
So eine Art asiatischer Osterhase
In zwei Tagen ist Ostern. Hallo – Ostern! Easter?! Schon mal gehört? „Nein!“, werden wahrscheinlich die meisten befragten Thailänder verblüfft antworten. Vielleicht kennen sie den Namen des Festes, aber bei den folgenden Begriffen werden sie dann mit ziemlicher Sicherheit den Kopf schütteln: Osterei, Osterhase, Osterfeuer, Osterlamm, Osterkerze – christliches Brauchtum, das in Thailand gänzlich unbekannt zu sein scheint. Ostern ist das höchste Fest der Christen und davon gibt es doch immerhin über 2 Milliarden weltweit.
Thailänder lieben eigentlich alle Feste.
Die Thailänder lieben ja eigentlich alle Feste und sie lieben vor allem die dazugehörige kitschige Dekoration: An Weihnachten zum Beispiel explodiert Bangkok beinahe vor glitzernden Lichterketten, „Hohoho“-brummenden Weihnachtsmännern und mit bunten Kugeln schwer beladenen Christbäumen. Dazu „Jingle Bells“ und „Rudolph, the rednoised rendeer“ in der 24 Stunden Dauerberieselung! Und das alles, obwohl nur 4 Prozent der Bevölkerung Thailands ja überhaupt christlich sind. D. h. das alles, obwohl 96 % aller Thailänder Weihnachten als eigentliches Fest gar nicht feiern!!
Absurd, aber angenehm für den westeuropäischen Auswanderer. Adventskalender, Stollen oder Mistelzweige – ich habe nichts vermisst. Dass die Christbäume aus Plastik sind und die heißen Temperaturen Glühweinabende unmöglich machen – nun gut, schließlich sind wir ja in Asien, dann schaltet man eben die Klimaanlage an.

Nur Echsen im Garten, kein Osterhase weit und breit!
Es musste doch Osterhasen in Bangkok geben!
Jetzt aber Ostern. Ich denke mit Schrecken an das erste Ostern in Thailand: Damals schaute ich mich schon Wochen zuvor intensiv um nach vertrauter Hasendeko und buntem Eierwahn in den Geschäften. Vergeblich! In den Zeitungen inserierten einige große internationale Hotels mit österlichen Lammbuffets, aber man musste schon wirklich danach suchen. Kein einziger Osterhase weit und breit, einige Supermärkte hatten in diesen Wochen den italienischen Osterkuchen Panettone im Angebot – sonstige Osterdekoration: Fehlanzeige!
Ich träumte von bunten Eiern und Schokoladen.
Ich konnte und wollte es einfach nicht glauben: Es musste doch Osterhasen geben in Bangkok! In der Nacht zum Ostersonntag träumte ich von kuscheligen großen Osterhasen mit großen Körben voller bunter Eier und Schokoladen. Von Blätterkrokantfüllungen, lila Nougateiern, Gelee-Eiern, rasselnden Smarties-Osterhasen, dem extragroßen Oster-Kinderüberraschungsei, von After-Eight-Hasen, Marzipan in Zartbitter-Eiern und von den Aldi-Waffeleiern (das beste an Ostern in Deutschland überhaupt!). Ich träumte von weiß-gelben klebrigen Zuckereierhälfen, von zartschmelzenden Vollmilchschoko-Küken und von den berühmten goldumhüllten Hasen aus massiver Lindtschokolade mit Glöckchen … schmatzend wachte ich auf. Noch halb im Traum inspizierte ich verstohlen das ganze Haus und den Garten. Was ich fand, war ein toter Gecko im Briefkasten, meine schläfrige Katze im Schatten des Bougainvillea-Busches und 2 blöde Frösche. Keine Spur von langen Ohren oder Eiern!

Die einzigen gefärbten Eier in Thailand sind die ekligen fermentierten 100jährigen Eier.
In Thailand legen Hühner die Eier, nicht die Hasen!
In einem Anfall von Heimweh versuchte ich unserer thailändischen Putzfrau den Zauber eines deutschen Osterfestes zu vermitteln. „You know, Ostern, Easter, same same Christmas, but different!“ Thailändische Worte gibt es ja für keins der Feste, und sie schaute mich verständnislos an. Schokolade in der Sonne draußen? Nein, in Deutschland ist es doch kalt! Und Eier?? Die legen in Thailand die Hühner, nicht die Hasen! Ja, ich weiß, aber dennoch, nur an Ostern eben bringt der Hase die Eier! Mit einem mitleidigen Lächeln und einem anteilnehmenden „Chok dii kha!“ (Alles Gute!) flüchtete sie wieder an die Arbeit! Mein Mann war beruflich unterwegs, die Rettung schien in Person meiner Freundin Ute zu nahen: auch sie Deutsche in Bangkok. „Was machst du? Wollen wir mit Luka in den Zoo gehen?“ Luka ist ihr damals zweieinhalbjähriger Sohn. Sie hatte in einem ähnlichen Sehnsuchtsgefühl die Osterstimmung hervorrufen wollen, aber die Eier im Garten lockten nur die Schlangen heran und überhaupt, das Färben war trotz echt deutscher Eierfarbe gründlich schiefgelaufen … vielleicht braucht man einfach deutschen Essig dafür, mutmaßte sie. Nagut, Ablenkung – Zoo!
Zur Begrüßung bekam ich ein selbst gefärbtes Ei.
Zur Begrüßung überreichte Klein-Luka mir eins der selbst gefärbten Eier. Es war in der Tat misslungen, bräunlich-grünlich … ehrlich gesagt: hässlich! Aber meine Stimmung stieg etwas. Und dann sahen wir es: das Schild „Children´s zoo“, das Streichelgehege für Kinder! Darauf abgebildet ein niedlicher kleiner Hase, den die Kinder dort offenbar anfassen dürfen! Und wir vielleicht auch? Ein Hase!!! Endlich, ein echter Osterhase! Schnurstracks schoben wir ab Richtung Streichelgehege! Luka protestierte heftig, er wollte eigentlich erstmal lieber zu den „Trööröös“, den Elefanten, aber Mama Ute und Tante Tina kannten kein Pardon. „Luka, wir gehen zum Osterhasen! Der echte Osterhase!“ Angesichts der wilden Entschlossenheit und des Wahnsinns in unseren Augen verstummte der Kleine augenblicklich. Aber dann die herbe Enttäuschung: wegen Renovierung geschlossen!! Kein Streichelzoo heute!! 3 stinkende Ziegen grasten nebenan, das war´s! „Come back next month!“ riet uns die nette Angestellte. Aber nein, HEUTE ist doch Ostern! Keine einziges Karnickel weit und breit im ganzen Zoo!
Eine echte Osterdepression …
Missmutig glotzten wir noch ein paar Giraffen und Bären in jämmerlich kleinen Gehegen an. Luka interessierte sich dann doch eher für die Kirmeskarussels. Und während er wenigstens selig im Polizeiauto hin- und herwackelte, brach es aus Ute heraus – die Frage, die unseren Osterfrust bündelte: „Denkst du eigentlich manchmal daran, wieder nach Deutschland zurückzugehen?“ Erschrocken blickten wir uns an! So tief hatte uns die Osterdepression schon runtergezogen: Da stellten wir unser paradiesisches Leben hier in Frage wegen eines Osterhasens! Bzw. wegen keines Osterhasens! Frustriert knabberten wir Lukas Kinderkekse in Tierform, pickten natürlich nur die Hasen heraus!
Dann gibt’s eben Eiersalat.
Auf dem Nachhauseweg stoppte ich im Emporium Einkaufszentrum. Im Luxusgeschäft Oriental Shop sah ich einen kleinen Tisch mit Hasen und Eiern: Oh, erleichtert wollte ich gerade zugreifen, dann sah ich die Preise. Das kleinste Schokoei für 8 Euro! Frechheit! Ich kaufte schließlich einen Eiersalat im Supermarkt und machte mich auf den Weg nach Hause. Am Fuße der Treppe des Skytrains versperrte mir ein Baby-Elefant den Weg. Sein Begleiter wedelte mir mit Gurken und Bohnen im Gesicht herum „Want to feed Elephant?!“ Ich fauchte den ahnungslosen Mann auf deutsch an: „Mann, heute ist Ostern! Da will ich keinen Elefanten!“ Erschrocken zog er den kleinen Dickhäuter zur Seite und machte mir den Weg frei.
Ein Prost auf den Osterhasen!
Zuhause aß ich frustriert meinen Eiersalat und trank ein Glas Wein dazu. Ein Prost auf den Osterhasen! Hach, wer hätte gedacht, dass man den alten Freund aus Kindertagen in der Ferne so sehr vermissen wird! Das war vor 4 Jahren, aber Ostern wird auch dieses Jahr immer noch nicht gefeiert in Thailand. Nur ich bin mittlerweile viel besser vorbereitet. Noch einmal wird mich die Osterdepression nicht kalt erwischen: Längst habe ich einen beachtlichen Vorrat an Eierfarben aus Deutschland angesammelt, beim nächsten Thailand-Besucher habe ich schon lila Krokanteier bestellt und meine Mutter hat mir vor wenigen Tagen herrlich kitschige Handtücher mit bunten Hasen geschickt. Und vielleicht schaue ich in den nächsten Tagen auch mal wieder im Zoo vorbei, der Streichelpark sei wieder offen, heisst es.
Meine Freundin Ute lebt übrigens wieder in Deutschland. Nicht ausschließlich wegen des Osterhasens übrigens. Aber sie, sie vermisst jetzt die Elefanten und die Geckos …