Emanzipation in Buddhas Namen – Thailands erste Frau in Mönchsrobe
Kategorie: Gesellschaft, Reisen am Dienstag, 30. März 2010 von Christina Maria Grawe – Kommentieren Sie diesen Eintrag als ErsterSie hat die Haare kurz geschoren wie ein Mann, sie ist nicht geschminkt, sie trägt keinen Schmuck und keine teure Kleidung. Aber dennoch ist ihr Gewand für Dr. Chatsumarn Kabilsingh das Wertvollste der Welt. Sie hat es hart erkämpft. Es ist das orange-gelbe Mönchsgewand, das Gewand, das traditionell den geweihten männlichen Mönchen zusteht, das Gewand, das Frauen in Thailand eigentlich nicht einmal berühren dürfen. Sie aber darf es sogar am Leibe tragen, denn sie ist Thailands erster „weiblicher Mönch“. Bikkhuni ist der Fachbegriff dafür. Nicht zu verwechseln mit einer buddhistischen Nonne. Davon gibt es viele.
Buddhistische Mönche ziehen jeden Morgen in Thailand von Haus zu Haus und sammeln von den Gläubigen Gaben und in der Regel geben diese reichlich. Als Ven Dhammananda Bhikkuni, so ist ihr Name jetzt, das erste Mal ihre morgendliche Runde machte, gab es nur ein paar Schälchen Reis. Eine Frau im Mönchsgewand? Das kannten die Thailänder noch nicht.
„Die Leute waren am Anfang schon skeptisch.“ gibt sie zu. „Das merkte ich daran, dass ich nur wenig Essen in meine Schale bekam.“ Inzwischen, fast neun Jahre später, muss sie einen Handkarren mitziehen, so viel wird ihr gegeben.
Bikkhuni – Was ist das?
Eine Bikkhuni ist etwas anderes als die Mae Ji, die buddhistischen Nonnen, die man gelegentlich mit geschorenen Köpfen und in weißen Gewändern sieht – momentan gibt es etwa zehntausend solcher Nonnen in Thailand. Sie sind nicht ordiniert. Dr. Chatsumarn aber eben schon. Sie ist die erste Bikkhuni Thailands und damit etwa so außergewöhnlich wie eine katholische Priesterin. Um ‚weiblicher Mönch’ zu werden, musste sie extra nach Sri Lanka reisen. Denn um ordiniert zu werden, muss man zunächst bei fünf Bikkhunis ‚in die Lehre gehen’. In Thailand gab es keine ‚weiblichen Mönche’ und auch heute ist das in Thailand noch nicht möglich. Zwar gibt es hierzulande inzwischen vierzig Bikkhunis, aber nur fünf sind ordiniert, die restlichen sind noch Novizen. Außerdem dürfen Bikkhunis erst nach zwölf Jahren die Ordination weitergeben. Dr. Chatsumarn ist 2001 voll ordiniert worden.
Erst TV-Moderatorin jetzt Geistliche
Ich besuche Dr. Chatsumarn in ihrem Kloster in Nakhom Pathom. Im Eingang grüßt die Figur des lachendes Buddhas den Besucher, fast sinnbildlich für den friedlichen Kampf, den sie jahrelang gefochten hat. Ein Kampf gegen Vorurteile und Falsch-Informationen, ein Kampf auch gegen eine Männerwelt. Die männlichen Mönche in Thailand reagieren auf sie nicht immer positiv. Ihr ginge es nur um „name & fame“ – um Berühmtheit – wurde sie kritisiert. „Die brauche ich nicht mehr!“ erklärt sie „ich habe sieben Jahre lang als Moderatorin im Thailändischen Fernsehen gearbeitet. Ich kenne die Highsociety schon. Damals hatte ich lange lackierte Fingernägel, Make-up und frisierte Haare. Ich war verrückt. Eines Morgens schaute ich in den Spiegel und sah eine fremde Person.“
Dann ging alles sehr schnell. Als die Söhne aus dem Haus waren, trennte sie sich von ihrem Mann. Für Buddha. Sie ließ sich in Sri Lanka von einem Theravada-Orden ordinieren. Dort ist das erlaubt. Als sie im gelben Mönchsgewand nach Thailand zurückkehrte, bedeutete das eine Revolution. Bis heute kämpft sie für ihre Gleichberechtigung und Frauenrechte allgemein. Von der UN wurde sie für ihre Leistungen ausgezeichnet. 2005 war sie für den Friedensnobelpreis nominiert. Aber darüber spricht sie nicht. „Was sind schon Preise!?“ lacht sie, als ich danach frage.
Von ihrem täglichen Leben erzählt sie aber gerne. Sehr simpel, aber sie gewöhnte sich schnell daran, sagt sie. Von ihrem alten Leben vermisst sie nichts mehr. „Außer vielleicht Tea Time. Ich liebe Blaubeer-Käsekuchen!“
Der Dalai Lama ist heute ein enger Freund und begrüßt sie mit Handschlag – nicht gerade üblich für einen buddhistischen Mönch.
Das Geheimnis des Glücks
Sie spricht über Erleuchtung und Glück, und sie spricht so natürlich, als würde man sich mit einer lieben Nachbarin über Kuchenrezepte unterhalten. Sie lacht viel, ihre Augen strahlen. Den Lärm der nahe gelegenen mehrspurigen Straße scheint sie nicht zu hören. Und auch ich höre ihn nicht mehr, als die Bikkhuni zu erzählen beginnt. Denn was sie mir verrät, ist ihr Rezept zum Glücklichsein: Respekt!
„Respekt erhöht die Lebensqualität. Respektiere Dich selbst, liebe Dich selbst! Wir vergleichen uns immer nur mit den Schöneren und Reicheren, statt zu sehen was an unserem eigenen Leben gut ist. Habe Respekt vor Dir selbst, dann respektierst Du auch andere!“ sagt sie. Im Buddhismus gibt es das Dhamma, den christlichen zehn Geboten übrigens sehr ähnlich, allerdings anders formuliert. Darin steht unter anderem: ‚Wir lügen nicht’ – ‚Wir stehlen nicht’ und so weiter. „Diese Gebote braucht man nicht, wenn man Respekt hat. Ich weiß dann von mir selbst, wie wichtig mir mein Eigentum ist oder wie ungern ich angelogen werde und dass es den anderen ganz genauso geht. Die menschlichen Werte müssen wieder in die Gesellschaft zurück.“
Wenn man die göttlich-religiöse Seite nicht in sich hat, verpasst man doch viel, meint sie fröhlich seufzend. Dabei will sie gar nicht missionieren. „Wir alle besteigen einen Berg. Wir Buddhisten von der einen Seite, Ihr Christen von einer anderen Seite, Moslems, Hindus, etc. – wir alle gehen einen anderen Weg. Aber am Gipfel treffen wir uns alle. Deshalb bleibt in Eurer Religion. Ich bedaure Menschen, die konvertieren immer sehr. Auf viele westlichen Menschen übt der Buddhismus ja eine große Faszination aus, weil er vordergründig die Gläubigen nicht so kommandiert wie andere Religionen, aber deshalb ist er nicht die einfachere Religion. Ganz im Gegenteil.”
Wer Dr. Chatsumarn in Thailand einmal persönlich kennenlernen will, hat dazu jeden Sonntag die Gelegenheit. In ihrem Tempel am Petkasem Highway, ca. 1,5 Kilometer vor Nakorn Pathom, gibt es dort immer um 11.30 Uhr ein Mittagessen, zu dem jedermann herzlich eingeladen ist. Männer und Frauen.
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