Die Eleganz der Madame Michel
Kategorie: Gesehen, Kultur am Sonntag, 9. Mai 2010 von Christine Reichmann – Kommentieren Sie diesen Eintrag als ErsterEin Film, der uns hinter die Fassade blicken lässt:
Madame Michel ist Concierge in einem eleganten Pariser Wohnhaus. Und auf den ersten Blick scheint sie alle für eine Concierge typischen Wesensmerkmale in sich zu vereinen: Sie ist mürrisch, ungepflegt und unscheinbar. Sie hat sich zurückgezogen in ihre eigene Welt, die sie nur mit ihrem Kater teilt. Eine Tür in ihrer kleinen Wohnung ist nicht nur die Tür in ihre Welt der Bücher, sondern sie ist auch die Tür zu Madame Michels wahrem Wesen, das zunächst jedoch unentdeckt bleiben will. Sie liest in jeder freien Minute anspruchsvolle Literatur und entflieht auf diese Weise vor sich selbst, den Menschen, der Welt.
“Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; jede unglückliche Familie jedoch ist auf ihre besondere Weise unglücklich.”*
Im selben Haus wohnt die hochbegabte 11jährige Paloma. Auch sie lebt in ihrer eigenen Welt. Sie hat mit ihren elf Jahren längst durchschaut, wie ärmlich ein Leben im Luxus sein kann. Sie sucht sich immer wieder neue Verstecke und selbst wenn sie sich nicht versteckt, wird sie von ihren Eltern und ihrer älteren Schwester nicht gesehen. Palomas beste Freundin ist ihre Videokamera. Ihr Medium, mit dem sie die äußere Welt beobachtet, kommentiert, entlarvt. Für sie ist jetzt schon klar, dass sie nicht das Leben ihrer Eltern führen möchte und beschließt, sich am Tag ihres 12ten Geburtstages das Leben zu nehmen, sollte sie nicht etwas entdecken, was das Leben lebenswert macht.
Paloma lüftet das wohl gehütete Geheimnis.
Paloma fühlt sich von dem Mysterium der Madame Michele angezogen. Mit ihrer Kamera lüftet sie das wohl gehütete Geheimnis der Concierge und es gelingt Paloma, die Tür zu Madame Micheles Herz wenigstens um einen Spalt breit zu öffnen. Hier in der “kleinen” Welt der Concierge fühlt sich Paloma das erste Mal geborgen.
Ozu weckt Madame Michele aus ihrem Winterschlaf.
Sowohl das Schicksal von Madame Michel als auch das von Paloma wandelt sich mit dem Einzug des geheimnisvollen Japaners Kakuro Ozu. Und schon bald bahnt sich zwischen ihm und der Concierge eine zarte Liebesgeschichte an. Denn auch Monsieur Ozu ahnt, dass sich hinter Madame Michels mürrischer Fassade ein liebenswertes Geheimnis verbirgt und lockt, so sanft wie beharrlich, die barsche Concierge aus ihrem Winterschlaf.
Ein Zitat aus dem großen Buch des Lebens …
Den Protagonisten scheinen die Rollen auf den Leib geschrieben. Mit unglaublichem Fingerspitzengefühl erzählt die Kamera die Geschichte um Madame Michel. Liebevolle Details wie zum Leben erweckte Tuschezeichnungen machen diesen Film zu einem besonderen Kleinod. Er ist in seiner Gesamtheit ein tragisches und zugleich bezauberndes Zitat aus dem großen Buch des Lebens. Mein Tipp: Unbedingt anschauen!
*aus “Anna Karenina” von Leo Tolstoi







