
Mein Freund James mit Afro-Perücke auf dem Trödelmarkt in Chelsea, New York
Wir treffen im Leben viele Menschen, berühren Ihr Leben mehr oder weniger signifikant, nehmen einen Teil davon mit uns und wachsen durch deren Anschauungen und Meinungen. Manche Menschen hinterlassen mehr Eindruck als andere, weil sie einfach so stark in die eigene Richtung denken oder das genaue Gegenteil empfinden. In diese Kategorie fällt mein Freund James. Er ist einer der liebsten und wichtigsten Menschen in meinem Leben, und die Welt wäre ein wenig grauer ohne seine Genialität, die häufig (meistens) an Wahnsinn grenzt.
Gerade habe ich den Hörer mit ihm aufgelegt und bin wieder fasziniert, wie zufällig und doch unwiderruflich stark wir alle unser gegenseitiges Leben beeinflussen, ohne es zu wissen.
James und sein bester Freund Desi (bis zu diesem Tag), haben sich im College kennengelernt und waren in der glücklichen Lage, ein Haus in Brooklyn, New York, kaufen zu können, in einer Gegend, in die ich mich damals sicherlich nie getraut hätte, da sie als sehr gefährlich galt. Das Haus ist heute längst verkauft, viel ist seitdem passiert, aber ETWAS ist scheinbar geblieben.
Er hat ihnen die Welt eröffnet.
James hat damals Anthony und Daniel kennengelernt, ein Bruderpaar von 10 und 11 Jahren, die aus einer kinderreichen und sehr armen Famlie stammten, und in der gleichen Straße wie er und Desi wohnten. Er hat ihnen, für deren Kinderaugen, die Welt eröffnet. Er hat sie in seinem Truck mitgenommen, ist mit ihnen U-Bahn gefahren und hat ihnen sogar ein Fahrrad gekauft, und so ganz nebenbei wichtige Werte des Lebens vermittelt, zu denen den Eltern die Zeit fehlte. Das hört sich für unsereins wahrscheinlich banal an, aber für ein Kind, das nicht weiss, wann das nächste Mal ein Essen auf den Tisch kommt, kann es die Grundlage für dessen weitere Entwicklung sein, denn speziell Kinder und Jugendliche aus dieser bestimmten Nachbarschaft waren prädestiniert dafür, im Gefängnis zu enden oder zumindest wegen kleinkrimineller Delikte verhaftet zu werden.
Heute bekommt also James, der im August das zarte Alter von 65 Jahren erreichen wird, einen Anruf von einem (relativ) jungen Mann, der sich als Anthony vorstellt. Er erklärt, wer er ist und erzählt ihm, dass er, Anthony, seitdem James und Desi das Haus in Brooklyn 1984 verkauft haben, versucht hat, ihn ausfindig zu machen – da war er 17 Jahre alt. Er fragt, ob James am Nachmittag für ein Stündchen Zeit hat, und seine Antwort ist spontan: Ja.
Was für ihn eine Kleinigkeit war, hatte großen Einfluss auf das Leben der Kinder.
So konnten heute, 30 Jahre später, Anthony und Daniel (40 und 41 Jahre alt) James für das danken, was er für die beiden Jungen damals getan hatte. Was für ihn ganz natürlich war und als Kleinigkeit erschien, hatte für die beiden Jungen einen solchen Einfluss auf ihr Leben, dass sie sich beide heute sicher sind, dass sie auf die schiefe Bahn geraten wären, wäre da nicht James gewesen, der ihnen ein bischen die Welt erklären konnte.
Diese Geschichte hat mich zu Tränen gerührt, und ich realisiere, dass nichts im Leben umsonst geschieht. Ich werde mir wieder einmal mehr bewusst, dass wir manchmal gar nicht gewahr sind, was wir mit kleinen Gesten der Freundlichkeit, einem netten Wort oder einfach einem Lächeln “anrichten” können.
Ein Lächeln für Sie, liebe(r) LeserIn!