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Emanzipation in Buddhas Namen – Thailands erste Frau in Mönchsrobe

Kategorie: Gesellschaft, Reisen am Dienstag, 30. März 2010 von Christina Maria GraweKommentieren Sie diesen Eintrag als Erster
Dhammananda Bhikkuni – Thailands erster weiblicher Mönch

Dhammananda Bhikkuni – Thailands erster weiblicher Mönch

Sie hat die Haare kurz geschoren wie ein Mann, sie ist nicht geschminkt, sie trägt keinen Schmuck und keine teure Kleidung. Aber dennoch ist ihr Gewand für Dr. Chatsumarn Kabilsingh das Wertvollste der Welt. Sie hat es hart erkämpft. Es ist das orange-gelbe Mönchsgewand, das Gewand, das traditionell den geweihten männlichen Mönchen zusteht, das Gewand, das Frauen in Thailand eigentlich nicht einmal berühren dürfen. Sie aber darf es sogar am Leibe tragen, denn sie ist Thailands erster „weiblicher Mönch“. Bikkhuni ist der Fachbegriff dafür. Nicht zu verwechseln mit einer buddhistischen Nonne. Davon gibt es viele.

Buddhistische Mönche ziehen jeden Morgen in Thailand von Haus zu Haus und sammeln von den Gläubigen Gaben und in der Regel geben diese reichlich. Als Ven Dhammananda Bhikkuni, so ist ihr Name jetzt, das erste Mal ihre morgendliche Runde machte, gab es nur ein paar Schälchen Reis. Eine Frau im Mönchsgewand? Das kannten die Thailänder noch nicht.

„Die Leute waren am Anfang schon skeptisch.“ gibt sie zu. „Das merkte ich daran, dass ich nur wenig Essen in meine Schale bekam.“ Inzwischen, fast neun Jahre später, muss sie einen Handkarren mitziehen, so viel wird ihr gegeben.

Bikkhuni – Was ist das?

Eine Bikkhuni ist etwas anderes als die Mae Ji, die buddhistischen Nonnen, die man gelegentlich mit geschorenen Köpfen und in weißen Gewändern sieht – momentan gibt es etwa zehntausend solcher Nonnen in Thailand. Sie sind nicht ordiniert. Dr. Chatsumarn aber eben schon. Sie ist die erste Bikkhuni Thailands und damit etwa so außergewöhnlich wie eine katholische Priesterin.
 Um ‚weiblicher Mönch’ zu werden, musste sie extra nach Sri Lanka reisen. Denn um ordiniert zu werden, muss man zunächst bei fünf Bikkhunis ‚in die Lehre gehen’. In Thailand gab es keine ‚weiblichen Mönche’ und auch heute ist das in Thailand noch nicht möglich. Zwar gibt es hierzulande inzwischen vierzig Bikkhunis, aber nur fünf sind ordiniert, die restlichen sind noch Novizen. Außerdem dürfen Bikkhunis erst nach zwölf Jahren die Ordination weitergeben. Dr. Chatsumarn ist 2001 voll ordiniert worden.

So außergewöhnlich wie eine katholische Priesterin

So außergewöhnlich wie eine katholische Priesterin

Erst TV-Moderatorin jetzt Geistliche

Ich besuche Dr. Chatsumarn in ihrem Kloster in Nakhom Pathom. Im Eingang grüßt die Figur des lachendes Buddhas den Besucher, fast sinnbildlich für den friedlichen Kampf, den sie jahrelang gefochten hat. Ein Kampf gegen Vorurteile und Falsch-Informationen, ein Kampf auch gegen eine Männerwelt. Die männlichen Mönche in Thailand reagieren auf sie nicht immer positiv. Ihr ginge es nur um „name & fame“ – um Berühmtheit – wurde sie kritisiert. „Die brauche ich nicht mehr!“ erklärt sie „ich habe sieben Jahre lang als Moderatorin im Thailändischen Fernsehen gearbeitet. Ich kenne die Highsociety schon. Damals hatte ich lange lackierte Fingernägel, Make-up und frisierte Haare. Ich war verrückt. Eines Morgens schaute ich in den Spiegel und sah eine fremde Person.“

Dann ging alles sehr schnell. Als die Söhne aus dem Haus waren, trennte sie sich von ihrem Mann. Für Buddha. Sie ließ sich in Sri Lanka von einem Theravada-Orden ordinieren. Dort ist das erlaubt. Als sie im gelben Mönchsgewand nach Thailand zurückkehrte, bedeutete das eine Revolution. Bis heute kämpft sie für ihre Gleichberechtigung und Frauenrechte allgemein. Von der UN wurde sie für ihre Leistungen ausgezeichnet. 2005 war sie für den Friedensnobelpreis nominiert. Aber darüber spricht sie nicht. „Was sind schon Preise!?“ lacht sie, als ich danach frage.

Von ihrem täglichen Leben erzählt sie aber gerne. Sehr simpel, aber sie gewöhnte sich schnell daran, sagt sie. Von ihrem alten Leben vermisst sie nichts mehr. „Außer vielleicht Tea Time. Ich liebe Blaubeer-Käsekuchen!“

Der Dalai Lama ist heute ein enger Freund und begrüßt sie mit Handschlag – nicht gerade üblich für einen buddhistischen Mönch.

Das Geheimnis des Glücks

Sie spricht über Erleuchtung und Glück, und sie spricht so natürlich, als würde man sich mit einer lieben Nachbarin über Kuchenrezepte unterhalten. Sie lacht viel, ihre Augen strahlen. Den Lärm der nahe gelegenen mehrspurigen Straße scheint sie nicht zu hören. Und auch ich höre ihn nicht mehr, als die Bikkhuni zu erzählen beginnt. Denn was sie mir verrät, ist ihr Rezept zum Glücklichsein: Respekt!

„Respekt erhöht die Lebensqualität. Respektiere Dich selbst, liebe Dich selbst! Wir vergleichen uns immer nur mit den Schöneren und Reicheren, statt zu sehen was an unserem eigenen Leben gut ist. Habe Respekt vor Dir selbst, dann respektierst Du auch andere!“ sagt sie. Im Buddhismus gibt es das Dhamma, den christlichen zehn Geboten übrigens sehr ähnlich, allerdings anders formuliert. Darin steht unter anderem: ‚Wir lügen nicht’ – ‚Wir stehlen nicht’ und so weiter. „Diese Gebote braucht man nicht, wenn man Respekt hat. Ich weiß dann von mir selbst, wie wichtig mir mein Eigentum ist oder wie ungern ich angelogen werde und dass es den anderen ganz genauso geht. Die menschlichen Werte müssen wieder in die Gesellschaft zurück.“

Wenn man die göttlich-religiöse Seite nicht in sich hat, verpasst man doch viel, meint sie fröhlich seufzend. Dabei will sie gar nicht missionieren. „Wir alle besteigen einen Berg. Wir Buddhisten von der einen Seite, Ihr Christen von einer anderen Seite, Moslems, Hindus, etc. – wir alle gehen einen anderen Weg. Aber am Gipfel treffen wir uns alle. Deshalb bleibt in Eurer Religion. Ich bedaure Menschen, die konvertieren immer sehr. Auf viele westlichen Menschen übt der Buddhismus ja eine große Faszination aus, weil er vordergründig die Gläubigen nicht so kommandiert wie andere Religionen, aber deshalb ist er nicht die einfachere Religion. Ganz im Gegenteil.”

Wer Dr. Chatsumarn in Thailand einmal persönlich kennenlernen will, hat dazu jeden Sonntag die Gelegenheit. In ihrem Tempel am Petkasem Highway, ca. 1,5 Kilometer vor Nakorn Pathom, gibt es dort immer um 11.30 Uhr ein Mittagessen, zu dem jedermann herzlich eingeladen ist. Männer und Frauen.

Mehr Informationen:

http://www.thaibhikkhunis.org/eng/

Bangkok alaaf oder vom grenzübergreifenden Bützen

Kategorie: Gesellschaft am Montag, 15. Februar 2010 von Christina Maria Grawe2 Kommentare
"Jeck - we can!"

"Jeck - we can!"

Es ist Montag, Rosenmontag. Ich stehe aber nicht in Köln vorm Spiegel und schminke mich für den Karnevalszug. Ich sitze – trotz Klimaanlage schwitzend – im Büro in Bangkok. Und seufze leise! Radio Köln Webradio läuft. Die Höhner bringen Heimweh übers Internet nach Thailand. Die Wettervorhersage aber auch ein kleines bisschen Ernüchterung: “Sollte die Strecke zu verschneit sein, können keine Pferde eingesetzt werden … Zum Kamelle-fangen empfehlen wir dieses Jahr Handschuhe, maximal 1 Grad wird erwartet!” erzählt die Radiosprecherin gerade. Brrr! Plötzlich erinnere ich mich auch wieder an die kalten Füße, während man stundenlang am Straßenrand zitterte, um auf den Zooch zu warten. Ich denke ans Schwitzen in der Kneipe, gefolgt von der sicheren Kombination: “nass geschwitzt rauskommen und höllisch erkälten”. Und irgendwie hatte ich ja auch immer Halsentzündungen im Februar.

Free Flow Currywurst war auch angekündigt.

Man müsste doch Kölner Karneval und thailändische Temperaturen irgendwie kombinieren! Dieses Jahr gab es tatsächlich den ersten Versuch, denn offenbar bin ich nicht die einzige Deutsche in Bangkok mit Köln-Sehnsucht:

Mein Freund Stefan von Airberlin gemeinsam mit deutschen Networking-Partymachern hatte eine Party organisiert in der Disco “Glow”. Motto “Jeck – we can!”. Da zu diesen Networking-Events, die monatlich einmal stattfinden, auch immer viele Thais kommen, versuchten die Organisatoren im Vorfeld auf der Einladung schon die fünfte Jahreszeit konkret zu erklären. Wobei natürlich nicht bedacht wurde, dass die Thais nicht mal 4 Jahreszeiten hier kennen, aber egal. Auch mit den weiteren auf englisch verfassten Anweisungen konnten Nicht-Kölner sicher zunächst kaum etwas anfangen: “Women will be in power, Ties will be cut off, relationships have only limited relevance, kiss whoever stands next to you, repeatedly …” Free Flow Currywurst war auch angekündigt. Doch zum Bützen später.

Sebastian hatte sich sogar rote Pumps in Männergröße besorgen können.

Wir hatten unseren Mitarbeitern (Halb-Thais und Spanier, alles Karnevals-Nichtkenner) strenge Kostümierungsbefehle erteilt und waren baff: Spanier Francisco kam als Matador im kompletten Outfit. Nicht nur Glitzerjacket und rotes Tuch, auch passende Hose, Schwert, Hut … (Naja, und sogar für die berühmten “cochones” hatte er sich ein Paar Socken in die Hose gestopft! Was ihm später dann peinlich wurde beim Engtanz …). Halb-Thai Sebastian kam als Schulmädchen, hatte sich sogar rote Pumps in Männergröße besorgen können. Und Michael (auch Halb-Thai) hatte sich sogar für sein Rastaman-Kostüm extra echte Rastazöpfe anflechten lassen in einer zweistündigen Prozedur. Und mangels schwarzer Karnevalskörperfarbe hatte er sich mit Eyeliner komplett schwarz angemalt!

Ob rosa Hasenkostüm oder Engelsflügel – in Bangkok gibt’s alles.

Mein Mann und ich wollten als thailändische Parkplatzwächter gehen. Zur Erklärung: Das sind die Typen in Phantasie-Uniform, die an jeder Strassenecke in Bangkok winken und pfeifen wie die Wahnsinnigen. Die Typen, auf die man sich beim Abbiegen oder Einparken auf gar keinen Fall verlassen sollte. Die Typen, die – ganz ehrlich –  allen deutschen Autofahrern in Bangkok höllisch auf die Nerven gehen! Beim Suchen nach so einer Uniform stießen wir auf “PR-Fancy” – Kostümverleih! Unglaublicherweise gibt es mitten in Bangkok in einer kleinen Seitenstraße einen Kostümverleih. Ein winziger Laden auf den ersten Blick, der beim zweiten Hinschauen unfassbare Tiefen offenbart. Da gibt es unzählige proppenvoll gestopfte Hinterzimmer. Man findet rosa Hasenkostüme, sexy Thaitänzerkleidchen, wilde Indianeroutfits, prunkvolle Engelsflügel, Aircrew-Uniformen. Und – tatsächlich auch Parkplatzwächter-Hemden. Mit Pfeife, Schlagstock, Mütze – alles stilecht. Fand auch keiner absurd dort, als wir danach fragten. Todernstes Geschäft. Bizarrerweise war es ziemlich voll dort – auch viele Thailänder probierten gerade Pandakostüme an, suchten nach Supermananzügen. Warum und wofür? Keine Ahnung! Karneval jedenfalls kennt man hier nicht.

Thais mit vor Staunen geöffneten Mündern starrten uns an.

Am Abend also machten wir uns zu viert kostümiert auf den Weg: Vier Deutsche mit Schlagstöcken, Taschenlampen und Pfeifen, Wachmann-Mützen und gleichem Hemd. Der Taxifahrer hob nur kurz verwirrt die Augenbrauen, aber alle anderen Thailänder, die uns unterwegs sahen, starrten uns mit offenem Mund an.

Im “Glow” angekommen, empfing uns Jubel. Clowns, Funkenmariechen, Matrosen und Mafiabosse sprangen schon wild zu “Echte Fründe” durch die Disco. Heimatgefühle! Die Currywurst schmeckte auch fast wie an der Ecke Friesenstraße. Kein Kölsch, aber Bier ist Bier, da konnte man drüber hinwegsehen!

Im Toilettenvorraum traf ich später am Abend auf zwei Thailänderinnen im schicken Abendoutfit. Wir kamen ins Gespräch. Die beiden Bankberaterinnen hatten die Anweisungen auf der Party-Einladung natürlich gar nicht verstanden, dachten also, sie gingen – wie jeden Monat – zu einem relativ ernsthaften Business-Networking-Event. Und waren nun angesichts der wilden Deutschen in merkwürdigen Kostümen völlig verwirrt. Ich erklärte ihnen also in Kurzform Sinn und Verhaltensformen beim Karneval. “And today“ erklärte ich „heute ist der Frauentag.” “Da dürfen Frauen eigentlich jeden Mann küssen, wenn sie wollen.” endete ich. “Wow!” die beiden Thailänderinnen waren sprachlos und begeistert. “Wirklich?? Jeden Mann?” “Naja, zumindest jeden Deutschen hier im Club.” schränkte ich besser mal ein. Sie dankten mir überschwänglich und trauten sich nun zuversichtlich ins Partygetümmel.

Can I kiss you please?

Eine Stunde später sah ich eine von beiden wild diskutierend mit dem Vorsitzenden einer deutschen Firma: “Can I kiss you please? Ja, wirklich, deutsche Männer müssen sich küssen lassen, das habe ich eben gelernt!” Dass der Mann seine böse blickende Ehefrau neben sich hatte, schien meine thailändische Bekannte kaum zu stören. Die andere war erfolgreicher und lag bereits in den Armen eines glücklichen Siemens-Praktikanten. “Great Festival – your Kiss-Festival” rief sie mir zu.

Wie enttäuscht wird sie sein im nächsten Monat beim nächsten Networking-Treffen! Hoffentlich kommt sie dann nicht im Clownskostüm! Denn eins hatte ich bei meiner Karnevals-Kultur-Aufklärung vergessen, den Thailändern zu erklären: Am Aschermittwoch ist alles vorbei!

Reise nach Thailand

Kategorie: Gelesen, Kultur, Reisen am Sonntag, 10. Januar 2010 von Christine ReichmannKommentieren Sie diesen Eintrag als Erster

Der Blick hinter die Kulissen ...

Der Blick hinter die Kulissen ...

Geschichten fürs Handgepäck

Was für eine schöne Idee – die Geschichten fürs Handgepäck, Reiseführer der anderen und ganz besonderen Art. Für meine Thailand-Reise im Dezember habe ich mir dann auch gleich den Thailand-Band ins Handgepäck gesteckt und ihn auf dem Hinflug gelesen. Darin schreiben zeitgenössische thailändische Autoren – einige von ihnen preisgekrönt – über ihr Land. Und so geht es hier nicht um herkömmliche Touristenattraktionen, die perfekt durchgeplant abgehakt werden können. Die Autoren gewähren uns vielmehr den ungleich tieferen Blick hinter die Kulissen ihres Landes. In Geschichten über Bergdörfer, Touristenzentren und das Leben in Bangkok begegnen wir in “Reise nach Thailand” Fischerfamilien, Großstädtern und buddhistischen Mönchen.

Den Stau sinnvoll nutzen …

Meine Lieblingsgeschichte ist gleich die erste in diesem Band. In ihr lerne ich ein junges bangkoker Paar kennen, das sich in seinem gut ausgestatteten Mittelklassewagen häuslich eingerichtet hat. Inklusive Kühlbox für erfrischende Getränke, jeder Menge köstlicher Snacks und der Möglichkeit, unterwegs zumindest die Blase zu erleichtern. Warum das alles? Weil es in Bangkok zu jeder Tages- und Nachtzeit sehr wahrscheinlich ist, früher oder später im Stau zu stecken. Eher früher als später und eher länger als kürzer. In diesen Fällen lernt man besser gleich, die Ruhe zu bewahren. Denn man steckt unweigerlich fest und es ist sinnvoll, sich darauf vorzubereiten, um diese Zeit “genießen” zu können. Dies macht erfinderisch und so lernen wir in ebendieser ersten Geschichte einen weiteren bangkoker Stauprofi kennen. Er denkt nicht nur an sein leibliches Wohl und Komfort, sondern auch an die Umwelt. So hat er  immer ein paar Bananensetzlinge an Bord. Und wenn er im Stau steht, steigt er eben aus und pflanzt neben der Straße seine Bananenstauden – für mehr Grün und ein besseres Klima in der quirligen Millionenmetropole.

Unglaublich, aber wahr!

Für jemanden, der noch nie in Bangkok war, mag schon die erste Geschichte völlig absurd erscheinen. Aber glauben Sie mir, diese Geschichte kann wirklich wahr sein. Auch ich hätte mir bei mancher Auto”fahrt” durch Bangkok ein kühles Getränk, etwas Leckeres zu essen und eine Toilette gewünscht. Aber zumindest war ich bisher immer in bester Gesellschaft und habe mich auch im Stau stets prächtig unterhalten. Wenn Sie nach Thailand (oder auch woanders hin reisen), stecken Sie sich die entsprechenden Geschichten fürs Handgepäck ein. Sie gibt es für die unterschiedlichsten Reiseziele und öffnen Ihnen die Augen für das jeweilige Land auf ungewöhnliche Art und Weise. Schönes Fernweh!

“Reise nach Thailand. Geschichten fürs Handgepäck”, Unionsverlag, Schweiz

Same same but different

Kategorie: Gesellschaft, Reisen am Freitag, 18. September 2009 von Christina Maria GraweKommentieren Sie diesen Eintrag als Erster

Jeder Tourist, der das erste Mal nach Thailand kommt, wird spätestens am zweiten Tag seines Aufenthaltes mit einer Situation konfrontiert werden, die er einfach nicht versteht. Beispiel: Er will ein rotes T-Shirt kaufen, fragt die Verkäuferin, ob es das vielleicht in XL gibt. Die nickt, hält ihm aber eine grüne Hose hin und sagt fröhlich – seinen erstaunt-fragenden Gesichtsausdruck ignorierend – „same same – but different!“. Ist doch genauso, nur eben anders!

Als Tourist findet man das amüsant, führt es auf mangelnde Sprachkenntnisse auf beiden Seiten zurück. Viele kaufen sich sogar die T-Shirts mit dem Schriftzug „same same but different“, die auf den Urlaubermärkten angeboten werden.

Wenn man aber hier lebt, kann eben gerade dieses „different“ schnell zu einem extremen Nervfaktor mutieren.

Sieht doch fast genauso aus!

Neulich: Ein Handwerker repariert die weißen Kacheln in meinem Bad, setzt aber eine einzige in beige ein. Same same, nur eben anders! Wo ist das Problem, scheint er mich zu fragen! Sieht doch fast genauso aus.

Same same!

Same same?

Ich gehe durch ein Kaufhaus, will schwarze hohe Schuhe kaufen. Der Verkäufer hält mir beige Wanderschuhe hin „Discount 10 percent!“ Ist doch besser, das billige Paar zu kaufen, denkt ER. ICH denke, wie zum Teufel soll ich denn Wanderschuhe unters kleine Schwarze anziehen!!

Meine Vermieter erhöhen die Miete, nachdem ICH renoviert habe. Schließlich ist das Haus nach dem Streichen und Reparieren ja mehr wert. Logisch, also mehr Miete! ICH soll mehr Miete zahlen, obwohl ICH renoviert habe?? Logisch für Thais, aber nicht logisch für mich als Deutsche.

Logik oder Unlogik, das ist hier die Frage …

Ein Autounfall: ein besoffener Thailänder auf einem Mofa ohne Helm fährt quer über die Autobahn, geradewegs ins Auto meines Mannes. Klare Schuldklärung in diesem Falle, aber man weist meinen Mann höflich darauf hin, er sei ja theoretisch mit Schuld. Schließlich wäre der Unfall ja nicht passiert, wenn er nicht gerade zu dem Zeitpunkt dort auf der Autobahn gefahren wäre. Und überhaupt, wäre er in Deutschland geblieben, wäre es nie zu diesem Zusammenstoß gekommen. Es ging nicht um Abzocke, das muss ich betonen. Selbst der Anwalt meines Mannes musste diese Logik bestätigen!

Logik oder Unlogik??

Mit viel Geduld und guten Gedanken klappt's dann auch irgendwann mit der Tapete ...

Mit viel Geduld und guten Gedanken klappt's dann auch irgendwann mit der Tapete ...

Der größte Kulturschock für mich immer wieder: Der Besuch im Baumarkt.

Ich möchte Tapete kaufen. Freundlich reicht man mir die Musterbücher und hilft mir bei der Auswahl. Ich finde eine Tapete und sage: Diese dort, 10 Rollen. Die Verkäuferin lächelt freundlich, nimmt mir das Buch (das sie mir kurz vorher gegeben hat, wohl bemerkt!) aus der Hand und sagt: Oh, diese Tapeten aus diesem Buch führen wir nicht!

Nach langjähriger Thailand-Erfahrung gebe ich aber nicht auf und frage geduldig nach einem Buch, dessen Tapeten sie führen. Ich suche also eine neue aus. Die Verkäuferin aber muss mich wieder enttäuschen: Sorry, nur noch 2 Rollen da. Sagt es, klappt das Buch zu und geht.

Baumarkt-gewieft laufe ich hinterher und frage, ob sie die Tapete denn bestellen könnte. Sie nickt freundlich: Ja, dauert eine Woche. Warum sie mir das nicht von sich aus anbietet, frage ich sie dann doch. Sie sagt, ich hätte doch nicht danach gefragt!

„Noo, no have.“

Selber Baumarkt, anderer Tag. Wir wollen eine Hochdruckreiniger kaufen. Der Verkäufer preist uns ein reduziertes Spitzenmodell an, wir entscheiden uns aber für ein anderes. „Noo, no have.“ Nein, diese Modell führen sie nicht, es sei auch nicht zu bestellen. Warum es dann überhaupt ausgestellt ist, verstehen wir nicht! Nein, auch das Ausstellungsstück sei nicht zu kaufen, das sei ja schließlich das Ausstellungsstück. Nach endlosen Diskussionen geben wir klein bei und sagen: Okay, wir nehmen das zuerst angepriesene reduzierte Gerät. Der Verkäufer schaut uns an und sagt: Oh, sorry, das ist ausverkauft! Er könne es zwar bestellen, aber nur zum doppelten Preis.

Wieso, weshalb, warum …

Das ist dann der Moment, wo man als Deutscher nur noch Fragezeichen in den Augen hat, einfach nicht verstehen kann, waaaarum und wieso und weshalb!

Immer wieder trifft man Ausländer in Thailand, die sich endlos aufregen über die faulen dummen Thais. Über die naiven blöden Asiaten usw.

Ich bemühe mich, nicht in diesen Chor einzustimmen. Denn, was wir immer wieder schnell vergessen: Auch wenn die Menschen hier die gleiche Mode tragen wie in Berlin und New York, auch wenn sie den gleichen Café Latte bei Starbucks bestellen, auch wenn sie wie überall auf der Welt The Bachelor und Grey´s Anatomy schauen und hier Sarah Connor im Radio dudelt: Wir sind hier am anderen Ende der Welt, in einem anderen Kulturkreis, leben mit Menschen, die eine andere Art der Schulbildung genossen haben, die in einer anderen Religion und Philosophie erzogen wurden, die offensichtlich wirklich einfach anders denken! Was ist denn schon Logik? Das, was wir Europäer für Logik halten??

Ein lustiges Beispiel zum Schluss:

Mein Mann möchte in eine bestimmte Werkstatt, hat die Telefonnummer bekommen, weiß aber die Adresse nicht. Er ruft an, fragt den Handwerker, ob er gleich aus dem Taxi noch einmal anrufen kann und das Handy dem Taxifahrer geben kann, so dass der die Adresse erfährt. Ja, kein Problem. Im Taxi also, mein Mann ruft wieder an, sagt: Ich sitze jetzt im Taxi und will zu deiner Werkstatt kommen, sagst du bitte dem Fahrer, wo es hingeht. Na klar. Umständlich wird alles erklärt, der Taxifahrer nickt und fährt hin. Geschlossene Rolltore an der angegebenen Adresse. Doch, sagt der Fahrer, die Adresse stimmt, schau doch, da steht das Schild besagter Werkstatt. Mein Mann ruft also wieder den Handwerker an. „Wo bist du? Warum sind die Rolltore zu?“ Der ist völlig erstaunt: „Heute ist doch Ruhetag, wir haben geschlossen!“ Wer hat den Fehler gemacht?? In der Logik des Thailänders: mein Mann. Schließlich hat er doch nur nach der Adresse und der Anfahrt gefragt, er hatte nicht gefragt „Hast du heute geöffnet?“

Mein Mann und ich, wir haben einen Weg gefunden, uns zu arrangieren. Wir setzen einfach nichts mehr voraus. Bei einem Kauf oder einer Verabredung erfragen wir alles bis ins letzte Detail. Dann wissen wir Bescheid und es entstehen keine Missverständnisse. Nur eine Art von Fragen versuchen wir zu unterdrücken: Fragen, auf die es zumindest von Thailändern keine Antworten gibt: die W-Fragen! Warum, wieso, weshalb und wann – neulich antwortete ein Thai auf die Frage „warum?“ mit „Kein warum.“ Klar und deutlich.

Die frohe Botschaft?

Warum ich diese Erlebnisse als frohe Botschaft aufschreibe – weil ich finde, es macht mir jeden Tag klar, dass ich nicht der Mittelpunkt der Welt bin, sondern dass sie groß und bunt ist. Ich lerne jeden Tag, mich aufs Neue zu arrangieren, anzupassen, aber auch mich durchzusetzen.

Oberflächlich betrachtet sind wir Großstädter Mitte bis Ende 30 eigentlich alle gleich, sind alle im Facebook, telefonieren mit dem I-Phone und wissen, welche Jeans gerade angesagt ist – aber dann wieder sind wir doch alle völlig verschieden.

Same same, aber doch different! Wie schön eigentlich!

Der schönste blaue Fleck der Welt

Kategorie: Gesellschaft am Dienstag, 25. August 2009 von Christina Maria GraweKommentieren Sie diesen Eintrag als Erster
Big vor 4 Monaten, als er noch nicht lächeln konnte.

Big vor 4 Monaten, als er noch nicht lächeln konnte.

Ich habe einen Knutschfleck. Ja, so richtig, einen blauen Fleck am Hals, deutlich sichtbar. Der Schuldige? Nicht mein Mann! ”Oho”, werden Sie denken! Aber ich bin glücklich über diesen Knutschfleck, denn er ist von einem Thailänder, in den ich ein bisschen verliebt bin! “Das wird ja immer schlimmer!” schütteln Sie jetzt sicherlich den Kopf. Na gut, die Erklärung: Besagter Thailänder ist ein noch ziemlich kleiner Mann, 10 Monate alt und den blauen Fleck hat er mir nicht erknutscht, sondern er hat einfach zu feste an meinen Hals gegrabscht. Warum ich mich so freue über diesen blauen Fleck?? Der kleine Junge heißt ”Big”, ein symbolischer Name, den man ihm gab, um ihm Kraft zu verleihen.

Man nannte ihn “Big”, um ihm Kraft zu verleihen.

Bigs Start ins Leben war nämlich alles andere als kraftvoll. Er kam mit dem HIV-Virus zur Welt. Seine Mutter – im fortgeschrittenen Stadium aidskrank – hatte ihn angesteckt. Nicht nur mit HIV, sondern auch mit TB. Die Schwangerschaft hatte sie so sehr geschwächt, dass sie nun – völlig abgemagert und apathisch – auf der Sterbestation liegt. Auch Big war ein jämmerlicher Anblick, als ich ihn vor 6 Monaten das erste Mal sah. Mutter und Baby waren durch glückliche Umstände in Bangkoks Mercycentre gelandet. Bigs Mutter wird hier immerhin würdevoll und liebevoll gepflegt ihre letzten Wochen verbringen dürfen. Auch für das Baby sah die Zukunft nicht rosig aus zu Beginn. Big konnte nicht lachen, war dünn und sah aus, als würde er den nächsten Tag nicht überleben. Ein schwerkrankes teilnahmsloses Baby, dessen Anblick mir das Herz schmerzen ließ. Die nächsten Monate verbrachte er immer wieder wochenlang im Krankenhaus, zum Glück mit einer liebevollen Pflege-Ersatzmutter an seiner Seite: Mae Gung, die seit Bigs Ankunft im Heim jede Nacht an seiner Seite lag, im Krankenhaus und im Heim.

Er lächelt …

Jedes Mal, wenn ich zum Mercycentre kam, war ich eigentlich auf eine traurige Nachricht über den kleinen Big eingestellt. Meist sagte man mir “Er schläft, er hat wieder Fieber!” oder “Er ist seit gestern wieder im Krankenhaus, braucht Infusionen.” Letztes Wochenende aber kam ich dorthin und fand eine strahlende Mae Gung und einen lächelnden Big vor. Ich erkannte ihn kaum wieder. Der Kleine ist mittlerweile 10 Monate alt, sieht zwar immer noch aus wie maximal 5 Monate, aber er hat ein bisschen Speck angesetzt. Er verträgt die neue Spezialnahrung jetzt sehr gut und auch alle anderen Medikamente sind nun offenbar richtig auf den kleinen Körper eingestellt. Und – er lächelte, zappelte und griff energisch feste an meinen Hals! Und das ist der Grund, warum dieser blaue Fleck der schönste der Welt ist.


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