter im Himmel.

Die Kinder werden heute bei der Beerdigung sicher nicht weinen. Das tun sie nie bei Beerdigungen und sie haben schon andere kleine Freunde verabschieden müssen. “Nan hatte doch Schmerzen” sagen sie. “Und jetzt ist sie glücklich bei ihrer Mutter im Himmel.” Sie sprechen vom Himmel, obwohl Nan buddhistisch beerdigt wird. Aber das spielt keine Rolle. Die Kinder haben gelernt, dass Tod zum Leben gehört und sie haben keine Angst vorm Tod. Für sie ist es der Übergang in eine andere hoffentlich schmerzfreie Welt. Ob das nun der christliche Himmel ist oder die folgende buddhistische Wiedergeburt, für sie ist wichtig: Das “Äffchen” wird nun keine Schmerzen mehr haben!

Und die frohe Botschaft an dieser Geschichte ist: dass es Orte wie das Mercycentre in Bangkok gibt, dass Nan nach dem Tod ihrer Mutter ein neues liebevolles Zuhause fand. Sie sprach nie von Kinderheim oder Waisenhaus, sie sagte immer “Zuhause” und nannte ihre Betreuerinnen “Mae” (Mama).

Tschüss, kleines Äffchen!

Wenn rote Nasen reisen …

Kategorie: Gelesen, Gesellschaft, Gesundheit, Kultur am Montag, 28. Dezember 2009 von GastKommentieren Sie diesen Eintrag als Erster
Carina Mathes, Trainerin für Glückskompetenz und Logopädin

Carina Mathes, Trainerin für Glückskompetenz und Logopädin

Das Buchprojekt von Carina Mathes

Damals muss ich ungefähr dreizehn Jahre alt gewesen sein, als meine Mutter meinen Bruder und mich zu einer Familie in unserem Ort schickte, um dort etwas abzuholen. Mein zwei Jahre jüngerer Bruder und ich machten uns also auf den Weg und standen schon bald vor besagter Haustür. Eine Frau öffnete und bat uns mit einem freundlichen Lächeln in die Diele hinein. Die Frau war sehr nett. Sie fragte uns nach unseren Namen und auf welche Schulen wir denn gehen würden. Wir waren gerade mitten ins Gespräch vertieft, als plötzlich ein Mädchen auf einem Dreirad um die Ecke geschossen kam. Das Mädchen lachte uns mit großen, weißen Zähnen an, düste eine Runde um uns herum und war genauso schnell wieder verschwunden, wie sie gekommen war. Geschockt schauten wir ihr hinterher. Das Mädchen hatte keine Haare! Die Mutter des Kindes, die unsere Blicke sicherlich bemerkt hatte, erklärte uns daraufhin, dass Marylin sehr krank sei und immer starke Medikamente nehmen müsse, von denen ihr dann die Haare ausfallen würden. Bestürzt und völlig hilflos nickten wir damals nur stumm. Marylin war es dann, die die Stille zum Glück wieder unterbrach. Auf ihrem Dreirad kam sie wieder an gesaust und hielt uns freudestrahlend etwas entgegen: „Schaut mal her, wollt ihr vielleicht mal meinen Clown sehen?“ Neugierig gingen wir in die Hocke, um zu sehen, was sie uns zeigen wollte. Und tatsächlich, auf dem Foto sah man sie in einem großen Krankenhausbett sitzen. Neben ihr ein fröhlich dreinschauender Clown mit freundlichen Augen und einer dicken, roten Nase.

Clowns bringen Licht und Freude in den Klinikaufenthalt der Kinder

„Das ist meine Erna, die kommt mich jeden Tag besuchen, wenn ich im Krankenhaus bin. Erna macht immer ganz lustige Sachen, dass ich immer soviel lachen muss, dass mir mein Bauch schon weh tut“, strahlte sie uns mit leuchtenden Kinderaugen an. Während Marylin das Foto in ihrer Hand zärtlich betrachtete, wurde mein Kloß im Hals immer größer. Ich konnte und wollte mir einfach nicht vorstellen, dass dieses Mädchen, das soviel Freude und Lebendigkeit auf mich ausstrahlte, in Wirklichkeit sterbenskrank war. Sie hatte es geschafft, mich aus meiner Traurigkeit von vorhin herauszureißen und mich mit ihrem fröhlichen Lachen anzustecken. Und auch bei Marylins Mutter legte sich ein zaghaftes Lächeln auf die Lippen: „Ja – die Clowns machen eine wunderbare Arbeit. Sie bringen etwas Licht und Freude in den Klinikaufenthalt der schwer kranken Kinder.“ Aber auch sie und ihr Mann würden die Clowns als eine große Bereicherung empfinden: „Dank der Clowns können auch wir manchmal, wenigstens für ein paar Minuten, vergessen, dass wir unsere Tochter vielleicht verlieren werden. Diese Momente sind die kostbarsten und die schönsten, die wir noch mit ihr gemeinsam erleben können.“ Später zum Abschied winkte uns Marylin mit ihrem Foto, von Erna und ihr, hinterher.

Glücksgeschichten unterstützen die Stiftung HUMOR HILFT HEILEN

Das Bild von Marylin, wie sie mit einem strahlenden Lachen auf ihrem Dreirad sitzt und mir stolz und überglücklich das Foto von ihrem Clown zeigt, hat sich tief ein mein Gedächtnis eingebrannt. Im April 2009 kam mir dann die Idee, ein Projektbuch zu schreiben und mit dem Verkauf einen sinnvollen Gedanken zu unterstützen. So habe ich über sechs Monate Glücksgeschichten aus der Bevölkerung zusammentragen und in diesem Buch die besten veröffentlicht. In Gedenken an Marylin und weil ich die Arbeit der Klinikclowns für unverzichtbar wertvoll halte, entschied ich mich für die Stiftung HUMOR HILFT HEILEN von Dr. med. Eckart von Hirschhausen. Das daraus entstandene Buch „Wenn rote Nasen reisen …“ ist ab sofort für 15,90 Euro im Buchhandel erhältlich (ISBN: 978-3-8391-1747-7).

Lieber Leser, weinend kommen wir auf diese Welt Helfen sie mit, dass wir sie fröhlich verlassen können, wenn der Zeitpunkt gekommen ist.

Carina Mathes

Ein “neues Haus” für die kleine Mitra

Kategorie: Gesellschaft, Gute Nachrichten am Montag, 26. Oktober 2009 von Christina Maria GraweKommentieren Sie diesen Eintrag als Erster
Die kleine Mitra

Die kleine Mitra

Mittagszeit im indonesischen Dorf Sikabu Bukit. Die Sonne brennt erbarmungslos, nur die großen Palmen und Bananenstauden bieten etwas Schatten. Die kleine Mitra wartet schon ungeduldig mit ihren Freundinnen. Heute kommt ein neues Zuhause, hatte ihre Mutter ihr am Morgen gesagt. Und nun sitzt die Neunjährige auf dem Dorfplatz und wartet. Etwas anderes kann sie sowieso nicht tun. Das Erdbeben vom 30. September hat ihrer Familie das wenige, was sie besaßen, genommen. Die Schule ist auch zerstört, genauso wie alle Wohnhäuser in Sukabu Bukit. Spielsachen haben die Mädchen keine, hatten sie auch vor dem Erdbeben nicht. Und so sitzen Mitra und ihre Freundinnen nun seit Stunden schon gelangweilt auf dem staubigen Platz.

Deutsche Spendengelder am Ziel ihrer Reise

Hektik kommt auf, als endlich zwei große Trucks mitten auf der Dorfstraße halten. Caritas-Zelte aus Deutschland sind in der Ladung. Deutsche Spendengelder am Ziel ihrer Reise.

In Windeseile wird ein klappriger Tisch organisiert, Zettel mit Nummern sind bereits vorbereitet. Die Menschen drängeln sich um den Tisch, aber der Bürgermeister versucht, alle zur Ruhe zu bewegen.

Nach 10 Tagen im Freien erscheint so ein Zelt den Menschen hier wie eine Luxusvilla.

Nach 10 Tagen im Freien erscheint so ein Zelt den Menschen hier wie eine Luxusvilla.

Nur drei Menschen sind in Sikabu Bukit ums Leben gekommen. Aber ein Zuhause hat keiner der Überlebenden mehr. „Wir schlafen alle draußen.“ erzählt die kleine Mitra, die sich voller Interesse an den fremden weißen Menschen in die erste Reihe gedrängelt hat. Aber nachts kühlt es ab hier im Regenwald. „Wir frieren alle, weil man keine Tür zum zumachen hat.“ sagt sie in kindlicher Sprache. Auch ihre Familie bekommt ein Zelt. Ein wasserfestes 16-qm-Zelt, ein Schutz vor dem Wetter und vor allem auch ein Stück Privatsphäre für die Familie. Mitras Familie besteht aus fünf Menschen: Ihre Eltern, ein älterer Bruder und die Oma.

Ein neues Zuhause

Mitras Vater wird von der Liste aufgerufen. Er muss seinen Ausweis zeigen, den Empfang des Zeltes unterschreiben. Ein Stempelkissen steht bereit für die, die nicht schreiben können. Mitras Vater setzt seinen Daumenabdruck auf die Liste. Das Zelt lädt er auf ein klappriges Fahrrad. Mühsam schiebt er es über den Waldweg dorthin, wo sein Haus stand. Vor dem Haus hat die Familie gestapelt, was sie unter den Trümmern retten konnte.

Blonde Haare sind hier wirklich etwas Besonderes.

Blonde Haare sind hier wirklich etwas Besonderes.

Mitra bleibt erst einmal auf dem Dorfplatz. Zu spannend findet sie, was dort passiert. Weiße Ausländer hat sie noch nie von nahem gesehen. Sie nimmt all ihren Mut zusammen und fragt mich, ob sie meine blonde Haare einmal berühren darf. Sie darf. Ihre kleinen Freundinnen kichern. Aber Mitra ist das egal. Sie weicht mir die nächsten Stunden nicht von der Seite.

Die Verteilung dauert lange. Eine Frau wird laut, sie glaubt, man habe sie vergessen. Man beruhigt sie. Alle der Reihe nach. Nach und nach tragen die einzelnen Familien die Zeltrolle zu ihren Grundstücken. Hämmern ist aus dem Wald zu hören. Die Aufbau-Anleitung ist bebildert, einfach zu verstehen.

Die Mühe hat sich gelohnt.

Kurz darauf stehen tatsächlich schon erste Zelte. Direkt neben den Trümmern. Eine Übergangslösung, bis die richtigen Häuser wieder aufgebaut sind. Nach 10 Tagen im Freien erscheint so ein Zelt den Menschen hier wie eine Luxusvilla. Zwei Frauen sitzen lächelnd unter der neuen Plane und essen Reis. „Der Boden ist sogar wasserdicht““ rufen sie.

Mitra mit ihren Freundinnen

Mitra mit ihren Freundinnen

Mitra ist plötzlich verschwunden. Als wir am Abend, nachdem alle Zelte verteilt sind, noch einmal am Grundstück ihrer Familie vorbeikommen, ertönt das Gequietsche der kleinen Mädchen aus dem bereits aufgebauten Zelt. „Jippieh, wiiiir haaaben ein neues Hauuus! Yeah!“. Mitra springt mit ihren Freundinnen im Kreis und klatscht in die Hände. „Eeeeiiin neues Haus haben wir, juchhee!“ singen die Kinder. Und das ist dann einer dieser kleinen Momente, wo man als Helfer vor Ort weiß, dass alle Mühe sich gelohnt hat – dass jeder gespendete Cent sinnvoll angekommen ist.

Der verlorene Ring

Kategorie: Gelesen, Kultur am Freitag, 9. Oktober 2009 von Christine ReichmannKommentieren Sie diesen Eintrag als Erster
"Eine neue Erde" von Eckhart Tolle

"Eine neue Erde" von Eckhart Tolle

Im Moment lese ich gerade das Buch „Eine neue Erde“ von Eckhart Tolle. Über das Buch im Ganzen kann ich natürlich noch nichts sagen. Aber die folgende Geschichte aus diesem Buch – die ich gestern gelesen habe – hat mir einen nachhaltigen Denk- und Fühlanstoß gegeben. Vielleicht bewegt diese Geschichte auch etwas in Ihnen …

Vorweg: Der Autor Eckhart Tolle hat in seiner Tätigkeit als Berater und spiritueller Lehrer eine Zeit lang regelmäßig eine schwer an Krebs erkrankte Dame besucht, um die es in dieser Geschichte geht.

„Sie war Lehrerin und Mitte vierzig, und die Ärzte hatten ihr nur noch wenige Lebensmonate bescheinigt. Manchmal sprachen wir bei diesen Besuchen ein paar Worte miteinander, aber meistens blieben wir still, und dabei hatte sie ihre ersten flüchtigen Einblicke in die Stille in ihrem eigenen Innern, von deren Existenz sie während ihres hektischen Berufslebens gar nichts geahnt hatte.

Er ist mehr als nur ein Ring für mich.

Eines Tages jedoch traf ich sie in großem Ärger und Schmerz an. ‚Was ist passiert?’, fragte ich sie. Ihr Diamantring, der für sie einen ebenso hohen materiellen wie immateriellen Wert besaß, war verschwunden, und sie war sicher, dass ihn die Frau gestohlen hatte, die täglich ein paar Stunden nach ihr sah. Sie sagte, sie könne gar nicht verstehen, wie jemand so roh und herzlos sein könnte, ihr das anzutun. Sie fragte mich, ob sie zuerst die Frau ansprechen oder gleich die Polizei einschalten sollte. Ich sagte ihr, die Entscheidung könne ich ihr nicht abnehmen, und bat sie, erst einmal zu überlegen, wie wichtig ihr der Ring und andere Besitztümer zum jetzigen Zeitpunkt ihres Lebens seien. ‚Du verstehst das nicht’, sagte sie. ‚Der Ring war von meiner Großmutter. Ich habe ihn jeden Tag getragen, bis ich krank wurde und meine Hände zu sehr anschwollen. Er ist mehr als nur ein Ring für mich. Wie sollte ich mich da nicht ärgern!’ …

Wird das, was du bist, durch den Verlust beeinträchtigt?

Ich sagte: ‚Ich werde dir ein paar Fragen stellen, aber statt sie gleich zu beantworten, solltest du versuchen, sie in deinem Innern zu klären. Ich halte nach jeder Frage kurz inne. Die Antwort muss nicht unbedingt die Form von Worten haben.’ Sie sagte, dass sie bereit sei. Ich fragte: ‚Ist dir klar, dass du irgendwann, vielleicht in naher Zukunft, von dem Ring lassen musst? – Wieviel Zeit brauchst du noch um dich bereitwillig von ihm zu lösen? – Bist du nicht mehr so viel wert, wenn du dich von ihm löst? – Wird das, was du bist, durch den Verlust beeinträchtigt?’ …

Das Sein muss gefühlt werden.

Als sie zu reden begann, lag ein Lächeln auf ihrem Gesicht, und sie schien im Frieden mit sich zu sein ‚Bei der letzten Frage ist mir etwas Wichtiges aufgegangen. Zuerst habe ich in meinem Verstand nach der Antwort gescht, und der hat gesagt: >Ja, natürlich bist du dadurch beeinträchtigt.< Daraufhin habe ich mir die Frage noch einmal gestellt: >Wird das, was ich bin, dadurch beeinträchtigt?< Diesmal versuchte ich, die Antwort zu fühlen statt zu denken. Und plötzlich konnte ich das, was ich bin, fühlen. Das habe ich nie zuvor gefühlt. Wenn ich das Ich-bin so stark fühlen kann, dann ist das, was ich bin, nicht im Mindesten beeinträchtigt worden. Ich kann es immer noch spüren, etwas Friedvolles, aber sehr Lebendiges.’ ‚Das ist die Seinsfreude’, sagte ich. ‚Du kannst sie nur empfinden, wenn du aus dem Kopf rausgehst. Das Sein muss gefühlt werden. Es kann nicht gedacht werden. Das Ego weiß nichts von ihm, denn es besteht nur aus Gedanken. Der Ring war eigentlich nur ein Gedanke in deinem Kopf, den du mit dem Gefühl des Ich-bin verwechselt hast. Du hast gedacht, in dem Ring sei das Ich-bin oder ein Teil davon enthalten.’

Als leuchte ein Licht in ihr …

‚Was immer das Ego sucht und woran es sich festmacht’, fuhr ich fort, ‚ist ein Ersatz für das Sein, das es nicht spüren kann. Du kannst ruhig Interesse an etwas haben und es wertschätzen, aber wenn du daran festhältst, weißt du, dass das die Stimme des Ego ist. Dabei klammerst du dich gar nicht wirklich an den Gegenstand, sondern nur an den damit verbundenen Gedanken, in dem >ich<, >mein<, >mich< oder >mir< vorkommt. Wenn du einen Verlust voll und ganz hinnimmst, gehst du über das Ego hinaus, und dann tritt das, was du bist, das Ich-bin, das reines Bewusstsein ist, hervor.’ …

In den letzten Wochen ihres Lebens, als ihre körperliche Schwäche zunahm, wurde sie immer strahlender, als leuchte ein Licht in ihr. Sie verschenkte viele ihrer Besitztümer, einige auch an die Frau, die sie verdächtigt hatte, den Ring gestohlen zu haben, und mit jedem Gegenstand, den sie weggab, vertiefte sich ihre Freude. Irgendwann rief mich ihre Mutter an, um mir mitzuteilen, dass sie gestorben war, wobei sie noch erwähnte, dass sie den Ring im Arzneischränkchen im Badezimmer gefunden habe …“

Aus Eckhart Tolle: „Eine neue Erde“, Arkana Verlag München, 2005, S. 47 ff

Same same but different

Kategorie: Gesellschaft, Reisen am Freitag, 18. September 2009 von Christina Maria GraweKommentieren Sie diesen Eintrag als Erster

Jeder Tourist, der das erste Mal nach Thailand kommt, wird spätestens am zweiten Tag seines Aufenthaltes mit einer Situation konfrontiert werden, die er einfach nicht versteht. Beispiel: Er will ein rotes T-Shirt kaufen, fragt die Verkäuferin, ob es das vielleicht in XL gibt. Die nickt, hält ihm aber eine grüne Hose hin und sagt fröhlich – seinen erstaunt-fragenden Gesichtsausdruck ignorierend – „same same – but different!“. Ist doch genauso, nur eben anders!

Als Tourist findet man das amüsant, führt es auf mangelnde Sprachkenntnisse auf beiden Seiten zurück. Viele kaufen sich sogar die T-Shirts mit dem Schriftzug „same same but different“, die auf den Urlaubermärkten angeboten werden.

Wenn man aber hier lebt, kann eben gerade dieses „different“ schnell zu einem extremen Nervfaktor mutieren.

Sieht doch fast genauso aus!

Neulich: Ein Handwerker repariert die weißen Kacheln in meinem Bad, setzt aber eine einzige in beige ein. Same same, nur eben anders! Wo ist das Problem, scheint er mich zu fragen! Sieht doch fast genauso aus.

Same same!

Same same?

Ich gehe durch ein Kaufhaus, will schwarze hohe Schuhe kaufen. Der Verkäufer hält mir beige Wanderschuhe hin „Discount 10 percent!“ Ist doch besser, das billige Paar zu kaufen, denkt ER. ICH denke, wie zum Teufel soll ich denn Wanderschuhe unters kleine Schwarze anziehen!!

Meine Vermieter erhöhen die Miete, nachdem ICH renoviert habe. Schließlich ist das Haus nach dem Streichen und Reparieren ja mehr wert. Logisch, also mehr Miete! ICH soll mehr Miete zahlen, obwohl ICH renoviert habe?? Logisch für Thais, aber nicht logisch für mich als Deutsche.

Logik oder Unlogik, das ist hier die Frage …

Ein Autounfall: ein besoffener Thailänder auf einem Mofa ohne Helm fährt quer über die Autobahn, geradewegs ins Auto meines Mannes. Klare Schuldklärung in diesem Falle, aber man weist meinen Mann höflich darauf hin, er sei ja theoretisch mit Schuld. Schließlich wäre der Unfall ja nicht passiert, wenn er nicht gerade zu dem Zeitpunkt dort auf der Autobahn gefahren wäre. Und überhaupt, wäre er in Deutschland geblieben, wäre es nie zu diesem Zusammenstoß gekommen. Es ging nicht um Abzocke, das muss ich betonen. Selbst der Anwalt meines Mannes musste diese Logik bestätigen!

Logik oder Unlogik??

Mit viel Geduld und guten Gedanken klappt's dann auch irgendwann mit der Tapete ...

Mit viel Geduld und guten Gedanken klappt's dann auch irgendwann mit der Tapete ...

Der größte Kulturschock für mich immer wieder: Der Besuch im Baumarkt.

Ich möchte Tapete kaufen. Freundlich reicht man mir die Musterbücher und hilft mir bei der Auswahl. Ich finde eine Tapete und sage: Diese dort, 10 Rollen. Die Verkäuferin lächelt freundlich, nimmt mir das Buch (das sie mir kurz vorher gegeben hat, wohl bemerkt!) aus der Hand und sagt: Oh, diese Tapeten aus diesem Buch führen wir nicht!

Nach langjähriger Thailand-Erfahrung gebe ich aber nicht auf und frage geduldig nach einem Buch, dessen Tapeten sie führen. Ich suche also eine neue aus. Die Verkäuferin aber muss mich wieder enttäuschen: Sorry, nur noch 2 Rollen da. Sagt es, klappt das Buch zu und geht.

Baumarkt-gewieft laufe ich hinterher und frage, ob sie die Tapete denn bestellen könnte. Sie nickt freundlich: Ja, dauert eine Woche. Warum sie mir das nicht von sich aus anbietet, frage ich sie dann doch. Sie sagt, ich hätte doch nicht danach gefragt!

„Noo, no have.“

Selber Baumarkt, anderer Tag. Wir wollen eine Hochdruckreiniger kaufen. Der Verkäufer preist uns ein reduziertes Spitzenmodell an, wir entscheiden uns aber für ein anderes. „Noo, no have.“ Nein, diese Modell führen sie nicht, es sei auch nicht zu bestellen. Warum es dann überhaupt ausgestellt ist, verstehen wir nicht! Nein, auch das Ausstellungsstück sei nicht zu kaufen, das sei ja schließlich das Ausstellungsstück. Nach endlosen Diskussionen geben wir klein bei und sagen: Okay, wir nehmen das zuerst angepriesene reduzierte Gerät. Der Verkäufer schaut uns an und sagt: Oh, sorry, das ist ausverkauft! Er könne es zwar bestellen, aber nur zum doppelten Preis.

Wieso, weshalb, warum …

Das ist dann der Moment, wo man als Deutscher nur noch Fragezeichen in den Augen hat, einfach nicht verstehen kann, waaaarum und wieso und weshalb!

Immer wieder trifft man Ausländer in Thailand, die sich endlos aufregen über die faulen dummen Thais. Über die naiven blöden Asiaten usw.

Ich bemühe mich, nicht in diesen Chor einzustimmen. Denn, was wir immer wieder schnell vergessen: Auch wenn die Menschen hier die gleiche Mode tragen wie in Berlin und New York, auch wenn sie den gleichen Café Latte bei Starbucks bestellen, auch wenn sie wie überall auf der Welt The Bachelor und Grey´s Anatomy schauen und hier Sarah Connor im Radio dudelt: Wir sind hier am anderen Ende der Welt, in einem anderen Kulturkreis, leben mit Menschen, die eine andere Art der Schulbildung genossen haben, die in einer anderen Religion und Philosophie erzogen wurden, die offensichtlich wirklich einfach anders denken! Was ist denn schon Logik? Das, was wir Europäer für Logik halten??

Ein lustiges Beispiel zum Schluss:

Mein Mann möchte in eine bestimmte Werkstatt, hat die Telefonnummer bekommen, weiß aber die Adresse nicht. Er ruft an, fragt den Handwerker, ob er gleich aus dem Taxi noch einmal anrufen kann und das Handy dem Taxifahrer geben kann, so dass der die Adresse erfährt. Ja, kein Problem. Im Taxi also, mein Mann ruft wieder an, sagt: Ich sitze jetzt im Taxi und will zu deiner Werkstatt kommen, sagst du bitte dem Fahrer, wo es hingeht. Na klar. Umständlich wird alles erklärt, der Taxifahrer nickt und fährt hin. Geschlossene Rolltore an der angegebenen Adresse. Doch, sagt der Fahrer, die Adresse stimmt, schau doch, da steht das Schild besagter Werkstatt. Mein Mann ruft also wieder den Handwerker an. „Wo bist du? Warum sind die Rolltore zu?“ Der ist völlig erstaunt: „Heute ist doch Ruhetag, wir haben geschlossen!“ Wer hat den Fehler gemacht?? In der Logik des Thailänders: mein Mann. Schließlich hat er doch nur nach der Adresse und der Anfahrt gefragt, er hatte nicht gefragt „Hast du heute geöffnet?“

Mein Mann und ich, wir haben einen Weg gefunden, uns zu arrangieren. Wir setzen einfach nichts mehr voraus. Bei einem Kauf oder einer Verabredung erfragen wir alles bis ins letzte Detail. Dann wissen wir Bescheid und es entstehen keine Missverständnisse. Nur eine Art von Fragen versuchen wir zu unterdrücken: Fragen, auf die es zumindest von Thailändern keine Antworten gibt: die W-Fragen! Warum, wieso, weshalb und wann – neulich antwortete ein Thai auf die Frage „warum?“ mit „Kein warum.“ Klar und deutlich.

Die frohe Botschaft?

Warum ich diese Erlebnisse als frohe Botschaft aufschreibe – weil ich finde, es macht mir jeden Tag klar, dass ich nicht der Mittelpunkt der Welt bin, sondern dass sie groß und bunt ist. Ich lerne jeden Tag, mich aufs Neue zu arrangieren, anzupassen, aber auch mich durchzusetzen.

Oberflächlich betrachtet sind wir Großstädter Mitte bis Ende 30 eigentlich alle gleich, sind alle im Facebook, telefonieren mit dem I-Phone und wissen, welche Jeans gerade angesagt ist – aber dann wieder sind wir doch alle völlig verschieden.

Same same, aber doch different! Wie schön eigentlich!


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